«Für die Nach­hal­ti­g­keit ist es am be­sten, wenn das Fen­ster län­ger im Ge­bäu­de ver­bleibt»

Fensterersatz sollte nicht immer die erste Wahl sein. Nachrüstung, Wiederverwendung und Recycling leisten einen wichtigen Beitrag zur besseren CO2-Bilanz und Kreislauffähigkeit von Fenstern und Gebäuden.

Data di pubblicazione
21-04-2026

Werden Häuser energetisch saniert, ist der Fensterersatz meist die erste Massnahme. Betrachtet man aber CO2-Emissionen über den ganzen Lebenszyklus, ist die Bilanz nicht immer positiv. Das Recycling von Fensterrahmen und Fensterglas leistet einen wichtigen Beitrag und optimiert die Baustoffkreisläufe. Jörg Pfäffinger hat bei Urs Uehlinger, dem Leiter der akkreditierten Prüfstelle der BFH, und Urs-Thomas Gerber, Professor für Nachhaltiges Bauen an der BFH in Biel, zum aktuellen Stand des Fensterrecyclings nachgefragt.

Jürg Pfäffinger: Wie schätzen Sie die verschiedenen Fenstermaterialien bezüglich ihrer Möglichkeiten in der Kreislaufwirtschaft ein?

Urs Uehlinger: Wir wissen, dass man bei Kunststofffenstern schon sehr weit ist mit dem Recycling, denn das Material kann nach einem Prozess der Aufarbeitung wieder für neue Fensterprofile eingesetzt werden. Als «Hölziger» bin ich da schon etwas neidisch. Beim Recycling von Holzfensterprofilen sind wir noch nicht so weit. 

Trotz der Tatsache, dass Holz CO2-neutral ist? 

Urs Uehlinger: Holz ist zwar nachwachsend und grundsätzlich CO2-neutral und gilt daher als nachhaltiger Werkstoff. Allerdings ist Fensterholz meist behandelt und kann nach der Nutzung nicht einfach wiederverwendet werden. Es wird in der Regel in speziellen Öfen mit hohen Temperaturen zur Energiegewinnung genutzt. Andere Ansätze sind zwar vorhanden, noch gibt es aber keine industriell und wirtschaftlich sinnvolle Lösung für die Wiederverwendung oder das Recycling des Rahmenmaterials von Holzfenstern.

Auch bei Kunststofffensterrahmen ist das Verbrennen offenbar immer noch die geläufige «Lösung». Sind die höheren Kosten beim Recycling ein Bremsklotz für die Wiederverwertung? 

Urs Uehlinger: Mein Kenntnisstand ist, dass die Kehrichtverbrennungsanlagen in der Schweiz grundsätzlich keine Freude an der Verbrennung des PVC haben. Womöglich ist es heute aber logistisch einfacher und finanziell attraktiver für viele Fensterbaubetriebe. Alt-PVC als Ressource für neue Fenster zu nutzen, wäre aus meiner Sicht jedoch der deutlich intelligentere Weg.

Wäre ein Verbot des Verbrennens von PVC-Fenstern wünschenswert?

Urs Uehlinger: Ein Verbrennungsverbot für PVC-Fenster in der Schweiz würde das Recycling natürlich fördern. Allerdings scheint mir eine rein schweizerische Lösung nicht unbedingt der optimale Weg zu sein. Gerade beim Rahmenmaterial PVC haben wir es mit einer grenzüberschreitenden Prozesskette zu tun.

Wie ist die Rolle der Verglasung beim Thema Recycling zu sehen?

Urs Uehlinger: Der ökologische Fussabdruck der Fenster wird massgeblich durch das Glas bestimmt. Studien zeigen, dass das Rahmenmaterial zwar einen signifikanten Einfluss hat, aber der grosse Hebel ist die Verbesserung der Nachhaltigkeit beim Isolierglas, das einen Anteil von über 50 % am Fussabdruck hat. Es ist allerdings eine grosse Herausforderung für die Glasindustrie, Glas aus alten Isoliergläsern wieder vermehrt in den Kreislauf einzubringen.

Herr Gerber, Sie haben an der BFH zum Thema Fenster-Recycling geforscht. Wie sehen Sie die Frage der Ökobilanz bei einem Fensterersatz?

Urs-Thomas Gerber: Bei einem Mehrfamilienhaus mit acht Wohnungen verursachen die Fenster ca. 10 % der Treibhausgas-Emissionen. Die Norm SIA 2032 gibt für Fenster eine Amortisationszeit von 30 Jahren vor. Die Fenster in unserem Haus wurden erst nach 43 Jahren ersetzt. Marktrecherchen zeigen, dass dies ein guter Mittelwert ist. Die Ökobilanz ist dann bereits um 30 % besser.

Die aktuellen Empfehlungen, Fenster nach 30 Jahren zu erneuern, sind also nicht ganz praxisgerecht?

Urs-Thomas Gerber: Wenn ein Fenster 43 Jahre alt ist, hält es noch einmal ein paar Dekaden. Wenn ich nach 43 Jahren das Glas ersetze, stecken darin 50 % der grauen Energie. Bei emissionsfreiem Betrieb müsste dieses Fenster somit nochmals mindestens 20 Jahre halten, also insgesamt 65 Jahre alt werden. Darüber sollte man nachdenken.

Wie also kann man mehr Nachhaltigkeit im Fensterbau erreichen?

Urs Uehlinger: Für die Nachhaltigkeit ist es sicher am besten, wenn das Fenster länger im Gebäude verbleibt. Das bedeutet aber, dass neue Fenster unabhängig vom Rahmenmaterial immer in bestmöglicher Qualität eingebaut werden sollten. Das ist nicht nur für die Umwelt besser, sondern auch wirtschaftlich interessant.

Sind 20 Jahre alte Konstruktionen denn heute noch tauglich?

Urs Uehlinger: Ja, absolut. Ein Beispiel: Es war bereits vor 20 Jahren möglich, standardmässig und mit überschaubaren Mehrkosten Dreifachverglasung mit warmer Kante und einem Rahmen, dessen Wärmedämmung mit heutigen Standards vergleichbar ist, einzubauen. Diese Fenster erfüllen auch die seither verschärften Energievorschriften und sind in ihrer Leistung mit aktuellen Konstruktionen vergleichbar. Mit etwas Wartung und allenfalls dem Ersatz gewisser Verschleissteile halten sie gut und gerne noch einmal 20 Jahre.

Wie sehen Sie die Entwicklung von Fenstern im Wohnungsbau?

Urs Uehlinger: Wenn ich mich umschaue, sehe ich bei sanierten Mehrfamilienhäusern sehr häufig neue Kunststofffenster. Auch in der Schweiz kommen in sehr vielen Fällen die alten Holzfenster raus und Kunststoff rein. Die aktuellen Marktzahlen zeigen aber, dass sich in der Schweiz Holz- und Holz-Metall-Fenster im Markt behaupten. Ich gehe davon aus, dass sich dies auch in Zukunft nicht signifikant ändern wird.

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