Be­mü­hun­gen um ei­ne Ba­lan­ce

Luigi Snozzis Gedanken öffnen Räume – bei einem Spaziergang durch die Strassen von Monte Carasso lassen wir seine Architekturauffassung Revue passieren.

Data di pubblicazione
02-04-2020

Im Anschluss an das Interview mit Luigi Snozzi machen wir uns – ohne ihn – auf einen Rundgang durch Monte Carasso. Wir wollen nachvollziehen, ob die starken, teils radikalen Bauregeln, die er entwickelte und deren Einhaltung und Interpretation er über viele Jahre in Personalunion bewertet hat, heute noch erkennbar und sinnvoll sind.

Das Dorf Monte Carasso ist ein kleines Universum. Im Gegensatz zu zahllosen seiner unrealisierten grossmassstäblichen Arbeiten setzte Luigi Snozzi hier einen Masterplan um. Durch eine radikale Denkweise hat der Architekt die Grundlage für eine funktionierende städtebauliche Planung geschaffen. Seit 1974 konnte er unterschiedliche Bautypen verwirklichen: von Sozialwohnungen zum Privathaus, von der Bank bis zum Dorfplatz, vom Schulhaus bis zur Umgestaltung eines Friedhofs.

Wir starten im Klosterhof (1) (vgl. Situationsplan, Bild 2 in der Bildergalerie), der den Ursprung der urbanen Neuorganisation bildet. Die durchlässige und mit öffentlichen Nutzungen durchzogene ehemalige Klosteranlage ist heute ein lebendiger Ort. Am besten ist dies von der mittigen Arkadenreihe im ersten Stock des Baus zu sehen, in dem heute die Primarschule untergebracht ist: links der im Erdgeschoss offene Trakt mit dem historischen Säulengang, mit den rhythmischen Bögen und den modernen horizontalen Fenstergauben auf dem Dach, rechts ein neu hinzugefügter Platz mit ein paar Bäumen, dahinter die Ringstrasse mit der Raiff­eisen­bank (2) und frontal, entlang der Kirche, ein moderner Anbau (3) mit neuen Klassenzimmern.

Die im Erdgeschoss des Klostergebäudes untergebrachte Gemeindeverwaltung sorgt für Publikumsverkehr. Die Kinder, die hier zur Schule gehen, bewegen sich frei. Sie stürmen die Treppen hinunter, rennen in Gruppen unter den mächtigen Gewölben im Erdgeschoss entlang, verschwinden irgendwo in Durchgängen auf der Rückseite des Klosters oder biegen auf den einseitig offenen Klosterhof hinter der Kirche ab. Einen Treffpunkt bildet die Bar unten im Hof, vor der die Leute an kleinen Tischen sitzen. (Unser Besuch fand Mitte Februar 2020 statt.)

Der südliche Flügel der Anlage vor der Bar wurde nie vollendet. Zunächst beabsichtigte Snozzi, diese Seite zur Ring­strasse nachträglich zu komplettieren, entschied sich dann aber dagegen. Auch der hier projektierte Kindergarten (4) wurde zugunsten eines zur Strasse hin offenen Platzes nicht gebaut. Damit erklärte Snozzi den ehemals abgeschlossenen Klosterhof auch baulich zum öffentlichen Raum. Eine Reihe von steinernen Sockeln in der Baulinie des fehlenden Gangs reicht aus, um die Anlage als vollständig wahrzunehmen. Diese mittlerweile so selbstverständlich erscheinenden Entscheidungen waren grundlegend für die Belebung des Orts.

Heute ist es schwer vorstellbar, dass hier im Hof, zur Ringstrasse und auf dem Klostergelände verschiedene Bauten gestanden haben, die abgebrochen wurden. Die östliche Abgrenzung bildet ein mächtiges Kirchenschiff. Davor sind die einzelnen Teile vom Vorläuferbau des Klosters von ca 500 n. Chr. zu erkennen. Im Gespräch schildert Luigi Snozzi seine Enttäuschung, dass er die Ruine, die zunächst noch bestand, nicht umfassender erhalten konnte. Die Dorfbevölkerung stimmte dieser Idee nicht zu.

Später, 2008, schuf er darüber einen ergänzenden Neubau (3) für zwei zu­sätzliche Klassenzimmer. Dieser überspannt die archäologischen Überreste und schmiegt sich parallel vor das Kirchenschiff. Der strenge Riegel aus Glas und Sichtbeton bildet zusammen mit dem Kirchturm aus Natursteinen und den Trümmern der Ruine ein spannungsvolles Ensemble, ohne dass die Körper sich berühren.

Verschiedene Architekturen treffen hier auf­einander und verkörpern die Baustile ihrer Zeit. Snozzi gelingt es, eine baulich schwierige Ausgangslage in eine bezaubernde Situation zu verwandeln. Vorhandenes und Zugefügtes verbinden sich exemplarisch zu einem vielschichtigen Ganzen, in dem sich Stile, Materialien und Zeiten überlagern.

Draussen ist Sportplatz, Spielplatz, Friedhof

Gelangt man heute im Klosterteil durch den schattigen historischen Durchgang hinter die Kirche auf die grosse Geländeterrasse, so empfangen einen das Licht und die Aussicht auf das gegenüberliegende Bergpanorama. Das Konvent, das sich jetzt in unserem Rücken befindet, ist weiterhin spürbar. Es verleiht dem offenen Platz Halt. Auf den zweiten Blick nimmt man Friedhof (5) und ­Spielplatz wahr – getrennt durch eine einfache, nicht allzu hohe Mauer.

Mit dem unmittelbaren Nebeneinander dieser unterschiedlichen Funktionen bricht Snozzi ein Tabu. Uns vereinnahmt die starke Präsenz der wilden bunten Kinder und die säuberlich aufgereihten Grabreihen nebeneinander. Ein verirrter Ball zwischen den Gräbern ist ebenso Ausdruck des Lebens wie der Lilienduft, der über den Sportplatz zieht. Und die im Gelände versenkte Turnhalle (6) bildet ein Zentrum, um das herum sich die Freiflächen sinnvoll anlagern. Was städtebaulich betrachtet als zusammenhängende Freifläche erscheint, ist ein enges Nebeneinander von genau definierten Nutzungen. In der erhaltenen Weite entsteht hier so etwas wie eine «funktionale Verdichtung» des Stadtraums.   

Abgrenzung und Entfaltung

Die intensive Präsenz von Luigi Snozzi in Monte ­Carasso verschaffte ihm tief greifende Ortskenntnis und das Vertrauen der Bevölkerung. Lange Ja­hre war er der einzige Vertreter der Kommission, die über die Einhaltung seiner sieben Bauregeln zu wachen hatte. Und so konnte er selbst eine Reihe von Wohnbauten (7) realisieren, deren Ausdruck heute den Ort prägt und unterschwellig einen Gestaltungsanspruch an alles Kommende stellt. Dass er dabei streng, aber nicht diktatorisch vorging, zeigt seine Offenheit gegenüber anderen Stilen und Baumaterialien.

Heute ist eine umgebende Mauer von 1.20 m für jeden Neubau Pflicht. Innerhalb dieser kann und soll bis an die Grundstückgrenzen gebaut werden. ­Abstände oder eine limitierte Bebauungsdichte gibt ­es nicht mehr. Man darf 9 m in die Höhe bauen, und Dachterrassen ersetzen die Vorgärten.

Zwar orientieren sich mehrere Wohnhäuser im Quartier an Snozzis moderner Architektur – Sichtbeton, Flachdach und einfache Kuben. Snozzis Nachfolger sind mehr oder weniger talentiert, darum muss man manchmal zweimal hinschauen, um auszumachen, ob er der Autor ist. Ein Grossteil der Giebelhäuser ist pastellfarben verputzt. Dass Snozzi im Vertrauen auf die Stärke des Masterplans andere Materialien und Stile nicht ausschloss, zeichnet das Stadtbild aus.

Am äusseren Rand

Ausserhalb der engen Strassen um den Konvent öffnet sich die Landschaft auf ein Wiesenstück, dessen Längsseite von der Autobahn begrenzt wird. In einiger Entfernung ist links der schräg stehende Riegel Verde­monte (8) zu sehen, rechts die Siedlung Morenal für kostengünstigen Wohnungsbau (9) – beide Wohnkomplexe sind von Snozzi.

Eine weitgehend unbebaute gerade Strasse – die andere Längsbegrenzung der Wiese – verbindet die beiden Bauten miteinander. Dazwischen reihen sich an der Strasse einige frei stehende Ein­familienhäuser, die trotz ihrer grossen Gärten der Regel entsprechend mit einer Mauer umgeben sind. ­Ausserhalb des dörflichen Kontexts verliert diese räumliche Begrenzung ihren Sinn. Für die Kommunikation sind Abgrenzungen wenig zuträglich, und wir fragen uns, ob hier eine nachbarschaftliche Stimmung besteht.

Das Gebäude Verdemonte (8) von Snozzi stammt noch aus der Zeit vor 1977, also noch bevor die neuen Bauregeln gültig waren. Auf uns wirkt es, als habe er sich da noch nach der zuvor angestrebten dezentralen ­Planung gerichtet. Ob er das heute immer noch so bauen würde? Mit diesem riegelartigen Baukörper ­wollte er 1974 Monte Carasso von der Autobahn ab­schirmen. Es war das erste hohe Gebäude der Gegend.

Gegen Süden, ebenfalls ausserhalb des Ortskerns, hat Snozzi zwischen 1995 und 1997 einen zweiten grossen Bau mit 76 Wohnungen erstellt: die Siedlung Morenal (9) für kostengünstiges Wohnen und Gewerbeflächen mit Discounter im Erdgeschoss und Parkplätzen vor dem Eingang. Auch diese grenzt die Ebene zur Autobahn ab und hat ebenso wie Verdemonte von 1974 den Anschluss an das Stadtleben noch nicht gefunden. Die Abfolge der Aussenräume mit einzelnen Treppen, Terrassen und Durchgängen ist eine in sich stimmige «promenade d’architecture». Insgesamt aber wirkt der Ort anonym und isoliert. Busverbindungen oder Einkaufsmöglichkeiten sind ­beschränkt.

Dabei sind die Anstrengungen der Bewohner, ihr Umfeld zu beleben, spürbar: Unterstützt durch einen Modellversuch des Bundes zwischen 2014 und 2018 bemühte man sich um eine Verbesserung der Situation. Soziale Fürsorge, Geschäfte, Gemeinschaftsflächen, Gärten und der behindertengerechte Umbau von Wohnungen, die fast alle subventioniert sind, sollen die Wohnanlage aufwerten und die Durchmischung der Bewohnerschaft fördern.1

Dennoch erscheint uns der mächtige Baukörper ohne gleichwertige andere Volumen in der Umgebung unverhältnismässig.

Übersetzung aus dem Italienischen und Französischen: Hella Schindel

Eine ausführlichere Version dieses Artikels finden Sie in TEC21  9/2020 «Luigi Snozzi: Dichte und Leere».

Anmerkung
1 Herausgeber: ETH Wohnforum – ETH CASE , ZH Reihe «Im Fokus», Nr. 02/2017 «Impulse zur Innovation im Wohnungsbau», Kapitel 3.6. Morenal, Monte Carasso, S. 53  ff.

Literatur (Auswahl)
Peter Disch (Hrsg.), Luigi Snozzi – L’opera completa 1958–1993. ADV Publishing House, Lugano 1994.

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