Sor­ge um den Be­stand

Das Bauen ist einer der grössten CO2-Emissionäre. Das Gebot der Stunde lautet daher: «Erhalte den Bestand!» Auch der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten BDA setzt sich mit dem Thema auseinander und zeigt eine von Olaf Bahner, Matthias Böttger und Laura Holzberg kuratierte Ausstellung im Deutschen Architektur Zentrum DAZ in Berlin.

Data di pubblicazione
30-05-2021

In der Ausstellung beschreiben zehn Teams ihre jeweilige Strategie und Haltung im Sorgetragen für den Gebäude- und Wohnungsbestand. Sie plädieren für ein achtsames Erhalten, Reparieren und Weiterdenken.

Neben der Besichtigung der Ausstellung lohnt es sich auch, die begleitende Publikation zu bestellen. Darin werden in sieben Essays die Positionen verschiedener Architekturprotagonistinnen und -protagonisten vorgestellt. So zum Beispiel Susanne Wartzeck, Architektin und Präsidentin des BDA. Mit ihrem Aufruf «Erhalte den Bestand!» beginnt der Band, der seine Leser für den Erhalt von Gebautem allgemein, aber auch für das Bewahren gewachsener sozialer Strukturen sensibilisieren soll.

Die verschiedenen Essayistinnen und Essayisten stellen Fragen nach dem Verzicht, den wir üben müssen, um eine ökologische Transformation unserer Gesellschaft zu bewerkstelligen. Sie fragen auch nach den Mietpreisen, die sich immer weiter in die Höhe schrauben oder nach der Förderung der Kreativität durch Verzicht..

Aber auch die Corona-Pandemie ist Thema, die Politik, die Industrie und die Landwirtschaft. Es werden Gedichte rezitiert (Hazel Tilley – A Rand About The Bins), deren Verfasserin sich mit staatlich vorgeschriebenen Sanierungsmassnahmen Londoner Stadtviertel auseinandersetzt (inkl. dem Abriss bestehender Gebäude), die nicht nur zu Verdrängung führt, sondern die Menschen dazu bringt, ihren gewohnten Lebensstil zu ändern, um unter dem Diktat der kapitalistischen Stadtentwicklungspolitik überhaupt noch eine Wohnung in der Stadt finden zu können.

Nach dieser Einführung in das Thema stellen zehn Architekturschaffende ihre Strategien für den Bestand vor. Darunter finden sich Fragebögen für Architektinnen und Architekten, mit denen diese ihr Handeln und Denken hinterfragen können – eine Hilfestellung zur selbstkritischen Auseinandersetzung.

Turit Fröbe (Architekturhistorikerin, Urbanistin und Baukulturvermittlerin aus Berlin) entwickelte die Kataloge zusammen mit Katja Fischer (Architektin, Programm- und Projektleiterin / IBA Thüringen) und Jan Kampshoff (Architekt,Gastprofessor für Entwerfen und Baukonstruktion an der TU Berlin). Sie sind an die thematischen Fragebögen Max Frischs angelehnt, der diese von 1966 bis 1971 zu Themen wie Ehe, Freundschaft, Geld und Humor formuliert hat. In der neuen Version stehen die Themen Berufung, Ethos, Verantwortung und Bestand im Mittelpunkt.

Blick ins NEST

Auch ein Schweizer Projekt – das NEST (modulares Forschungs- und Innovationsgebäude der Empa und der Eawag in Dübendorf), explizit die Unit Urban Mining & Recycling – fehlt nicht als Anschauungsbeispiel für den Ansatz einer kreislauforientierten Bauindustrie. Dirk E. Hebel (Professor für Nachhaltiges Bauen und Dekan der Fakultät für Architektur am Karlsruher Institut für Technologie, KIT), der diese Unit in Zusammenarbeit mit Werner Sobek (Bauingenieur, Architekt, Professor an der Universität Stuttgart und Gründer des Instituts für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren) entwickelt hat, schreibt in seinem Text über die Möglichkeiten und Probleme der Stadt als Rohstoffquelle. Im Nest-Projekt haben die Planer mit sortenreinen Baustoffen gearbeitet. Das bedeutet, alles kann beim Rückbau wieder in den Stoffkreislauf rückgeführt werden. Bilder und Pläne begleiten die Texte und zeigen manchmal konkrete, manchmal utopische Beispiele.

Im letzten und kürzesten Teil des Buchs werden unter zehn Kapiteln elf Projekte vorgestellt, die von den Entwickelnden der Erhaltungsstrategien realisiert wurden. Ein kurzer Text und ein bis zwei Bilder veranschaulichen die Projekte und klären, welche Aspekte bei der «Sorge um den Bestand» herausragend sind.

Ob es vor Ende der Ausstellung am 27. Juni 2021 möglich sein wird, dem DAZ einen Besuch abzustatten, um sich vertieft mit dem Thema und den Ansätzen in der Ausstellung auseinanderzusetzen? Jedenfalls lässt sich übers Internet ein Blick in die Räume des DAZ werfen, denn die Kuratorin und und die beiden Kuratoren haben Videos mit einem Rundgang durch die Ausstellung und mit eigenen Statements hochgeladen.

Infos zur Ausstellung

Deutsches Architektur Zentrum DAZ
Wilhelmine-Gemberg-Weg 6
2. Hof, Eingang H1
10179 Berlin-Mitte

 

Öffnungszeiten
Die aktuelle Ausstellung «Sorge um den Bestand. Zehn Strategien für die Architektur» ist ab 21. Mai wieder zu sehen, jeweils Mi – So 15 – 20 Uhr.

 

Kostenlose Zeitfenster-Tickets erhalten Sie hier.

Angaben zur Publikation

Olaf Bahner / Matthias Böttger / Laura Holzberg (Hg.) für den Bund Deutscher Architektinnen und Architekten BDA: Sorge um den Bestand – Zehn Strategien für die Architektur. Jovis Verlag, Berlin, 2020. 208 Seiten, Schweizer Broschur, 17 × 24 cm, zahlr. farb. Abb., ISBN 978-3-86859-659-5, Fr. 38.90

 

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