Raffiniert faul sein

Binding Waldpreis 2016

Der Wald der Thurgauer Bürgergemeinde Basadingen-Schlattingen ist ein Bijou. Für die zurückhaltende Bewirtschaftung, die Ökologie und Ökonomie erfolgreich kombiniert, erhielt sie den mit 200 000 Franken dotierten Binding Waldpreis.

Lukas Denzler Journalist, Korrespondent TEC21

«In diesem Wald fühlt sich die Seele wohl» – so beschreibt Christian Küchli in seinem 1992 erschienenen Buch «Wurzeln und Visionen – Promenaden durch den Schweizer Wald»1 das Gefühl im Basadinger Wald. Und es stimmt. Gönnt sich der Waldbesucher etwas Musse, spürt er die urtümliche Kraft der alten, fest im Boden verwurzelten Bäume. In diesem Wald bekommt Zeit eine andere Dimension; Hektik ist ein Fremdwort.

Anlässlich der Verleihung des Binding Waldpreises 2016 Ende Juni betonte auch Willi Itel, der Präsident der Bürgergemeinde Basadingen-Schlattingen: «Dank der schonenden Bewirtschaftung und dem ganzheitlichen Denken können wir uns heute über diese schönen Wälder freuen.» Und: Trotz der grossen Rücksichtnahme auf die Natur sei der Wald ein Wirtschaftswald. Das müsse auch sein, so Itel, denn die Bürgergemeinde verfüge über keine anderen Einnahmequellen.

Für das Kuratorium des Binding Waldpreises zeigt die Bürgergemeinde beispielhaft, wie sich ein Wald nach dem Prinzip «Weniger ist mehr» erfolgreich bewirtschaften lässt. Mit ihrer Zurückhaltung gegenüber kurzfristigen Zielen habe die Preisträgerin langfristige ökonomische und ökologische Mehrwerte erreicht, heisst es in der Begründung. Der Betrieb habe in den letzten Jahren stets einen kleinen Gewinn erwirtschaftet. Dies sei möglich dank einer klugen Beschränkung der Ziele und intelligenten Rationalisierung der Mittel.2

Zunehmend setze sich die Einsicht durch, dass die klassische Nachhaltigkeit mit der wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Dimen­sion an Grenzen stosse, sagte Georg Schoop, der Präsident des Kurato­riums. Mit «Suffizienz» werde deshalb ein neuer Ansatz diskutiert, der für Genügsamkeit stehe.

Die Natur «arbeiten» lassen

Worin liegt das Erfolgsgeheimnis dieser Thurgauer Bürgergemeinde? Junge Bäumchen und Baumgiganten wechseln sich auf kleiner Fläche ab. Der Wald befindet sich im Gleichgewicht. Die Eingriffe im Waldbestand erfolgen etwa alle zehn Jahre und orientieren sich am Einzelbaum. Da sich der Wald laufend auf der ganzen Fläche erneuert, fallen keine nennenswerten Pflanz- und Pflegekosten an. Das Motto von Betriebsleiter Walter Ackermann lautet denn auch «Raffiniert faul sein».

Das funktioniert aber nur, wenn man die natürlichen Wuchskräfte im Wald zu nutzen versteht und die Natur für sich «arbeiten» lässt. Und weil es Ackermann und seinen Vorgängern gelungen ist, den Wald gezielt zu lenken, stehen auf der etwas mehr als 300 ha grossen Fläche nun über 2500 Fichten, 900 Eichen, 300 Buchen und 300 Weisstannen mit einem Brusthöhendurchmesser ab 72 cm.

Bäume von dieser Dimen­sion bringen nicht nur Waldbesucher zum Staunen, sie haben auch einen hohen ökologischen Wert. Die Stämme weisen zudem oft Furnierqualität auf und finden ihre Holzkäufer meist in der Umgebung. Mit minimalem Einsatz an Fremdenergie wächst Qualitätsholz heran, das sich zu guten Preisen verkaufen lässt.  

Die heute stufige Waldstruktur ist aus einem ehemaligen Mittelwald hervorgegangen. Diese alte Form der Waldbewirtschaftung war auf die früheren Bedürfnisse optimal zugeschnitten. Die im Abstand von 20 bis 30 Jahren genutzten Laubholzbäume dienten der Brennholzgewinnung, während Eichen und Fichten zu stattlichen Bäumen heranwuchsen und Nutzholz lieferten.

Entgegen der Empfehlung des Forstdienstes hielten die Basadinger bis 1937 hartnäckig an ihren Mittelwäldern fest. Danach setzten sie auf eine einzelbaumweise Bewirtschaftung, was zu den ungleichförmigen, stufigen Beständen führte, die den Wald heute so einzigartig machen. In vielen anderen ehemaligen Mittelwäldern wählte man einen an­deren Weg und begründete reine Nadelholzbestände.

Wertvolle Raritäten

Diese Art der Waldbewirtschaftung brachte bisher kaum jemand mit Suffizienz in Verbindung. Denn der Verzicht auf kurzfristigen Profit dient in erster Linie dem Ziel, den langfristigen Nutzen zu optimieren. Das Geschäftsmodell geht auf, solange Qualitätsholz gefragt ist. Und entscheidend ist auch, wie gut sich die wertvollen Fichten in einem wärmeren Klima halten können. Der «Brotbaum» ist derzeit noch erstaunlich stark vertreten: Bezogen auf die Stammzahl sind zwar nur 39 % der Bäume Fichten, ihr Anteil am Holzvorrat beträgt aktuell aber rund 50 %.

Doch es gibt Anzeichen, dass der Nadelbaum an seine Grenzen stösst. «Vielleicht ist nicht einmal die Trockenheit das grosse Problem, sondern lange Perioden mit Temperaturen von über 30 °C», sagt Ulrich Ulmer vom kantonalen Forst­amt. Dabei bietet dieser Wald grundsätzlich gute Voraussetzungen für das Wachstum der Fichten. Weil sie nicht gepflanzt wurden, sondern stets aus natürlicher Verjüngung hervorgingen, sind die Bäume gut angepasst. Zudem wachsen sie in der Jugend nur langsam und bilden enge Jahrringe, weshalb das Holz wenig anfällig für Pilzbefall ist. Und wenn die Bäume dann mehr Platz und Licht bekommen, bilden sie in ihrem langen Leben ein grosses Wurzelwerk aus.

Walter Ackermann betont die Vorzüge der intakten und biologisch aktiven Böden und das ausgeglichene, relativ feuchte Waldbinnenklima. Letzteres behagt auch den Flechten, von denen zahlreiche seltene Arten vertreten sind. Flechten wachsen sehr langsam und reagieren empfindlich auf Umweltveränderungen.

Eine Flechtenspe­zialistin aus der Region wies Ackermann vor vielen Jahren auf das Vorkommen der seltenen Eichenstabflechte hin. Der Förster begann sich für diese eigentümlichen Lebewesen zu interessieren. Und eines Tages entdeckte er im Basadinger Wald die sehr seltene Lungenflechte. Unter den Schweizer Flechtenspezia­listen befand man zunächst, das sei unmöglich – die Art galt im Mittelland als ausgestorben. Doch ein Augenschein vor Ort ergab, dass die Lungenflechte in diesem Wald tatsächlich überlebt hatte.

Heute stellt ein Flechtenpfad 15 Flechtenarten vor und informiert über ihre spezielle Lebensweise.3 Weitere Raritäten wie den Grossen Rosenkäfer entdeckten Käferspe­zialisten erst vor zwei Jahren. Der seltene Mittelspecht ist häufig, und beiläufig erwähnt Walter Ackermann den Laubfrosch, eine weitere Ikone des Naturschutzes.

Angesichts der gelungenen Kombination von Holznutzung und Rücksichtnahme auf die zahlreich vorhandenen Naturwerte ist die Thurgauer Bürgergemeinde eine würdige Preisträgerin. Suffizienz zielt in ihrer gesellschaftlichen Dimension auf eine Mässigung des Konsums und des Ressourcenverbrauchs ab und steht somit im Widerspruch zu einem ungezügelten Wachstum. Diese Forderung auf die Schweizer Waldwirtschaft zu übertragen wirkt jedoch etwas gesucht.

Es wäre wohl sinnvoller zu fragen, welchen (indirekten) Beitrag die Waldwirtschaft zu einer suffi­zien­teren Gesellschaft zu leisten vermag. Stichworte hierfür sind Nah­er­ho­lung, Lebensqualität und Bescheidenheit – und dazu trägt Basadingen-Schlattingen mit seinem Wald zweifellos bei. Die ökologisch sinnvolle Holznutzung bleibt dabei nicht auf der Strecke. Im Gegenteil: Der Wald der Bürgergemeinde wurde in den letzten Jahrzehnten intensiver genutzt als manch anderer Wald im Mittelland.

Bei der Wahl der Preisträgerin mag eine Rolle gespielt haben, dass das Kuratorium Anzeichen erkennt, wonach das Pendel zunehmend in Richtung einer einseitigen Holzproduktion auszuschlagen droht – bis hin zu einer plantagenartigen Waldwirtschaft. Die Bürgergemeinde Basadingen-Schlattingen führt uns Alternativen dazu vor Augen.

Ein Leporello stellt den diesjährigen Gewinner vor

Anmerkungen

1 Christian Küchli, Jeanne Chevalier: Wurzeln und Visionen – Promenaden durch den Schweizer Wald, S. 54–63, AT Verlag, Aarau 1992.
2 www.binding-stiftung.ch/waldpreis
3 www.flechtenpfad.ch

Der letzte Binding-Preis

Vor einem Jahr kündigten die Verantwortlichen der Sophie und Karl Binding Stiftung an, der 30. Binding Waldpreis werde der letzte in dieser Form sein. Laut dem Stiftungsrat hat er seine Ziele erreicht. In den vergangenen Jahren war hin und wieder auch zu ver­nehmen, dass es nicht einfach sei, neue Preisträger zu finden. Mit der Beschränkung auf Schweizer Waldeigentümer war der Kreis der Kandidaten relativ eng gezogen – dem Binding Waldpreis drohten Wiederholung und Abnutzung.

Hätte man den Preis weiterführen wollen, hätte man ihn vor einigen Jahren anpassen und thematisch öffnen müssen. Auch die 2015 ins Spiel gebrachte Idee, mit der Schwester­stiftung im Fürstentum Liechtenstein künftig einen gemeinsamen Umwelt- und Nachhaltigkeitspreis zu lancieren, wird offenbar nicht weiter verfolgt. Das Engagement der Sophie und Karl Binding Stiftung im Bereich Umwelt und Landschaftsschutz bleibt jedoch bestehen.

Der Binding Waldpreis wird der Schweizer Waldwirtschaft fehlen. Die Lücke zu schliessen wird nicht einfach sein. Und es stellt sich die Frage, ob die Branche in der Lage ist, selber etwas Neues zu schaffen und das Vakuum zu füllen. Man wäre positiv überrascht, sollte dies gelingen. Neue Ideen sind willkommen.

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