Rom – Pa­ris via Zer­matt per Seil­bahn

Zugegeben: Das landschaftliche Erlebnis in Basistunneln ist bescheiden. Zermatt versteht dies und präsentiert Alpine Crossing – mit den höchsten Dreiseilumlaufbahnen der Welt von Italien über das Klein Matterhorn in die Schweiz und dann weiter: Reisen wie die Zugvögel.

Data di pubblicazione
12-09-2019

Matterhorn glacier ride heisst das neue Prunkstück der Zermatt Bergbahnen AG. 2000 Personen pro Stunde kann die Luftseilbahn seit Herbst 2018 auf das Klein Matterhorn befördern – und dies ist noch nicht das Ende der Fahnenstange. Bis 2021 entsteht Alpine Crossing, die kleine Schwester des Matterhorn glacier ride, die vom Klein Matterhorn zur Testa Grigia an der italienischen Grenze weiterführt. Zwei technische und touristische Superlative entstehen in kurzer Zeit. Das hätte – ohne den Zweiten Weltkrieg – aber auch ganz anders kommen können.

Beinahe hätte Zermatt den Anschluss verpasst: 1936 konnte man vom italienischen Breuil-Cervinia (2050 m) mit der Seilbahn die Station Plan Maison (2555 m) erreichen. Von dort gelangte man mittels Sesselliften bis zum Rifugio di Teodulo auf 3317 m – die Schweizer Grenze am Theodulpass war erreicht. 1939 setzten die Italiener noch eins drauf: Die Testa Grigia im italienisch-schweizerischen Grenzkamm war erschlossen und konnte vom Plan Maison über die Sta­tion Cime Bianche mittels Gondel angefahren werden. Und es sollte weitergehen.

Die Cervino SA, die italienische Gesellschaft der Seilbahnen, streckte ihre Krallen nach dem Theodulgletscher. Sie plante, die Testa Grigia auch von der Schweizer Seite her zu erreichen: Eine Schlittenbahn sollte vom Gandegg über den Gletscher hinaufführen. Ausserdem sollte eine italienische Luftseilbahn über dem Gornergletscher das Gandegg sogar mit dem Riffelberg verbinden. Die Schweizerische Gornergrat Bahn unterstützte die Projekte der ausländischen Investoren – erhoffte sie sich doch einen Zuwachs an Fahrgästen, da diese vom Riffelberg weiter ins Skigebiet auf dem Theodulgletscher hätten fahren können. Und Zermatt? Die Zermatter Burgergemeinde stimmte dem Vorhaben zu und vergab eine Konzession auf 80 Jahre. Es konnte ihr gar nicht schnell genug gehen. Eine Klausel in den Verträgen sah vor, dass die bisher auf Schweizer Boden erstellten Bauten kostenlos abgebrochen werden konnten, falls die Bahnen nicht innert drei Jahren errichtet würden. Allein, es kam anders.

Zermatt erschliesst selbst

Nach Kriegsende wollte die Cervino SA 1946 die Arbeiten an den Bahnen wieder aufnehmen, wurde von der Gemeinde Zermatt aber zurückgewiesen: Da die Dreijahresfrist nicht eingehalten worden war, müsse eine erneute Abstimmung zur Konzession durchgeführt werden. Die Zermatter erklärten die früheren Verträge für verfallen und beschlossen, künftig die Erschliessung des Theodulgletschers selbst in die Hand zu nehmen. Dieser Beschluss hatte weitreichende Folgen: Die Zermatt Bergbahnen sind heute das grösste Seilbahnunternehmen der Schweiz mit einem Jahresumsatz von knapp 70 Millionen Franken und etwa 260 Mitarbeitern. Grösster Aktionär ist mit 23.4 % die Burgergemeinde Zermatt. Ausländische Investoren sind nicht an Bord.

Fast 20 Jahre dauerte es, bis die Erschliessung in Richtung Theodulgletscher in Fahrt kam. 1965 war die heutige zentrale Drehscheibe des Skigebiets, die Station Trockener Steg auf 2939 m, erreicht. Die Fahrt führte von Furi über Furgg bis dorthin. Heute erfolgt die Fahrt direkt von Furi aus. Grund für die zögerliche Annäherung an den Theodulgletscher war, dass diesem Skigebiet nicht die oberste Priorität eingeräumt wurde. Die Gebiete um Sunnegga und auch der Schwarzsee zu Füssen des Matterhorns wurden eher angegangen.

Ein vorerst glorioses Finale erfolgte 1979: Der Trockene Steg wurde mit dem Klein Matterhorn verbunden. Die höchste Seilbahnstation Europas war geschaffen. Auf 3821 m, in das Bergesinnere des Felszackens, führte die Pendelbahn mit dem damals weltweit längsten Spannfeld im Personentransport (2885 m). Schweiz­weit ist sie damit heute noch ungeschlagen, erst 2008 ging dieser Rekord an die Peak2Peak Gondola in Whistler, Kanada (3024 m), und 2017 an die neue Zugspitzbahn in Deutschland (3213 m).

Die Pendelbahn Glacier Paradise 1 auf das Klein Matter­horn gilt noch immer als technische Meisterleistung. Sie fährt heute noch und bringt bei einer Fahrt bis zu 100 Personen nach oben, was 600 Besuchern in der ­Stunde entspricht. Seit 2018 aber hat sie nun den Matterhorn glacier ride an ihrer Seite und soll diesen in den Revisions­zeiten ersetzen. 365 Tage im Jahr wird das Klein Matterhorn dadurch erreichbar sein. Tatsächlich sollten sich die Ausfälle der Bahnen auf stürmische Tage beschränken. Bis zu 80 km/h kann es jedoch wehen, bevor der Matterhorn glacier ride in den Stationen bleibt.

Matterhorn glacier ride – die höchste 3S-Bahn der Welt

Über drei Stützen führt die derzeit höchste Dreiseilumlaufbahn (3S-Bahn) der Welt mit 7.5 m/s in neun Minuten von der Talstation Trockener Steg (2939 m) ins Skigebiet Glacier Paradise. Etwa 2000 Personen können pro Stunde mit ihr zur Bergstation auf 3821 m gelangen – Skifahrer, Viertausender-Schnupperer am Breithorn oder Ausflügler, oftmals aus dem asiatischen Raum.

3S als Abkürzung für Dreiseilumlaufbahn verrät die Funktionsweise der Bahn. Auf zwei Tragseilpaaren, die an Stahlbetonpollern in der Berg- und Talstation verankert sind, rollen die Kabinen auf respektive ab. Die Poller müssen hierbei Kräfte bis zu 5000 kN aufnehmen können. Das Zugseil bildet eine Schlaufe und wird um die Seilscheiben in der Tal- und Berg­station geführt. Zwei redundante Synchronmotoren in der Bergstation, deren Motorwellen ohne dazwischengeschaltete Getriebe direkt mit der Seilscheibe verbunden sind, sorgen für den Antrieb des Zugseils.

Alpine Crossing – eine Vision des Reisens?

Das neue Projekt ist eine Weiterführung des Matterhorn glacier ride mit einer baugleichen Luftseilbahn zur italienischen Grenze hin. Vom Klein Matterhorn wird eine neue Dreiseilumlaufbahn zur Testa Grigia hinabführen. Die Bergstation des mit 30 Millionen Franken veranschlagten Alpine Crossing schliesst direkt an die des Matterhorn glacier ride an und verschmilzt mit ihr zu einem einzigen Gebäude.

Die ausführliche Version dieses Artikels ist erschienen in TEC21 37/2019 «Wallis – Wege in luftiger Höhe».

Bauherrschaft
Zermatt Bergbahnen


Architektur
architektur & design, Zermatt;
Peak Architekten, Zürich


Planung
LABAG Lauber
Bauingenieure, Zermatt


Bahnbau
Leitner Ropeways, Sterzing (I)
Moosmair, St. Martin in Passeier (I)


Geologie
Geotest, Thun


Holzbau
Indermühle Bauingenieure, Thun


Fassadenplanung
Buri Müller Partner, Burgdorf


Felstechnik
Gasser Felstechnik, Lungern


Vermessung
Aufdenblatten Geomatik, Zermatt


Seile
Fatzer, Romanshorn


Baukosten
60 Millionen Franken (Matterhorn glacier ride)
30 Millionen Franken (Alpine Crossing)


Bauzeit
2016–2018 (Matterhorn glacier ride)
2019–2021 (Alpine Crossing)


Weitere Beteiligte
Ulrich Imboden, Visp; Cogeis, Turin (I); von Rotz & Wiedemar, Kerns; Swissi, Wallisellen; Plan A+, Brig; Lauber Iwisa, Naters; sbp Ingenieure, Raron; Solarbau Lowel, Neu­hausen; Megasol Energie, Solothurn; HP Gasser, Lungern; Valtest, Visp; Imwinkelried Lüftung und Klima, Visp; neue Holzbau, Lungern; Brawand Zimmerei, Grindelwald; Zurbrügg Seilbahnen und Montagen, Frutigen; Zingrich Cabletrans, Reichenbach i. K.; Siemens Schweiz; Sigmacabins, Veyrin-Thuellin (F); Gattlen Metallbau, Visp; Pininfarina, Turin

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