Woh­nen wie Do­hlen

Der Neubau von MPH architectes in Lausanne ist dicht wie ein Stadtteil und schroff wie ein zerklüfteter Fels. Doch die grosse, von der Topografie des Orts geprägte Struktur bietet eine Vielfalt von Räumen, in denen sich das Leben einnistet – und schafft eine urbane, selbstbewusste Identität für das Quartier.

Data di pubblicazione
28-04-2021

Es kommt selten vor, dass ganz normale Bauaufgaben, die auf Grundstücke mit aussergewöhnlichen Eigenschaften zu stehen kommen, auch auf aussergewöhnliche Art gelöst werden. In Lausanne ereignete sich dieser Glücksfall: In der schroffen Topografie der sogenannten «Falaises du Calvaire» schafft eine 2019 fertiggestellte Überbauung einen neuen Lebensraum, der ebenso einzigartig ist wie der felsige Hang, der als Inspiration für den Entwurf diente.

Die Ausgangslage war alles andere als einfach. Das Grundstück liegt an der steilen Flanke des Vallon-Quartiers und war mit zwei grossen Trinkwasserreservoirs bebaut – einem aus dem Jahr 1868, das nicht mehr genutzt ­wurde, und einem, das seit 1924 in Betrieb war. Als die Stadt beschloss, die beiden durch einen neuen Trinkwasserspeicher mit 9 Millionen Liter Fassungsvermögen zu ersetzen, nutzte sie die Gelegenheit, das Grundstück aufzuwerten und zu verdichten: Zusätzlich zum neuen Reservoir, das rund 25 000 Personen versorgt, sollte hier eine Wohnüber­bauung entstehen.

2012 lancierte die Stadt Lausanne gemeinsam mit den Immobiliengesellschaften SILL und SCILMO einen öffentlichen Wettbewerb.1 Auf den 6300 m² abschüssigem Brachland sollten 17 500 m² Nutzfläche untergebracht werden, davon 85 % für Wohnraum und 15 % für Gewerbe – ein Volumen von insgesamt 93 000 m³ mit der Bibliothek des Universitätsspitals CHUV, einer öffentlichen Kindertagesstätte, einem Kinderhort, einer Tiefgarage mit 118 Stellplätzen, mehreren Gewerbe- und Handelsbetrieben, 24 Unterkünften für Studierende und 170 Mietwohnungen aller Kategorien. 2013 gewann das Lausanner Büro MPH architectes den Wettbewerb mit dem Projekt «Cliff».

Topografie als Inspiration

Das Siegerprojekt lässt die Eigenschaften einer reglosen Felswand als lebendige Qualitäten in den städtebau­lichen Eingriff einfliessen. Diese Interpretation der Topografie ist das zentrale gestalterische Thema für das neue Quartier; sie bestimmt die Architektursprache der Neubauten und situiert sie an der Schnittstelle zwischen bewohnter Struktur und geologischer Formation. Dem Projektteam gelang es, geomorphologische Eigenschaften der Landschaft wie Falten, Kanten, Brüche, Verschiebungen, Verwerfungen, Verformungen und Vertiefungen auf eine urbane Wohnmaschine zu übertragen. Die Unbezähmbarkeit und Schroffheit eines Kliffs sind der rote Faden des Entwurfs.

Mehr Artikel zum Thema Innenarchitektur finden Sie in unserem E-Dossier.

Dieser frische, tabulose Ansatz erwies sich als entscheidender Erfolgsfaktor für das Projekt. Die alte Stützmauer am südlichen Rand des Geländes konnte durch eine echte, offene Fassade zur Stadt ersetzt werden. Der drei Stockwerke hohe, durchlässige Sockel – das Herzstück des Projekts, in dem die meisten der öffentlich zugänglichen Einrichtungen untergebracht sind – fungiert als natürlicher Filter zwischen der Stadt und dem neuen Quartier. Darüber erheben sich drei geknickte sieben- und achtgeschossige Gebäuderiegel, die mit ihrer zerklüfteten Form auf die Nähe des Quartiers zu einer ebensolchen Landschaft hinweisen. Dieser neue städtebauliche Grat, in dem alle Wohnungen untergebracht sind, verläuft parallel zum Hang und zeichnet die Linien des Geländes nach. Wo die Baukörper mit den unterschiedlichen Nutzungen – der ­Sockel mit den öffentlichen Einrichtungen und die ­Riegel mit den Wohnungen – aufeinandertreffen, sind die Volumen geknickt und gestaucht; sie scheiden gemeinschaftlich nutzbare Aussenräume aus, die auch die Umgebung des Standorts aufwerten. Wie Steinmetze in einem Steinbruch schufen die Architekten ihr Projekt nach dem Bild der Topografie, auf dem es steht.

Die ausführliche Version dieses Artikels ist erschienen in TEC21 13/2021 «Dichte in zwei Massstäben».

Dieser Artikel erschien zuerst auf Französisch. Übersetzung aus dem Französischen: Zieltext.

Bauherrschaft: Société Immobilière Lausannoise pour le Logement (SILL) / Société Coopérative Immobilière La Maison Ouvrière (SCILMO)

 

Architektur: MPH architectes, Lausanne

 

Bauleitung: Quartal, Vevey

 

Tragwerksplanung: AB ingénieurs, Lausanne

 

Heizungs- und Lüftungsplanung: SRG Ingeneering, Genf

 

Sanitärplanung: BA Consulting, Etagnières VD

 

Elektroplanung: Louis Richard Ingénieurs Conseils, Orbe VD

 

Bauphysik: Amstein & Walthert, Lausanne

 

Wettbewerb, 1. Preis: 2013

 

Ausführung: 2016–2019

 

Anzahl und Typus der Wohnungen:
subventioniert: 82
betreutes Wohnen: 16
Kostenmiete: 54
Marktmiete: 18
möblierte Studios für Studierende: 24

 

Fläche SIA 416 (SP): 28 000 m2

 

Volumen SIA 416: 93 000 m3

 

Kosten BKP 2: 67 Mio. Fr.

 

Kosten BKP 1–9: 83 Mio. Fr.

 

Leistungen SIA: 100%

 

Labels: Minergie P-Eco, 2000-Watt-Areal


Anmerkung
1 Die SILL (Société Immobilière Lausannoise pour le Logement) wurde durch die Stadtverwaltung gegründet, um eine nachhaltige Entwicklung und den sozialen Wohnungsbau zu fördern. Die Stadtverwaltung ernennt den Vorstand, den Vorsitz der Generalversammlung übernimmt der für das Wohnungswesen zuständige Stadtrat.

Articoli correlati