Bio­gra­fie Heinz Hoss­dorf

Publikationsdatum
10-11-2025

Heinz Hossdorf wird am 20. Dezember 1925 in Wiesbaden in eine Kaufmannsfamilie hineingeboren und wächst in Basel auf. Seine Kindheit ist von bürgerlicher Strenge und klaren Benimmregeln geprägt – ein Umfeld, das so gar nicht zu seinem lebhaften, experimentierfreudigen Wesen passt. Nicht selten gleicht sein Kinderzimmer einem Labor. 

Da dies kaum geduldet wird, schult sich schon früh etwas sehr Wesentliches: eine Haltung, die widerstandsfähig macht, Durchhaltevermögen und eine Erfindungsgabe, die gegen vorgefasste Meinungen genutzt werden kann. Schon als Kind setzt er seine Interessen mit einer natürlichen Radikalität durch – eine Haltung, die ihn später beim Entwerfen bei Architekten beliebt macht.

Hossdorfs schulische Laufbahn führt über das Real­gymnasium zum Naturwissenschaftlichen Gymnasium in Basel. Hier gelingen ihm bereits einige technische Erfindungen, die ihn als Maschinenbau-, Schiffbau- oder Flugzeugbauingenieur qualifizieren könnten. Verzweifelt sucht er nach dem richtigen Studium, das alles verbindet, was ihn interessiert. 

«Mein Ziel ist, Forschungsingenieur zu werden», schreibt er dem Rektor der ETH Zürich. Doch ein Studium generale gibt es nicht, und so entscheidet er sich 1946 nach mehreren Wechseln – vom Maschinenbau über Physik und Mathematik – für das Bauingenieurstudium: «...weil es der einzige Beruf ist, in dem man sich selbständig machen kann. Ein eigenes Büro haben und von dort aus machen, was einem Spass macht», wie er selbst sagt.

Der Blick auf Hossdorfs Studienplan zeigt seine grosse Neugier: Er belegt neben Flugwesen und Aerodynamik auch Spanisch, Psychologie, Philosophie und Goethes Diwan-Gedichte. Doch eines wird an der ETH nicht angeboten: Schalenbau. So verlässt er 1950 Zürich, um dies in Aachen bei Rudolf Hirschfeld zu erlernen. Er kehrt kurz an die ETH zurück, verlässt sie aber wieder ohne Diplom – vermutlich, weil ihm dieses Auslandssemester in Aachen nicht anerkannt wurde.

1953, zwei Jahre später, eröffnet er sein eigenes Büro in Basel. Durch gute Kontakte kann er Aufträge generieren, die ihn herausfordern und im Laufe der Jahre eine eigene Methodik erkennen lassen. Er ist ein ausgesprochen räumlicher Entwerfer, der immer nach neuen Herausforderungen sucht und sich nie wiederholt. Als Autodidakt wird er ein Meister der Vorspannung – nicht nur mit Beton, sondern auch mit Mauerwerk, Holz und Kunststoff. 

Vor allem aber vertraut er beim Nachweis seiner anspruchsvollen Konstruktionen nicht auf den numerischen Nachweis, sondern auf das Modell. In der Modellstatik wird er zur Institution und mit seinem Labor weit über die Grenzen der Schweiz hinaus berühmt. Hier findet er, was er gesucht hat: Die Möglichkeit, das zu tun, was ihm Spass macht.

Nach 20 Jahren Erfahrung mit Messmodellen erkennt er Mitte der 1970er-Jahre, dass das physische Modell durch das Computermodell ersetzt werden wird. So verkauft er sein Büro und entwickelt, als einer der ersten Pioniere, von 1978 bis 1984 ein CAD-Programm. Es ist ein «programm generale», also nutzbar von jedem Entwerfer, der mit dreidimensionalen Modellen umgehen kann. Der Erfolg bleibt aus, weil Hossdorf diese Kulturrevolution als Unabhängiger bestehen und sich nicht an eine der grossen Computerfirmen binden will.

1984 wandert er nach Madrid aus und widmet sich auch in den letzten Jahren seines Lebens dem Modell. Er möchte herausfinden, was im menschlichen Gehirn passiert, wenn wir etwas modellhaft wahrnehmen, wie wir es ablegen, wie wir es wieder hervorbringen. Alles brachte er zu Papier im (unveröffentlichten) Skript «Kognitives Modellieren», das heute im Archiv der EPF Lausanne schlummert. In diesem Vermächtnis ist Hossdorfs Denkweise, die eines genius universalis, bestens dokumentiert.

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