Em­pa­thi­sche Räu­me – der Mensch im Mit­tel­punkt

Im Mittelpunkt des diesjährigen Symposiums «Empathic Space – bedürfnisorientiert planen und gestalten» des Kompetenzzentrums Innenarchitektur an der HSLU stand die gemeinsame Suche nach Ansätzen und Methoden, mit denen die Bedürfnisse von Nutzerinnen und Nutzern analysiert, erkannt und räumlich umgesetzt werden können.

Publikationsdatum
09-02-2026

Der Titel provoziert die Frage: Welche Räume sind denn nicht empathisch? Diejenigen, die sich nicht aneignen lassen? Gibt es solche von Innenarchitektinnen gestalteten Räume überhaupt? Und nach einigem Nachdenken muss man sagen: Ja, die gibt es durchaus. Immer dann, wenn eine theoretische Idee im Zentrum des Entwurfs steht anstelle der späteren Nutzenden und ihrer spezifischen Bedürfnisse. Das sind zum Beispiel markengeprägte Verkaufsräume wie ein grell beleuchteter Autoverleih im Tiefgeschoss eines Bahnhofs.

Eine massgebliche Erkenntnis, die aus den Arbeiten der Studierenden und den Vorträgen der eingeladenen Architekturschaffenden hervorging, war die einer veränderten Kommunikation von Beginn der Planung an bis über die Übergabe des Baus an die Nutzenden hinaus. Eine kontinuierliche Anpassung des Innenraums an die Nutzung oder Lebensweise der Bewohnenden wird als Normalität anerkannt. 

Diese Auffassung von Innenarchitektur kommt bisher hauptsächlich in kleineren, individuellen Planungsprozessen zur Umsetzung. Im privaten Wohnungsbau ist es leichter, ad hoc auf Fundstücke oder bauliche Überraschungen zu reagieren. Auch ist eine Bauherrschaft, die aus wenigen Personen besteht, eher geneigt, Konventionen zu hinterfragen. 

Dann mutiert zum Beispiel ein überflüssig gewordener Träger zum Küchentresen und spart damit den umständlichen Abtransport und ein neues Möbelstück ein. Oder gewöhnliche Ständerprofile verbleiben ohne Beplankung und definieren auf überraschende Weise einen Grundriss. Miquel Mariné von Estudi Goig aus Barcelona erzählt von einer Baustelle, bei der nur ein einziger Grundriss als Planungsgrundlage diente und der Rest vor Ort und in Abstimmung mit den ausführenden Gewerken umgesetzt wurde.

Abgesehen von unstrittigen Vorgaben zum Brandschutz oder zur Statik müssen Bauherrschaft und Planungsteam bereit sein, Risiken im Hinblick auf Gewährleistungsfristen oder Qualitätsansprüche einzugehen. Bei öffentlichen Bauvorhaben ist es weitaus komplexer, geforderte Standards einzuhalten. Aber auch da ist der erste Schritt eine Planung, die von Anbeginn die vorhandenen Ressourcen mitbedenkt. 

Ein möglicher Ansatz ist ein iteratives Wettbewerbskonzept. Ein solches hat Jonas Tratz vom Büro FAKT mit Gustav Düsing Architekten den ersten Preis für die neue Architekturschule in Siegen beschert: Im Rahmen einer Summer School untersuchten sie und fünf weitere Teams die räumlichen Möglichkeiten und die Eignung einer ehemaligen Druckerei vor Ort «am eigenen Leib». 

Die Einstrahlung des Tageslichts, die Präsenz der Tragstruktur, die Schwächen und die Schokoladenseiten der Räume liessen sie auf sich wirken und verarbeiteten ihre Wahrnehmung ganz direkt im Entwurf zur Umnutzung. Zusammen mit Ingenieuren, Landschaftsplanung und Energieberatung entwickelten sie ein vielschichtiges und nutzerspezifisches Architekturkonzept. 

Bemerkenswert ist zugleich die lockere Zusammensetzung der Planungsteams. Der interdisziplinäre Austausch und der projektspezifische Zusammenschluss von Architekturbüros untereinander und über die Disziplinen hinweg scheinen sich zu bewähren. 

Daraus ergibt sich ein Vorteil für die Gruppe der Innenarchitektinnen und Innenarchitekten: Sie sind wechselnde Konstellationen in der Zusammenarbeit gewöhnt. Für alle Beteiligten gilt, dass Kommunikation über den gesamten Bauprozess von grösster Bedeutung ist. 

Am Symposium ist ausserdem der Sammelband «Empathic Spaces – Bedürfnisorientierte Innenarchitektur» mit 15 Beiträgen aus der Forschung und Praxis erschienen. 

 

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