Das Haus als Büh­ne

Zum 50-jährigen Jubiläum lässt das Theater Basel seine Geschichte Revue passieren – vom Herrentheater zur Bühne für alle. Dabei wird klar: Abriss und Neubau von Kulturbauten wurden damals wie heute emotional debattiert.

Data di pubblicazione
13-11-2025

Theater gelten als Spiegel der Gesellschaft. Dies kann sich auch auf die Architektur der Schauspiel- oder Opernhäuser beziehen, denn ihr Ausdruck und der Ort, an dem sie gebaut werden, sagt viel über das Selbstverständnis einer Stadt aus.

Bezeichnend ist die Sprengung des alten Basler Theaters vor rund fünfzig Jahren, die für viel Aufsehen innerhalb der Bevölkerung sorgte und kontroverse Diskussionen in der Fachgemeinschaft auslöste. Trotz des damaligen Widerstands der Bevölkerung hat sich das Mehrspartentheater bis heute bewährt. Es ist Ausdruck eines demokratischen Verständnisses von Architektur und Kunst. 

Sein 50-jähriges Jubiläum feierte das Theater Basel mit einem umfassenden Programm und einer Ausstellung, in der Besuchende das Auf und Ab seiner Geschichte nachempfinden konnten.

Langer Weg zu einem offenen Theater

Als das erste Stadttheater von 1875 abbrannte, wehrten sich die Baslerinnen und Basler mit einem Referendum gegen ein neues «Herrentheater» mit hierarchischer Sitzordnung. Doch 1906 wurde an derselben Stelle ein Logen- und Rangtheater eingeweiht, in dem sich ein Grossteil des Publikums mit einer schlechten Sicht auf die Bühne zufriedengeben musste. Einige Sitzplätze waren sogar unverkäuflich. 

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Im Zuge der städtebaulichen Neuordnung des Kulturzentrums zwischen Steinen- und Klosterberg regte Stadtplaner Paul Trüdinger an, an Stelle des «Klassentheaters» einen Freiraum zu schaffen. Es folgten ein Ideenwettbewerb und zwei Projektwettbewerbe – 1956 und 1963. Am Ende gewann der Entwurf von Schwarz, Gutmann und Gloor, die ihn 1975 auch realisierten.

Gegen den Abriss des alten Theaters

Für den Erhalt und die Umnutzung des alten Theaters setzten sich Lucius und Annemarie Burckhardt sowie der Schweizer Werkbund ein. Der Abriss des Gebäudes war keine Voraussetzung für den Neubau, da dieser am Platz einer Schule entstand. Doch die beengte städtebauliche Situation sprach dafür. 

Dort, wo früher die Bühne des alten Theaters lag, beleben heute die wasserspeienden Plastiken des Tinguely-Brunnens den Theaterplatz. Breite Treppenanlagen unterteilen den Platz in mehrere Ebenen mit unterschiedlichen Sitz- und Aufenthaltsmöglichkeiten.

Verortung in der Stadt

Im heutigen Theater ist die Sicht auf die Bühne von allen 980 Plätzen aus uneingeschränkt – ein klarer Fortschritt gegenüber den Vorgängern. Neben der grossen Bühne gibt es auch eine kleine. Das grosszügige, mehrgeschossige Foyer kann für kleinere Aufführungen, Konzerte, Einführungen oder Gespräche vielfältig genutzt werden. Damit erweitert sich das Theater in den öffentlichen Raum – und der klassische Bühnenbegriff um eine räumliche und soziale Dimension.

Anders als die neoklassizistische Kunsthalle und der Musiksaal des Stadtcasinos – beide von Johann Jakob Stehlin-Burckhardt gebaut – passt sich das Gebäude mit zwölf ober- und unterirdischen Geschossen an die jeweilige städtebauliche und topografische Situation an. Am tiefsten Punkt des Geländes bildet es ein Vis-à-vis zur hohen Bebauung der Innenstadt. Hinter der nüchternen Fassade liegen Verwaltung und Kantine. 

Auf der Rückseite zur historistischen Elisabethenkirche sind die Werkstätten für Kulisse und Technik grösstenteils in den Hang gegraben. Hier weisen nur die Oberlichter in Form von Pyramiden aus Glasbausteinen auf den unterirdischen Malsaal hin. 

Alles unter einem Dach

Am Haupteingang wird das weit ausladende Hängedach gut sichtbar. Es vereint alle Funktionen des Gebäudes an einem Ort, was die Logistik stark vereinfacht. Die beinahe 1000 Tonnen schwere Betonschale ist gerade einmal zwölf Zentimeter dick und misst damit nur ein Fünfhundertstel seiner Spannweite von etwa 60 Metern – aufgehängt vor allem am Bühnenturm und an der Eingangsfassade. Heinz Hossdorf, der Bauingenieur, gewährte damit einen wirksamen akustischen Schutz und gestaltete ein modernes Gebäude. 

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Modern ist auch die Wahl der Materialien und Farben: Kokosteppich im Foyer und dunkles Weinrot, Schwarz und Weiss für die Wände des Publikumsraums.

Seiner Zeit voraus

Das grösste Mehrspartentheater der Schweiz war seiner Zeit voraus und ist auch heute noch zeitgemäss. Denn der Raum passt sich den Bedürfnissen der Kunst an. Kleine und grosse Aufführungen, mit und ohne Orchester, sind möglich.

Gleich bleibt: Sanierungen, Um- oder Neubauten der Kulturstätten in der Schweiz werden weiterhin emotional und kritisch debattiert – man denke etwa an das Opernhaus Zürich, das Kurtheater Baden, den Wettbewerb zum Schauspielhaus Pfauen, die Instandsetzung des Theaters St. Gallen oder auch in einer Volksabstimmung abgelehnte Neubauprojekt des Theaters in Luzern

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