Space-Pop im Pfau­en

Schauspielhaus Pfauen, Zürich

EMI Architekt*innen entschieden den Wettbewerb zur Instandsetzung der Hauptspielstätte des Schauspielhauses Zürich für sich. Sie überzeugten die Jury sowohl mit stimmungsvollen Bildern als auch mit klaren, reduzierten Eingriffen in den denkmalgeschützten Bestand.

Publikationsdatum
06-11-2025

Schauspielhaus Pfauen, Zürich 
Projektwettbewerbe im selektiven Verfahren

Wann immer Theaterinstitutionen zusätzliche Gelder zu ihren bestehenden Subventionen benötigen, etwa für grössere bauliche Eingriffe, wird unmittelbar auch über ihren gesellschaft­lichen Wert verhandelt. Da in der Schweiz Volksabstimmungen über die Finanzierung von öffentlichen Bauvorhaben entscheiden, sind für die gesellschaftliche Zustimmung plausible Argumente wichtig, denn nicht alle gehen ins Theater. 

Vom Argument zum Raum

Der Historiker Christof Kohler fasste zwei Hauptargumente zusammen, die bei der Einführung der Subventionen des Theaters Zürichs (ab 1921 aufgeteilt in Schauspielhaus und Opernhaus) angeführt wurden: Zum einen brauche es staatliche Mittel, um die Autonomie der Kunst zu wahren und neben der damals entstehenden Massenkultur Kino bestehen zu können. Zum anderen war die Zugänglichkeit des Theaters als Bildungsinstitution für alle Bevölkerungsschichten mit günstigeren Volksvorstellungen grundlegend.1 Das Theater stand so zumindest in der Theorie allen offen.

Lesen Sie hier mehr über das Theater Winterthur.

Diese öffentliche Zugänglichkeit hat im vergangenen Jahrhundert parallel zu der steigenden staatlichen Unterstützung weiter an Bedeutung zugenommen. So wurden Theater in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts oft mit grosszügigen Foyer-Landschaften ausgestattet, wie beispielsweise das Theater Winterthur. In älteren Theatergebäuden, wie dem Pfauen, fehlt diese Art von Raum für eine zeitgemässe Weiterentwicklung des Theaterbetriebs.

Erinnerungsort

Der 1889 eingeweihte Gebäudekomplex der Architekten Chiodera & Tschudy am Heimplatz hat aber noch eine zusätzliche, über diese zwei Aspekte hinausreichende öffentliche Bedeutung: Es ist ein Baudenkmal von nationaler und internationaler Bedeutung, in dem viele Zeitschichten der einzelnen Umbauetappen überlagert sind und dessen Zuschauerraum einen besonderen Erinnerungswert enthält. Er war Zufluchtsort vieler während des NS-Regimes verbotener oder verfolgter Kunstschaffender und avancierte zur wichtigsten deutschsprachigen Bühne seiner Zeit. Viele Stücke von Berthold Brecht, Max Frisch oder Friedrich Dürrenmatt wurden hier uraufgeführt.

Aus diesem Grund legte der Heimatschutz gegen den Entscheid des Stadtrats, das Hofgebäude abzureissen und mit einem Ersatzneubau alle gewünschten Verbesserungen zu ermöglichen, Rekurs ein. Nachfolgend erarbeitete die Stadt mit dem Zürcher Büro EM2N vier Varianten mit unterschiedlichen Eingriffstiefen und der Prämisse, das Baudenkmal zu erhalten. 

Der Gemeinderat entschied sich 2022 für die «Sanierung mit kleinen Eingriffen». Für den anschliessenden Wettbewerb wählte die Jury 12 von 43 Teams zur Bearbeitung aus. Die Aufgabe umfasste die Erneuerung der Bühnen- und Gebäudetechnik sowie die energetische Sanierung. Weiter sollten die Teams die behördlichen Auflagen hinsichtlich Brandschutz, Erdbebensicherheit und Hindernisfreiheit erfüllen. Auch dem Arbeitsrecht und dem Gesundheitsschutz sollte der Entwurf Rechnung tragen und das Foyer, den Gastronomieteil und die Logistik betrieblich verbessern.

Der Denkmalschutzplan enthielt eindeutige Markierungen der zu schützenden baulichen Elemente wie des kompletten Zuschauersaals, der verborgenen Kuppel darüber sowie der Fassade und Geschossdecken ab dem zweiten Obergeschoss des Stras­sengebäudes zum Heimplatz. Zwischen dem Eingangsbereich und dem Zuschauersaal tat sich der architektonische Spielraum für die Teams auf, um entsprechend dem Wunsch nach einer «atmosphärisch stimmige[n] Materialisierung zum Weiterbestand des historischen Theaterkomplexes» Konzepte zu entwickeln.

Vielfältige innere Welten

So eng der Spielraum für architektonische Ideen zunächst scheint, so vielfältig sind die Vorschläge der internationalen Teams für die Raumsequenz: Eingang, Foyer, Zuschauerraum. Ein von der Jury geforderter atmosphärischer Schnitt machte die verschiedenen Entwürfe vergleichbar und zeigt: Im Zwischenraum zwischen Stadt und historischem Zuschauerraum gibt es unterschiedlichste räumliche Ansätze, um den Anforderungen an Funktion und Raumstimmung gerecht zu werden. 

Der einstige Biergarten im Innenhof, der vor dem Umbau im Jahr 1926 von den Architekten Pfleghard und Haefeli erstellt worden war, inspirierte verschiedene Projektverfassende zum geschichtlichen Bezug. Die Jury wertet diese «Erfahrbarmachung der historischen Setzung» allerdings als irrtümliche Interpretation der Geschichte. Denn mit dem Umbau 1926 wurde der ursprüngliche Innenhof überdeckt und der heutige Theatersaal hatte nie eine «bewusst gestaltete Aussenfassade».

Lesen Sie hier einen weiteren Beitrag zum Schauspielhaus Pfauen.

Andere Ideen sind zeichenhafter. Zum Beispiel der nach oben offene Kegel als Foyer des viertrangierten Projekts von Huggenbergerfries Architekten, der Glaskubus von Bruther oder die Sitzskulptur von Snøhetta. Alle drei empfand die Jury als zu starke Gesten und der Sequenz zwischen Stadtplatz aussen und Erinnerungsort im Inneren funktional oder atmosphärisch nicht angemessen. 

Aus Sicht der Jury verfehlte der Vorschlag von AFF Architects und Elisabeth & Martin Bösch Architekten das Denkmalschutzziel. Sie schlugen vor, den Zuschauersaal mit einem aufwendigen Verfahren um ein Geschoss anzuheben, um das Foyer darunter zu schieben – ein Eingriff, der mit dem Denkmalschutz nicht zu vereinbaren ist. Im Vergleich dazu wirken das zweit­rangierte Projekt von Spillmann Echsle Architekten – aus Sicht der Jury zu gediegen – und das Projekt von Staufer Hasler, das die gewünschte Grosszügigkeit nicht entwickelt, zu introvertiert. 

Jenseits der Tektonik

EMI Architekt*innen fanden für diesen Zwischenraum, der gleichzeitig Foyer, Schnittstelle und Multifunktionsraum ist, eine wirkungsvolle Idee. Das verglaste Dach des Foyers behängen sie mit grossen Stoffbahnen, die unterschiedliche Möglichkeiten bieten, um Atmosphäre zu erzeugen. Der Raum erinnert an die temporäre Installation «Klangkleid» auf dem Fraumünsterhof von 2021 und trifft mit der zeitgenössischen Ausstrahlung einen Nerv. Er wirkt weder überladen noch zu bescheiden und ergänzt das historische Erbe mit einer spielerischen Idee, die bereits konkrete Vorstellungen für die Nutzung mitbringt.

Respekt vor dem Denkmal

Auch die historische Bausubstanz würdigt der Beitrag. Denn die Aufgabe, den Zuschauerraum mit kleinen Eingriffen zu ertüchtigen, war zentral. Während einige Entwürfe die Eingriffstiefe überschreiten, indem sie Stützen entfernen, setzen EMI überzeugend die Wünsche nach besserer Sicht, Akustik und Funktion unter Wahrung des Denkmalschutzes um. 

Die äussere Erscheinung markieren sie mit einem grossen Pfau aus poppigen LED-Lichtbändern und erfreuen damit die Jury. Diese regt aber auch eine Umposi­tionierung des Theaterbistros ins Erdgeschoss und die Überarbeitung des homogenen Steinplattenbelags durch das gesamte Erdgeschoss an. Grundsätzlich lobt die Jury aber «die Vielzahl von einfachen Massnahmen mit kleiner Eingriffstiefe und erheblicher Wirkung».

Nächste Spielzeit

Mit dem Wettbewerbsentscheid gibt es nach langem Ringen um die Sanierung der historischen Spielstätte ein Ergebnis, das sowohl aus denkmalpflegerischer Sicht als auch für die Theaterleitung eine Lösung darstellt. Der Start der Bauarbeiten ist ab 2030 geplant. Bis dahin wird es noch einen Volksentscheid über die grob veranschlagten Fr. 120 Mio.Baukosten geben. Da die gewählten Massnahmen gezielte Verbesserungen ermöglichen und das Programm nicht überfrachtet wurde (wie beim Theater Luzern), lässt sich das Ergebnis nicht bemängeln.

Sowohl Projektentwicklung als auch Architektur scheinen stimmig und dem Ort angemessen entwickelt zu sein. Der Verzicht auf eine Verbesserung der Anlieferung, zusätzliche Lagerflächen für Bühnendekoration und Vergrösserung der Betriebsräume im Vorfeld des Wettbewerbs machten das möglich. Die Bereitschaft des Theaters, sich auf den Standort und die damit einhergehenden Einschränkungen einzulassen, trug zu einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Erneuern und Bewahren bei. Dieses Vorgehen ermöglicht eine zeitgemässe Weiterentwicklung des Theaterbetriebs an einem historischen, wichtigen Ort. 

 

Rangierte Projekte
 

1. Rang / 1. Preis: «Die Vögel»
EMI Architekt*innen, Zürich; Basler & Hofmann, Zürich/Esslingen; R + B engineering, Zürich; Gruenberg + Partner, Zürich; Planung AB, Luzern; Norm, Zürich
 

2. Rang / 2. Preis: «Juno und der Pfau»
ARGE spillmann echsle architekten, Zürich, mit Righetti Partner Group, Zürich; Synaxis, Zürich; HKG Engineering, Schlieren; PZM, Zürich; Müller-­BBM, Planegg (D); EK Energiekonzepte, Zürich; Theater Engineering Inge­nieur­gesellschaft, Berlin (D); Spektrum Lichtplanung, Zürich; AFC, Zürich; Licht Kunst Licht, Bonn (D); GaPlan, Villigen
 

3. Rang / 3. Preis: «Foyer Publique»
Gigon/Guyer Partner Architekten, Zürich; HSSP, Zürich; WaltGalmarini, Zürich; IBG Engineering, Winterthur; Waldhauser + Hermann, Münchenstein; Bösch Sanitäringenieure, Dietikon; Transit Productions, Zürich; theapro, München (D); Kuster + Partner, Münchenstein; Gruner, Zürich; planbar, Zürich
 

4. Rang / 4. Preis: «Courage»
HBF Huggenbergerfries Architekten, Zürich; Buol & Zünd Architekten, Basel; Takt Baumanagement, Zürich; ZPF Consulting, Zürich; PZM, Zürich; Kuster + Partner, Münchenstein; Theapro, München (D)
 

Fachjury
 

Ursula Müller, Amt für Hochbauten (Vorsitz); Katrin Gügler, Direktorin 
Amt für Städtebau; Silke Langenberg, 
Prof. Dr. Denkmalpflege, Zürich; 
Volker Staab, Prof. Architekt, Berlin; Anna Jessen, Prof. Architektin, Basel; Marc Loeliger, Architekt, Zürich; 
Frank Schneider, Architekt, Zürich
 

Sachjury
 

André Odermatt, Vorsteher Hochbaudepartement; Rebekka Fässler, Co-Direktorin Kultur; Silvia Kistler, Immobilien Stadt Zürich; Beate Eckhardt, Co-Verwaltungsratspräsidentin SHZ; Dirk Wauschkuhn, Technischer Direktor SHZ; Rafael Sanchez, Co-Intendant SHZ ab 2025/26
 

Bauherrschaft/Eigentümervertretung

Stadt Zürich vertreten durch Immobilien Stadt Zürich
 

Bauherrenvertretung/Auslobung

Amt für Hochbauten, Zürich

Weitere Informationen, Pläne und Bilder zum Schauspielhaus Pfauen finden Sie auf competitions.espazium.ch.



 

Tags

Verwandte Beiträge