Heinz Hossdorf - Werke leben weiter
Zum 100. Geburtstag von Heinz Hossdorf lohnt sich der Blick auf seine Industriebauten, die er gemeinsam mit Architekten entwickelte. Denn sie sind mehr als reine Zweckbauten. Ihre Mehrschichtigkeit aus Tragwerk, Raum und Nutzung macht sie wandlungsfähig – und sichert ihr Potenzial für die Zukunft.
Industriebauten sind oft reine Zweckbauten – und oft kaum mehr als das. Heinz Hossdorf (1925–2006), Ingenieur und Entwerfer, schuf dafür Tragwerke, die bis heute ein Erhaltungspotenzial besitzen, das über das vieler anderer Hallen ihrer Zeit hinausgeht – weil sie Raumqualitäten bieten, die für neue Programme offenbleiben. «Wenn die Grundlage stimmt, dann bleiben die Bauten weiterhin nutzbar», fasste Hossdorf selbst sein Credo zusammen. Zu diesen Grundlagen gehören: Bauphysik, Akustik, Licht und Statik.
In dieser Kombination liegt das Besondere seiner Bauten. Sie sind ingenieurtechnisch präzise ausgebildet und halten Spielräume für veränderte Nutzungen kommender Generationen offen. Um nachvollziehen zu können, warum die Werke Hossdorfs dieses Potenzial haben, lassen wir hier ausgewählte Weggefährten und Zeitzeugen des Ingenieurs zu Wort kommen.
Die Erinnerungen und Einschätzungen sind mehr als historische Anekdoten: Sie machen sichtbar, wie Hossdorf dachte, arbeitete und entwarf – und warum seine Tragwerke auch heute noch zum Erbgut der Baukultur gehören und vor allem auch Inspirationsquelle sein können.
Tragstruktur als Konstante
Viele von Hossdorfs Bauten verdanken ihre Beständigkeit der Tragstruktur – sie waren materialökonomisch, robust, gestalterisch überzeugend und prägten den Raum. Hossdorf entwickelte sie in enger Zusammenarbeit mit Architekten. Heinrich Schnetzer, diplomierter Bauingenieur ETH und Mitgründer von Schnetzer Puskas Ingenieure, dem Nachfolgebüro von WGG Ingenieure, das aus Hossdorfs Büro entstand, erlebte dessen Arbeitsweise und erinnert sich: «Hossdorf war charismatisch und sehr von sich überzeugt. Er konnte seine Ideen verkaufen, und Architekten suchten die Zusammenarbeit mit ihm, weil er sie inspirierte und neue Ideen anstiess. Er war kein Hallenbauer im klassischen Sinn, doch wenn er eine Halle entwarf, entstanden besondere Lösungen. Er setzte sich intensiv mit dem industriellen Bauen auseinander und verstand es, den Herstellungsprozess in den Entwurf einzubeziehen – wie man Tragelemente produziert und baut und Material effizient nutzt. In einer Zeit, in der dieses teuer war, fand er kostengünstige, aber gestalterisch überzeugende Lösungen.»
Vielen seiner erhaltenen Bauten gemeinsam ist, dass sie ihre Qualität aus der Primärstruktur ziehen: Die dünne Betonmembran des Stadttheaters Basel, die sich wie ein ausgebreiteter Baldachin über 60 m spannt und nur eine geringe Eigenlast aufweist, zeigt exemplarisch, dass strukturelle Effizienz und sparsamer Materialeinsatz nicht im Widerspruch zu architektonischer Qualität stehen, sondern diese erst ermöglichen.
Auch das Kieswerk in Gunzgen (SO), die Dachschalen der Lagerhalle der Zementfabrik in Liesberg (BL), das Schreinereigebäude Voellmy & Co. in Basel oder der Pavillon «Les échanges» der Landesausstellung Lausanne 1964 stehen für seine unbefangene Arbeitsweise, den gestalterischen Umgang mit Tragwerken und seine Pionierarbeit. Selbst die relativ kleinen Faltwerke der Rudolf-Steiner-Schule in Basel zeigen, dass Präzision in der Statik auch Raumqualität schafft.
Und die Schalen des VSK-Zentrallagers in Wangen bei Olten wären kaum realisiert worden, hätte sich der Entwurf im Wettbewerb nicht dank Wirtschaftlichkeit, kurzer Bauzeit, rationaler Abläufe und flexibler Nutzung durchgesetzt. Auch wenn die Konstruktion nicht die Dauerhaftigkeit erreichte, von der man damals ausging, gilt das Lager als herausragendes Beispiel ingenieurbaukünstlerischer Leistung in vorgespannten Segmentbauweisen der 1960er-Jahre. Die Hallen überspannen bis zu 25 m ohne innere Stützen – ein Mass, das auch heute grossmassstäbliche Nutzungen ermöglicht.
Wandelbare Programme
Solange die Primärstruktur intakt bleibt oder repariert werden kann, lassen sich die Gebäude weiterdenken. Statik bedeutet hier nicht nur Sicherheit, sondern baukulturelles Kapital: Freiraum für flexible Bespielbarkeit. In manchen Werken wie der Goldzackhalle im sankt-gallischen Gossau wird die Wandelbarkeit von Hossdorfs Bauten exemplarisch sichtbar: Programme ändern sich, die Tragwerke bleiben. Wo früher industriell produziert wurde, kann man heute Sport treiben. Die Räume funktionieren, weil das Potenzial der statischen Funktion mitgedacht wurde – sie können andere Inhalte aufnehmen, ohne ihre Klarheit zu verlieren.
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Peter Marti, emeritierter Professor für Baustatik und Konstruktion an der ETH Zürich, der 1998 eine Ausstellung über Heinz Hossdorf im Namen der Gesellschaft für Ingenieurbaukunst organisierte, bringt es auf den Punkt: «Viele Zweckbauten zerfallen, wenn das Programm verschwindet. Hossdorfs Tragwerke hingegen beruhen auf einer konstruktiven Logik, die sich über Jahrzehnte bewährt hat. Darin liegt ihre Aktualität.»
Hossdorf bewies, dass Ingenieurbaukunst nicht nur Berechnung ist. Sie ist ebenso Formfindung und Raumgestaltung. Er hatte ein gutes gestalterisches Gespür, und es interessierte ihn, wie Tragelemente den Raum definieren. Diese Qualität ist kein Zufall. Hossdorf verband wissenschaftliche Verifikation mit gestalterischer Intuition. Licht folgt den Krümmungen, Proportionen sind auf den Menschen abgestimmt, Akustik erwächst aus der Struktur selbst.
«Er konstruierte räumlich. Fast immer vorgespannt – das war seine Art, mit Randstörungen und Biegemomenten im Beton umzugehen», beschreibt Elke Genzel, Professorin für Bauwerkserhaltung und Baugeschichte an der HTW Berlin, die Hossdorf und viele seiner Mitstreiter persönlich gesprochen hat. Sie ergänzt: «Mit den Architekten auf Augenhöhe kommunizieren, Details aufzeichnen und skizzieren zu können, das ist die Urzelle des Vorgehens und auch des späteren Büros.»
So prägte Hossdorf viele bedeutende Bauten, weil er sie aktiv mitentwickelte. Er verband zudem die konzeptionelle Entwurfsarbeit mit experimentellen Versuchen. In den 1970er-Jahren entwickelte er sogar eigene Softwareprogramme, mit denen er eine frühe Vision digitaler Planungsmodelle umsetzte. So entstand seine ganz eigene Arbeitsweise.
Erhalt als kulturelle Aufgabe
Hossdorfs Denken spiegelt sich auch heute noch in seinen Bauten, was uns auffordert, den Bestand nicht als überholt zu begreifen. Die Frage des Erhalts stellt sich besonders bei Industriearealen, die in umfassende Transformationsprozesse geraten. Häufig entscheidet die Grundstückswirtschaft schneller als die Baukultur – und damit droht der Verlust von Bauten, deren Potenzial oft erst auf den zweiten Blick sichtbar wird. Hossdorfs Hallen bieten dank ihrer grosszügigen Spannweiten und klaren Strukturen eine Offenheit, die für neue Programme prädestiniert ist, die ihre Erbauer kaum vorausahnten.
«Stützenlose Hallen bieten per se eine Flexibilität in der Nutzung», betont Tivadar Puskas, ebenfalls Mitgründer des Ingenieurbüros Schnetzer Puskas Ingenieure. «Die Eigenart der Tragwerke, wie sie Hossdorf entwickelte, ist, dass sie durch ihre Formgebung mit minimalem Materialbedarf grosse Spannweiten elegant überbrücken.» Es liegt an den Bauherrschaften, ob sie diesen Wert erkennen, um darin entsprechende Nutzungen zu entwickeln und gleichzeitig die Ressourcen zu schonen.
Giulia Boller, Bauingenieurin, Architektin und Historikerin sowie Dozentin und Postdoktorandin an der ETH Zürich mit Schwerpunkt in Geschichte des Ingenieurwesens, weiss die Essenz herauszukristallisieren: «Bei Hossdorfs Bauten entfaltet sich eine vielschichtige Qualität. Diese speist sich aus der interdisziplinären Zusammenarbeit und zeigt sich im Tragwerk und im Innenraum gleichermassen. Jedes Konstruktionsprinzip war projektspezifisch, reagierte auf den gegebenen Kontext. Seine Hallen sind bemerkenswerte Ingenieurbauten, die von einer Mehrschichtigkeit geprägt sind und die auf Veränderungen reagieren können – selbst wenn dies vielleicht nicht immer ursprünglich die Intention der Planung war. Es zeigt jedoch, dass sich sorgfältige Gestaltung und ganzheitliches Denken langfristig auszahlen.»
Die Stärke von Hossdorfs Bauten liegt in ihrer Adaptierbarkeit: Tragwerk, Dachstruktur, Stützenkonzeption – diese ergeben ein räumliches Potenzial, das sich neuen Programmen öffnen kann. Beim Besuch dieser Bauwerke und im Gespräch mit Nutzern, Mieterinnen, Hauswarten und Personal zeigt sich, dass die Bevölkerung diesen Wert ebenso erkennt wie Fachleute.
Auch wenn die Gebäude nicht unter Denkmalschutz stehen, gelten sie als besonders und identitätsstiftend – als baukulturell erhaltenswert. Hossdorfs Hallen überzeugen durch Ganzheitlichkeit und Mehrschichtigkeit. Darin liegt ihre Essenz – und ihre Chance.