Pre­zio­se auf Be­ton­fuss

Architektur und Stadt

25 Jahre nachdem dort der letzte Renault vom Band rollte, hat die bei Paris in der Seine gelegene Île Seguin eine neue Funktion: Im Frühjahr 2017 wurde nach dem Entwurf von Shigeru Ban und Jean de Gastines das Musikzentrum Seine Musicale eröffnet. Blickfang ist das Auditorium aus Glas und Holz.

Publikationsdatum
22-03-2018
Revision
23-03-2018

Nach Museen und Bibliotheken sind es in den letzten Jahren verstärkt neu gebaute oder eingerichtete Konzert­gebäude, die als kulturelle Ikonen und urbane Leuchttürme gelten. Die Hamburger Elbphilharmonie war nur die Spitze des Eisbergs. Ein Blick allein auf Polen und Deutschland: Kattowitz und Stettin, Dresden, Berlin und selbst das Dorf Blaibach im Bayerischen Wald erhielten in den letzten drei Jahren spektakuläre neue Musiksäle, in München konnte sich unlängst das Bregenzer Büro Cukrowicz Nachbaur mit seinem Entwurf für das neue Konzerthaus durchsetzen. Für prognostizierte 360 Mio. Euro wird einer der teuersten zeitgenössischen Kulturbauten der Bundesrepub­lik Deutschland errichtet.

In der Metropolitanregion Paris sind in dichter Folge gleich drei neue Konzertsäle entstanden: 2014 das Auditorium von AS Architecture Studio in der Maison de la Radio, 2015 die Philharmonie von Pritzker-­Preisträger Jean Nouvel am Parc de la Villette und 2017 die Seine Musicale von den Architekten Shigeru Ban und Jean de Gastines auf der Île Seguin. Die in der Seine gelegene Insel gehört zum südwestlichen Vorort Boulogne-Billancourt und beherbergte bis vor einigen Jahren einen der eindrucksvollsten Industriekomplexe Europas (vgl. Kasten unten: «Geschichte des Projekts Seine Musicale»).

Volumen mit verschiedenen Funktionen

Von der Metro-Endstation Pont de Sèvres her kommend passiert man zunächst die 1979 fertiggestellte Grossüberbauung Quartier Pont-de-Sèvres, die sich mit ihrem Parkhaussockel wie ein Sperrriegel Richtung Fluss schiebt, und dann das «Trapèze» genannte Areal des ehemaligen Renault-Werks. Hier wurde in den vergangenen Jahren um den zentralen, von Agence TER geplanten Parc de Billancourt ein vollständig neues Wohn- und Geschäftsviertel aus dem Boden gestampft, das in Blockstrukturen gegliedert ist; aus der Schweiz sind auch Meili Peter sowie Diener & Diener mit Bauten vertreten. Jean Nouvels Tour Horizons fungiert als vertikale Dominante an der zentralen Achse, in deren Fortsetzung der Fussgängern vorbehaltene Pont Renault auf die Île Seguin führt.

Während der grösste Teil der 11.5 ha messenden Insel noch der Bebauung harrt, erstreckt sich die Seine Musicale von der Brücke aus Richtung Norden und füllt mit ihrem keilförmigen Grundriss von 280 m Länge die gesamte Inselspitze aus. Wände aus hellem Sichtbeton, in die diverse Öffnungen eingeschnitten sind, umhüllen das komplexe Raumprogramm und vereinheitlichen das Volumen, das auf einer breiteren Terrassensub­struktion aus dunkelgrauem Beton ruht.

Wohlwollend mag man diese Gesamtkonfiguration als Reminiszenz an die steinerne Fabrikinsel verstehen; auf architektonisch überzeugende Weise bewältigt wurden die schieren Baumassen jedoch nicht. Das gilt insbesondere für den eigentlichen Vorplatz an der der Insel zugewandten Schmalseite: Zu den mächtigen Betonmauern treten hier die Glasfronten der Eingangsbereiche; eine Freitreppe pharaonischen Zuschnitts führt hinauf zur Dachlandschaft, die als öffentlicher Park gestaltet wurde, und  auf einem Riesenscreen werden die Veranstaltungen angezeigt. Er kann auch dazu genutzt werden, die Events auf den Vorplatz zu übertragen.

Ein riesiges Glas­portal, 12 m breit und 10 m hoch, wird zu den Veranstaltungen aufgeklappt und emporgefahren, sodass die Besucherinnen und Besucher direkt in das Foyer eintreten können. Von hier gelangt man in die verschiedenen Sektoren des grossen Saals «Grande Seine», der primär auf Rock- und Popkonzerte zugeschnitten ist und je nach Verhältnis von Sitz- und Stehplätzen zwischen 4000 und 6000 Besucher aufzunehmen vermag. Der steil ansteigende Zuschauerraum ist fächerförmig dimensioniert, sodass eine grösstmögliche Nähe zur Bühne entsteht. Diese gilt mit 35 m Breite, 40 m Tiefe und 17 m lichter Höhe als die grösste Frankreichs. ­Hydraulische Hubelemente erlauben es im Sinn einer salle modulable, unterschiedliche Bühnenkonfigura­tionen umzusetzen. Helle Stühle bestimmen das Bild des robust anmutenden Zuschauersaals, die Wände sind verkleidet mit einer schwarz-grauen Schachbrettstruktur aus Akustikelementen; der Saal wurde von Nagata Acoustics für die Darbietung elektronisch verstärkter Musik optimiert.

Vom Foyer der Grande Seine aus durchmisst die Grande Galerie auf einer Länge von 230 m das gesamte Gebäude. Diese innere Mall wird von Shops und Restaurants flankiert, erlaubt durch Fenster Einblicke in die tiefer liegenden Proberäume oder Aufnahmestudios und führt schliesslich zu einem weiteren Foyer, von dem man über Rolltreppen nach oben zum Auditorium befördert wird, dem Saal für klassische und zeitgenössische Musik mit 1150 Plätzen.

Dieser Raum ist die eigentliche Preziose der Seine Musicale: Das Volumen des Konzertsaals ist umhüllt von einer Tragwerkstruktur aus sich wabenförmig schneidendem Brettschichtholz, die aussen verglast ist und aus der Ferne wie ein gigantisches Ei erscheint, das auf dem breit gelagerten, sich Richtung Norden abtreppenden Betonsockel ruht. Die segelartig wirkende, mit 800 m2 Solarzellen beplankte Metallstruktur, die sich auf Schienen um den Saal her­um bewegt, steigert die Ikonizität.

Meister des kleinen Formats

Die Rohheit des Sockels weicht, sobald man in den ­Wandelgängen zwischen der gläsernen Haut und dem Volumen des Auditoriums steht, der Liebe zum Detail. Irisierende Fliesen schaffen in den organisch fliessenden Aufgängen eine geheimnisvolle Atmosphäre, die Ausblicke auf die Hügel von Meudon oder auf den Trapèze und Paris in der Ferne sind fantastisch. Und dann das Auditorium: Wabenförmige Akustikelemente aus Abachi-Holz und Pappröhren bilden die ondulierend geschwungene Deckenuntersicht, eine geflochtene Textur von Buchenholzstreifen umspielt die Wände, die rot bezogenen Stühle bestehen aus hölzernen Wangen, in die Pappröhren für Sitzmulden und Lehnen eingelassen sind. Die Atmosphäre ist sinnlich, warm, intim; die Anzahl der Zuschauerplätze beträgt nur etwa die Hälfte der gros­sen Säle, wie sie in der Pariser Philharmonie oder in der Elbphilharmonie entstanden sind. Der ebenfalls von Nagata Acoustics perfektionierte Raumklang ist deutlich sanfter und gnädiger als die eher trockene und analytische Akustik in Hamburg.

Harte Schale, weicher Kern: Die gestalterischen Ambitionen Shigeru Bans haben sich ganz auf das Auditorium konzentriert. Das ist einerseits konzeptionell verständlich, denn es bedarf in einem Haus, das für ganz unterschiedliche Konzertformate und heterogene Publika ausgelegt ist, nicht überall des gleichen Grads an Verfeinerung. Und das wäre auch angesichts des begrenzten Gesamtbudgets nicht möglich gewesen.

Andererseits beweist die Seine Musicale nach dem Centre Pompidou Metz aufs Neue, dass Shigeru Ban ein Meister in kleinen Formen ist, Präzision und Poesie im gros­sen Massstab aber deutlich nachlassen. Und der Japaner ist eben kein Architekt, der angesichts von Druck und Beschränkung für Rauheit einen adäquaten Ausdruck findet. Gäbe es das mirakulöse Ei mit dem Auditorium nicht, niemand käme auf den Gedanken, in Shigeru Ban den Autor des Sockelbauwerks zu sehen.

Am Bau Beteiligte
 

Bauträger: Departement Haut-de-Seine und Interessengemeinschaft «Tempo Île Seguin» (Bouygues Bâtiment Île-de-France, Sodexo, OFI Infravia, TF1

Architektur: Shigeru Ban Architects und Jean de Gastines Architects, Paris

Baumanagement: Setec TPI, Paris

GU/Bewirtschaftung: Bouygues, Paris

Holzbau: Hess Timber, Kleinheubach (D)

Statik Holzbau: SJB.Kempter.Fitze, Herisau

Parametrisierung: designtoproduction, Erlenbach/Zürich und Stuttgart

Beratung Holzbaustatik: Hermann Blumer, Waldstatt

Umweltstandards HQU: Cridey, Grenoble (F)

Akustik: Lamoureux Acoustics, Paris, und Nagata Acoustics, Tokio

Planung Haustechnik: Artelia, Lyon (F)

Planung Klima/Lüftung: Transsolar, Paris

Fassade/Photovoltaiksegel: RFR Engineering, Paris

Landschaftsplanung: Bassinet Turquin Paysage, Paris

Bewirtschaftung: Sodexo (Catering/FacilityManagement), Issy-les-Moulineaux (F)


Die Geschichte des Projekts Seine Musicale


Nah dem Schuppen am Ufer auf der Île Seguin, in dem er sein erstes Auto zusammengeschraubt hatte, hatte Louis Renault 1929 eine gigantische Produktionsanlage nach fordistischen Prinzipien errichten lassen. Auf einem dem Hochwasserschutz geschuldeten Betonsockel entstanden Hallen, die die gesamte Insel ausfüllten: ein gewaltiges steinernes Schiff, das in der Seine zu ankern schien. Die Fabrikhallen erstreckten sich auch über das rechte Seine­ufer, und dennoch war am Ende für den Strukturwandel in der Automobilindustrie nicht genügend Platz – 1992 rollte dort der letzte Renault vom Band.

Was tun mit der Industriebrache? Projekte kamen und gingen, konkreter wurde es erst, als der Milliardär François Pinault im Jahr 2000 bekannt gab, auf der Nordwestspitze der Insel durch den Architekten Tadao Ando ein Kunstmuseum bauen zu lassen. Im Streit mit den Behörden zog Pinault fünf Jahre später nach Venedig ab, um dort mit Ando zunächst den Palazzo Grassi und die Punta della Dogana auszubauen. Nachdem sich sein Konkurrent und Intimfeind Bernard Arnault vom Luxusgüterkonzern Louis Vuitton Moët Hennessy mit Frank Gehrys Fondation Louis Vuitton im Bois de Boulogne verewigt hat, will auch Pinault wieder ein Zeichen an der Seine setzen: Nach Plänen von Tadao Ando lässt er bis 2018 den Rundbau der Bourse de Commerce nahe den Hallen und dem Centre Pompidou in ein Museum verwandeln.

Als sich Pinault 2005 von der Insel zurückzog, war sie durch den Abriss der Bauten zur Tabula rasa geworden. Neue Perspektiven ergaben sich, als Jean Nouvel 2009/10 einen Masterplan mit der Idee einer Dreiteilung erarbeitete, der seitdem als Grundlage der Entwicklung auf der Insel dient. Die Seine Musicale besetzt die Nordspitze der Insel. Am anderen Ende sind ein «Pôle culturel et artistique» von RCR und ein Hotel von Baumschlager Eberle geplant. Und in der Mitte will der grösste französische Medienkonzern Vivendi einen Campus errichten. Shigeru Ban, der schon 2006 einen unrealisierten Ausstellungs­pavillon für die Île Seguin entworfen hatte, konnte sich mit seinem Partner Jean de Gastines 2013 in einem Wettbewerb für das Musikzentrum gegen Bernard Tschumi, Rudy Ricciotti und Dominique Perrault durchsetzen.

Realisiert wurde das Projekt auf Basis einer Public-Private Partner­ship. Von den 170 Mio. Euro Baukosten trug das Departement Hauts-de-Seine 120 Mio., den Rest steuerte ein privatwirtschaftliches Konsortium bei, dem der Baukonzern Bouygues mit seinem Fernsehsender TF1, der Infrastrukturinvestor InfraVia und das im Catering und im Facility Management tätige Unternehmen Sodexo an­gehören. Für die Finanzierung erhält das Konsortium das Recht – und die Verpflichtung –, die Seine Musicale für 30 Jahre zu bespielen und zu betreiben. Ausgenommen davon sind jährlich 50 Kon- zerte, für die die öffentliche Hand sorgt. Hierbei handelt es sich vor allem um Aufführun­gen des Insula Orchestra – das Orchester wurde 2012 von der Diri­gentin Laurence Equilbey gegründet, die der historischen Aufführungs­praxis verpflichtet ist, und fungiert jetzt als Residenz­orchester des Neubaus.
(Hubertus Adam)

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