Bahn frei für die Kreislaufwirtschaft
Re-Use bei der SBB
Nicht nur die Innenarchitektur, sondern auch die Einrichtung muss sich an die Veränderungen in der Arbeitswelt anpassen. Dazu hat die SBB zusammen mit der ZHAW in einem Pilotprojekt untersucht, wie überflüssig gewordene Büromöbel umgenutzt werden können. Zusammen mit seinem Team hat der Industriedesigner und Dozent Yves Ebnöther einen Prozess entwickelt, umgesetzt und mit einer Ökobilanz dokumentiert.
Ein Ruck geht durch die Bürolandschaften: Da das konventionelle Büro nur noch einer von vielen möglichen Arbeitsorten ist, wird in Zukunft nur noch ein Bruchteil der bestehenden Arbeitsplätze nötig sein. Arbeitende teilen sich ihre Tische und ziehen mit ihren Utensilien in abgeschirmte Bereiche oder Kommunikationszonen. Insbesondere die Tendenz zum papierlosen Arbeiten, die mit der wachsenden Mobilität und der Digitalisierung einhergeht, führt zu einem Umdenken. Aktenschränke leeren sich, dafür wächst die Nachfrage nach Schliessfächern, die ad hoc verfügbar sind.
Wie es gelingen kann, die Abwärtsspirale von Ausmusterungen und neuen Anschaffungen zu stoppen, treibt Yves Ebnöther um. Mit seiner Forschungsgruppe am Institut Bautechnologie und Prozesse an der ZHAW Winterthur entwickelt er Konzepte, um gebrauchte Baumaterialien mithilfe neuester Technologien in neue Nutzungszyklen zu bringen. (link Interview)
Die Probe aufs Exempel
Die Spanplatte ist ein oft unsichtbares Massenprodukt unserer Zeit. Als Teil eines Möbelstücks erfüllt sie zuverlässig ihren Zweck. Sobald dieses aber bewegt, verändert oder zerlegt und neu aufgebaut werden soll, wird es aufgrund ihrer geringen Stabilität zu Abfall – wie an jedem Sperrmüllhaufen der Stadt zu sehen ist. Durch die verklebten Späne ist auch ihre fachgerechte Entsorgung problematisch. Besser wäre es also, die produzierten Spanplatten als Ganzes weiterzuverwenden und für neue Produkte andere, nachhaltige Materialien zu verwenden.
Ebnöther setzt diese Idee in einem neuen Pilotprojekt zusammen mit den SBB-Fachstellen Kreislaufwirtschaft, Immobilien und dem Team der Arbeitsintegrationswerkstätten SBB Anyway um. Ausgemusterte Aktenschränke der SBB arbeitet er zu Schliessfächern, sogenannten Lockers, um. Dabei versucht die Gruppe, den Arbeitsvorgang einfach zu halten, damit ihn auch Mitarbeitende der SBB Anyway, die temporär oder langfristig eingeschränkt sind, übernehmen können.
Das Forschungsteam hat lange daran geknobelt, den Prozess auf wenige Schritte zu reduzieren. Dabei ist der Wissenstransfer an die Werkstattleitung ein wichtiger Teil der Entwicklungsarbeit. Geringe Abweichungen in der Beschaffenheit der Spanplatten erschweren einen homogenen Arbeitsablauf – das erfordert Flexibilität und eine gewissenhafte Qualitätskontrolle. Um die Arbeitsschritte verständlich darzustellen, dient eine typische Möbelmarkt-Anleitung als Vorbild.
Der neue Locker
Im Mai 2025 wurde der vierte Umbau-Prototyp als Musterschrank realisiert und von den Auftraggebenden für gut befunden. Um die Akzeptanz zu fördern und einen möglichst breiten Einsatzbereich der upgecycelten Möbel zu schaffen, gleichen sie bereits vorhandenen, neuen Schliessfachschränken. Dem neuen Locker ist seine Herkunft erst auf den zweiten Blick anzusehen: Wenn man seine Tür öffnet, sieht man, dass die Tablare aus einem anderen Material sind – aber ebenfalls aus wiederverwendeten Tischplatten.
Das Erstellen von professionellen Hilfsvorrichtungen wie Schablonen oder Lehren, üblicherweise mit grossen Investitionen verbunden, wurde von der ZHAW über einen «digitalen Zwilling» und eine neuartige Hand-CNC-Fräse (Shaper Origin) ausgeführt. Das Projekt zeigt dadurch auch auf, wie mit digitalen Prozessen und Recyclingmaterialien ein höherer Grad an Nachhaltigkeit erzielt werden kann.
Rechenmodelle
Die Frage nach der Verhältnismässigkeit des (energetischen) Arbeitsaufwands gegenüber einer Neuanschaffung umfasst den gesamten Produktlebenszyklus und ist zentral bei der wissenschaftlichen Bewertung. Grundlage dafür sind die Umweltbelastungspunkte (UBP), ein vom Bundesamt für Umwelt entwickeltes System zur Ökobilanzierung, mit der frei zugänglichen KBOB-Liste, in der die Umweltauswirkung einzelner Materialien aufgeführt ist. Gegenüber dem Entsorgen von Altmöbeln und der Neuanschaffung von Lockers schneidet die Umrüstung aus ökologischer Sicht deutlich besser ab: Sie verursacht nur rund ein Sechstel der Emissionen und einen Bruchteil des Abfallvolumens.
Aus finanzieller Sicht ist die Bewertung etwas komplizierter, da viele Faktoren hineinspielen: Die Einlagerung Möbel beansprucht kostbare Flächen. Auch ist die Beschaffung neuer Scharniere und Schlösser verhältnismässig teuer. Nicht zuletzt sind neue Schränke, wie viele Industrieprodukte, im Vergleich sehr günstig, da sie von tieferen Lohnkosten in den Produktionsländern, dem Skaleneffekt industrieller Produktion und teilweise externalisierten Umweltkosten profitieren.
Unstrittig ist der Mehrwert des Projekts in Bezug auf den verminderten Ressourcenverbrauch sowie die Reduktion grauer Energie. Die Beschäftigung der Mitarbeitenden bei SBB Anyway, deren bisheriges Arbeitsfeld – das Zerlegen ausgemusterter Relais – sich langsam dem Ende zuneigt und ersetzt werden muss, ist sozial nachhaltig und sinnvoll. Als Nächstes ist die Umsetzung einer Musterserie von 20 Schränken geplant. Das Vorgehen und seine Dokumentation sind so angelegt, dass sie auf andere Upgrade-Projekte übertragbar sind.
Yves Ebnöther
www.zhaw.ch/de/archbau/institute/ibp
Referenzdaten
Ökobilanzdaten im Baubereich (KBOB)
www.kbob.admin.ch/de/oekobilanzdaten-im-baubereich
Umweltbelastungspunkte (UBP)
https://www.bafu.admin.ch/de/methode-der-oekologischen-knappheit-ubp-methode