Spar­sam, ele­gant, an­spru­ch­svoll

Eine überaus kurze Geschichte des Betonschalenbaus.

Data di pubblicazione
22-09-2022

Seinen grossen Auftritt hatte der Schalenbau 1939 auf der Landesausstellung in Zürich. Mit der von Hans Leuzinger entworfenen und von Robert Maillart kongenial ins Werk gesetzten «Cementhalle» wurde ein (temporäres) Gebäude errichtet, das nachhaltige Wirkung entfalten sollte. Im Überblickswerk «Switzerland Builds» wurde es 1950 als Beispiel für die Virtuosität der hiesigen Betonverarbeitung gepriesen, der Architekturtheoretiker Sigfried Giedion feierte es als «architekturgeschichtliches Ereignis».1 

Dünnwandige Betonschalen waren freilich schon Jahre zuvor gebaut worden, auch in der Schweiz: In Basel hatte man 1929 die Grossmarkthalle in der aus Deutschland importierten Zeiss-Dywidag-Bauweise errichtet, drei Jahr später begann in Vevey der Bau der Galeries du Rivage, deren Vorbild die von Eugène Freyssinet realisierte Markthalle in Reims war. So drückten sich die Sprachräume der Schweiz auch in den internationalen Verflechtungen des Schalenbaus aus.

Auch Maillart hatte schon früher mit zwei Pavillons in Zürich (Bürkliplatz, 1908, und Sihlhölzli, 1932) Schalendächer realisiert. Doch auf der Landi gelang ihm ein Paukenschlag. In einer Zeit zunehmender Material­knappheit zeigte die Cementhalle erstens die Möglichkeit, grosse Räume mit wenig Material zu ­überdecken. Zweitens stellte sie die Ästhetik des Funktionalen zur Schau. Die Cementhalle war eine Art Schutzschirm für eine Ausstellungsfläche, auf der Produkte der Zementindustrie präsentiert wurden. Die Brücke, die diese Fläche mittig überquerte, fungierte als Zugband, um die nach aussen drückenden Horizontalkräfte im Zaum zu halten. Konsequenter hätte die Form kaum aus den statischen Bedingungen abgeleitet werden können.

Zu einer Zeit, als Lohnkosten vergleichsweise niedrig, Materialien aber teuer waren, punktete der Betonschalenbau mit Wirtschaftlichkeit. So erlebte er in den kurz nach 1945 einsetzenden Boomjahren seine Hochphase. Gleich den zweiten Band seiner «Dokumente der modernen Architektur» widmete Jürgen Joedicke diesem Phänomen.2 Er verschwieg nicht, dass damit das uralte Prinzip der Wölbung Einkehr in die Architektur der Moderne hielt – indes mit ungleich grösserem Formenreichtum. Ermöglicht wurde dies durch die ubiquitäre Verfügbarkeit des Kompositbaustoffs Stahlbeton.

Freie und geometrische Formen

Der tragwerksplanerischen Definition zufolge sind Schalen «Gebilde, die nach einfach oder doppelt gekrümmten Flächen geformt sind und bei denen die Wanddicke im Verhältnis zur Flächenausdehnung gering ist».3 Sie sind in besonderer Weise von der Wahl eines geeigneten, Druck- wie Zugkräften trotzenden Baustoffs abhängig. Vor allem dank dem leicht formbaren (flüssigen) Beton, ausgefeilter Schaltechnik und tragwerksplanerischem Know-how war es möglich, Schalen in grosser Zahl zu realisieren. Als dann noch die Technologie des Spannbetons den Kinderschuhen entwuchs, etwa durch die Forschungen der ETH-Professoren Max Ritter und Pierre Lardy, waren der Formfantasie kaum mehr Grenzen gesetzt.

Die Expo ’64 in Lausanne fiel in die Boomjahre mit ihrem ungebremsten Fortschrittsglauben und damit einhergehender Massenmobilisierung. Als Ausläufer des Ausstellungsgeländes am See wurde der Jardin d’enfants Nestlé angelegt; es mag kein Zufall sein, dass sich dort Kinder unter dem Schutz der «Grande Voile» als künftige Autofahrer üben durften. Die von Michel Magnin und Conrad Zschokke entworfene Schale mit ihren elegant aufgestellten Rändern fiel dem Ingenieur Heinz Isler ins Auge, der vier Jahre später an der frisch eröffneten Nationalstrasse 1 im Auftrag von BP mit den Dächern der Raststätte Deitingen-Süd eines der bekanntesten Schalenbauwerke auf Schweizer Boden baute. (vgl. TEC21 49-50/2002 «Die Suche nach der perfekten Schale»; TEC21 11/2017 «Zeitloser Schwung»).

Während Isler seine «freien» Schalenformen auf dem Weg physischer Modellversuche fand, was in einem formal eigenständigen, äusserst umfangreichen Werk mündete, so spiegelt sich im Œuvre seines Zeitgenossen Heinz Hossdorf eher das internationale Spektrum des Schalenbaus wider (vgl. TEC21 43/2014 «Heinz Hossdorf und die Modellstatik»). Schon in der von Schalensheds überspannten Halle der Firma Goldzack in Gossau (1955) lehnte er sich eng an einen Entwurf Eduardo Torrojas an.4 In seiner Heimatstadt Basel realisierte Hossdorf das Dach über dem Lesesaal der Universitätsbibliothek (1968) von Otto Senn, wobei er Anleihen bei einer der wohl strahlkräftigsten Schalenbauten machte, dem 1958 von Félix Candela in Mexiko-Stadt errichteten Restaurant Los Manantiales. Candela entwickelte eine Meisterschaft im Bau hyperbolischer Paraboloid- oder kurz: Hyparschalen; auf dieser Geometrie fusst etwa das Dach der Alsterschwimmhalle in Hamburg.

Schalen schützen und erhalten

In den 1970er-Jahren nahm nicht nur ein wachsendes ökologisches Bewusstsein die «Betonierung der Landschaft» ins Visier, auch steigende Lohn- und Materialkosten führten zum Ende des Betonschalen-Booms. Heute allerdings könnte die mit ihnen auf die Spitze getriebene Sparsamkeit im Materialverbrauch durchaus wieder zu denken geben. In jedem Fall stellen die Bauten dieser Ära wichtige Zeugen ihrer Zeit und ihrer (bau-)wirtschaftlichen Rahmenbedingungen dar.

Die in dieser Ausgabe vorgestellte Alsterschwimmhalle und die Sendehalle im saarländischen Berus wie auch weitere Bauten, etwa die derzeit ertüchtigte «Hyparschale» in Magdeburg von Ulrich Müther oder die kühne, zum Ausstellungspavillon und Sitz der Archives d’Architectures de Genève umgewidmete Sicli-Fabrikationshalle, zeigen, dass ein zweites Leben möglich ist. Auch wenn es selten leicht sein wird, die grossen Raumvolumen der Schalen zu füllen, so ist ihr Erhalt allein schon deshalb sinnvoll, weil ein Rückbau nur in Ausnahmefällen die Lösung sein kann.

Anmerkungen

 

1 George Everard Kidder Smith, Switzerland Builds. Its Native and Modern Architecture, London/New York/Stockholm 1950, S. 86, und Sigfried Giedion, Raum Zeit Architektur. Die Entstehung einer neuen Tradition, Basel/Boston/Berlin 1996, S. 302.

 

2 Jürgen Joedicke, Schalenbau. Konstruktion und Gestaltung, Zürich 1962.

 

3 Franz Dischinger, «Schalen und Rippenkuppeln» in: Fritz Emperger (Hg.), Handbuch für Eisenbetonbau, Bd. 12, Teil 2, Berlin 1928, S. 151–371, hier S. 151.

 

4 Vgl. Elke Genzel, «Boundaries spoil everything» in: International Conference on Construction Research Eduardo Torroja, Madrid 2018, S. 309–316, hier S. 312.