Erhalt bedingt Nutzung
Die Goldzackhalle in Gossau (SG) ist Ingenieurbaukunst der 1950er-Jahre. Ihr Tragwerk ist zugleich Raumstruktur und ermöglicht seit Jahrzehnten immer neue Nutzungen. Diese Flexibilität macht sie zu einem Beispiel dafür, wie Erhalt durch Nutzung gesichert werden kann.
Die 1954/55 erbaute Goldzackhalle im sankt-gallischen Gossau ist ein Industriegebäude der Nachkriegszeit und ein Beispiel dafür, wie Ingenieurbaukunst und Nutzungsvielfalt den langfristigen Erhalt eines Bauwerks sichern können. Der Bau liegt am oberen Ende der 1912/13 angelegten Stadtbühlstrasse, die von der Herisauerstrasse zum Bahnhof führt, und gehört zum Ensemble Stadtbühlpark.
Entworfen von den Architekten Heinrich Danzeisen und Hans Voser sowie konstruiert und weiterentwickelt vom jungen Basler Ingenieur Heinz Hossdorf, vereint die Halle Tragwerk, Raum und Licht zu einer funktionalen Einheit. Dabei überarbeitete der nach der ersten Planungsphase neu beigezogene Hossdorf eine ursprüngliche Entwurfsidee, die aufgrund der hohen Kosten zu scheitern drohte, mit einem neuartigen Tragsystem.
Gerade deshalb – und weil der Bau in seiner Form und Ausführung schweizweit einzigartig ist – wird er in der überarbeiteten Schutzverordnung der Stadt Gossau als Kulturobjekt von nationaler Bedeutung unter Schutz gestellt. Die öffentliche Auflage fand im Juni 2024 statt. Da keine Einsprachen eingingen, kann von einer Unterschutzstellung ausgegangen werden. In der bisherigen, noch rechtskräftigen Schutzverordnung ist die Halle noch nicht enthalten, aber bereits im Ortsbildinventar von 2002 als schützenswert vermerkt (ohne Rechtskraft).
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Statisch verbundene Zylinderschalen
Der Bau wurde als Erweiterung der Gossauer Gummibandfabrik Goldzack errichtet und ist eine Kreiszylinder-Sheddach-Konstruktion aus sechs Betonschalen, die vor Ort im Spritzbetonverfahren hergestellt wurden und im Scheitel nur gerade 7 cm und am Kämpfer nur 12 cm dick sind.
Die Zylinderschale ist zwar statisch an und für sich keine ideale geometrische Form, aber bezüglich der Ausführung ist sie relativ einfach umsetzbar – ein Ansatz, der typisch war für Hossdorf: Er verband die hintereinandergereihten, schief gestellten Zylinderschalen über sichelförmige Stahlrohrausfachungen zu einer einzigen, räumlich wirksamen Verbundkonstruktion.
Anstelle der sonst üblichen Randglieder – oft in Form von einbetonierten Stahlträgern – übernehmen hier die Betonschalenränder zusammen mit den Ausfachungen die Versteifung und machen die dünnwandigen Zylindermembranen überhaupt erst tragfähig. So wurde aus dem architektonischen Entwurf ein technisch wie wirtschaftlich realisierbares Bauvorhaben.
Die verstärkten Schalenränder wirken als Ober- und Untergurte eines in einer schiefen Ebene liegenden ebenen Fachwerks und bilden die Hauptelemente der Beton-Stahl-Verbundkonstruktion. Die Verankerung der Stahlfüllstäbe direkt im Beton betrat damals ingenieurtechnisches Neuland – ausserhalb der geltenden Normen.
Das war mutig, aber ein kalkuliertes Risiko. «Denn Hossdorf war ein sorgfältiger Konstrukteur und hatte Vertrauen in seine Arbeit», erzählt Heinrich Schnetzer, Mitgründer des Ingenieurbüros Schnetzer Puskas Ingenieure, dem Nachfolgebüro von WGG Ingenieure, das wiederum Nachfolger von Hossdorfs Büro war.
So entstand ein steifes, transparentes Verbundsystem, das ohne massive Auflager auskommt und den Lichteinfall nicht beeinträchtigt. Mit diesem Sheddach-Konzept reduzierte Hossdorf den Materialbedarf erheblich: Statt der ursprünglich vorgesehenen 40 cm dicken Tonnenschalen, die aus Kostengründen kaum realisierbar gewesen wären, genügten 7–12 cm dünne Schalen.
Das Ergebnis ist eine stützenfreie Halle von 1400 m² Grösse (50 × 28 m), leicht, hell und wirtschaftlich – und dennoch allen Beanspruchungen durch Eigengewicht, Wind und Erdbeben gewachsen. Das integrale statische Zusammenwirken der benachbarten Zylindereinheiten ergibt an der Basis einen langgestreckten, zackenförmigen Grundriss, wodurch quer verlaufende Dilatationsfugen ausgeschlossen sind.
Die Schalen lagern entlang beider Fassaden auf durchgehenden Stahlbetonbändern, die auf in Längsrichtung verschieblichen Kipplagern ruhen. Die dort eingeleiteten Horizontalkräfte werden von vorgespannten Betonzuggliedern bzw. teilweise vorgespannten Deckenunterzügen in Querrichtung aufgenommen.
Das komplexe statische Verhalten der schräg gestellten Zylinderschalen und die Wirkungsweise der neuartigen Verbundkonstruktion wurden mithilfe elastizitätstheoretischer Überlegungen und Näherungsberechnungen untersucht. Ergänzend fertigte Hossdorfs Ingenieurbüro ein Mörtelmodell im Massstab 1: 20 mit integriertem Stahlfachwerk an. Auf diese Weise liess sich die Tragwirkung auch «kinästhetisch» nachvollziehen – ein eigenes Modellversuchslabor hatte Hossdorf zu jener Zeit noch nicht.
Nutzungsgeschichte
Die Goldzackhalle erlangte früh internationale Anerkennung: 1964 wurde sie in der Ausstellung «Twentieth Century Engineering» im Museum of Modern Art in New York gezeigt. In Fachkreisen gilt sie als «Leuchtturm der Nachkriegsarchitektur» in der Schweiz. Die architektonische Bedeutung ist unbestritten, das Tragwerk bleibt leistungsfähig und effizient, ihre Raumqualität attraktiv.
Die Tragkonstruktion ist auch Raumstruktur – unterstützt von den roh belassenen, lediglich weiss gestrichenen Oberflächen mit Brettschalenstruktur. So entsteht eine räumlich klare, behagliche Halle mit blendfreiem Tageslicht, wobei die sichelförmigen Shedöffnungen entscheidend zur Qualität des grosszügigen Innenraums und seines wechselnden Nutzungsprogramms beitragen.
Über Jahrzehnte liess sich die Halle immer wieder neu nutzen – ein exemplarischer Beleg dafür, dass Erhalt durch Nutzung gelingt. Ursprünglich als Erweiterung der Gossauer Gummibandfabrik gebaut, diente sie zunächst der Textilproduktion mit hohen Webmaschinen. Nach Einstellung der Produktion Mitte der 1970er-Jahre wurde sie für die Produktion von Tempo-Papiertaschentüchern genutzt, ab 1987 von der Textilfirma Josef Breitenmoser AG als Verkaufslokal betrieben. Nach einer Phase des Leerstands ab 2015 findet sie seit 2016 als Fitnessstudio erneut eine passende Nutzung.
Die Veränderungen am Gebäude blieben über die Zeit der Nutzungsänderungen gering: Entlüftungsrohre wurden ergänzt, der Haupteingang von vorne nach hinten verlegt und das ursprüngliche Welleternitdach ist inzwischen durch ein golden-glänzendes Wellblechdach ersetzt worden. Das Tragwerk selbst blieb unangetastet – die Raumstruktur ermöglichte die neuen Programme, ohne dass der Bau überformt werden musste.
Nutzung als Schlüssel zum Erhalt
Die Goldzackhalle zeigt exemplarisch, dass Bauwerke vor allem dann erhalten bleiben und erhaltenswert sind, wenn sie auch genutzt werden können. Ingenieurbauten wie Hossdorfs Hallen sind keine «toten Denkmäler», sondern Strukturen mit Nutzungspotenzial.
Ihre grosse, offene Raumfigur erlaubt neue Programme – von kulturellen bis hin zu kommerziellen –, vorausgesetzt, die Halle behält eine Bespielung, die ihrer Dimension entspricht. Diese Nutzungsflexibilität ist Ausdruck ganzheitlicher Ingenieurbaukunst: Hossdorf entwickelte – in Zusammenarbeit mit Architekten, aber auch in eigener Regie – Konstruktionen mit minimalem Materialeinsatz, die bautechnisch effizient umsetzbar waren, mit durchdachter Belichtung, grosszügiger Spannweite und gestalterischer Klarheit.
Wo architektonische Fragen offenblieben, griff er ein. So entstanden Tragwerke, die nicht nur statisch effizient, sondern auch räumlich überzeugend und langfristig funktional sind. Trotz oder gerade wegen der wechselnden Anforderungen zeigt sich die Stärke der Goldzackhalle – sie bleibt wandelbar, ohne ihre konstruktive Identität und ihren eigenen Charakter zu verlieren. Damit ist sie weit mehr als ein technisches Artefakt. Sie ist lebendige Ingenieurbaukunst, die ihren Erhalt selbst rechtfertigt.
Goldzackhalle, Gossau SG (1954/55)
Bauherrschaft
PK Turgau; Vermietung über Cristuzzi Immobilien-Treuhand, WidnauArchitektur
Danzeisen + VoserBauingenieur
Heinz Hossdorf