Fra­gi­le Ba­lan­ce im Land­schafts­schutz

Berner Seeland ist «Landschaft des Jahres 2017»

Das Berner Seeland ist «Landschaft des Jahres 2017», obwohl die regionalen Gewässer intensiv für die Stromerzeugung genutzt werden. Die Auszeichnung stammt von der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz, die damit den ökologischen Spagat zur Energiewende übt.

Publikationsdatum
07-06-2017
Revision
12-06-2017

Das Berner Seeland ist das Gartenbeet der Schweiz. Auf einer Fläche, zweimal so gross wie der Bielersee, wird ein Viertel der einheimischen Gemüseproduktion angebaut. Ursprünglich war das «Grosse Moos» eine unwirtliche und unsichere Sumpf- und Schwemmlandschaft. Vor 150 Jahren begann die Juragewässerkorrektion; sie brachte aber nicht nur frucht- und nutzbares Kulturland hervor, sondern verwandelte das Gebiet zwischen Bieler- und Murtensee auch in eine ertragreiche Energieregion. Die Stadt Biel und Umgebung beziehen ihren Strom seit Ende vorletzten Jahrhunderts aus Wasserkraft, die der umgeleitete und kanalisierte Aarelauf mehrfach erbringen muss. Das grösste Wehr steht bei Hagneck an der Einmündung zum Bielersee; dieses Kraftwerk liefert seit letztem Jahr nach baulicher Erweiterung 40 % mehr elektrische Energie (vgl. «Schöner Strom»).

Und nun wurde die Anlage sogar zum Wahrzeichen der «Landschaft des Jahres 2017» gekürt. Die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz hat der «Energieinfrastrukturlandschaft am Aare-Hagneck-Kanal» den mit 10 000 Franken dotierten Preis verliehen. Die Summe dürfen sich die Stadt Biel und die Bernischen Kraftwerke (BKW), als gemeinsame Betreiber des Kraftwerks, sowie der Kanton Bern teilen; letztere war an der Sanierung des Hagneckkanals massgeblich beteiligt.

Die Preisübergabe fand Anfang Mai im neuen Kraftwerksgebäude statt. Der feierliche Anlass wurde mit Fachreferaten über das Konfliktfeld zwischen Energienutzung und Landschaftsschutz umrahmt.

Anerkennung für Ausgleichsmassnahmen

Die Wahl fällt angesichts früherer Auszeichnungen überraschend aus. Bislang hatte die Landschaftsschutzstiftung traditionelle und bedrohte Kulturlandschaften ausgewählt (vgl. «Vertikale Kulturlandschaft»); diesmal schwang eine stark und vielfältig genutzte Region obenaus. Geschäftsleiter Raimund Rodewald betonte an der Feier, dass nicht die Nutzungs- und Baueingriffe an sich, sondern die damit verbundenen Aufwertungsmassnahmen ausgezeichnet worden seien. Der Ausbau des Hagneck-Kraftwerks sei daher beispielhaft: «Man hat sich über das gesetzliche Mindestmass hinaus um Naturnähe und Landschaftsarchitektur bemüht», so Rodewald. Tatsächlich wurden fast 10 % des Erneuerungsbudgets in die Gewässerökologie investiert. Das schlanke Wehr aus Beton ist mit Jurakalk ockergelb eingefärbt; der Kanalauslauf mündet derweil in eine vielfältig modellierte Deltalandschaft mit Fischaufstieg, plätscherndem Gerinne und seichten Tümpeln.

Aber auch «im Hinterland wurde Vorbildliches geleistet», anerkennt die Stiftung Landschaftsschutz weiter. Anlässlich der Sanierung mehrerer Dämme und Ausgleichsbecken sind fast 40 neue Ökoflächen entstanden, darunter Amphibienbiotope, Trockenwiesen, Kiesbänke, flache Ufer und geschützte Fischlaichstellen. Ein Teil des Aufwands wurde aus dem BKW-Ökofonds finanziert, der sich aus dem Verkauf von zertifiziertem Ökostrom alimentiert. Gemäss Daniel Marbacher, Präsident des Ökofonds, drohen die Zuschüsse aber zu versiegen, weil nur halb so viel Ökostrom abgesetzt werden kann, wie derzeit erzeugt wird. Die Konsumenten bestimmen folglich mit, wie landschaftsverträglich der Ausbau der erneuerbaren Energie inskünftig erfolgen wird.

Die Auszeichnung für den aufgewerteten Aare-Hagneck-Kanal zeigt daher, wie viel landschaftlich geleistet werden muss, damit die Balance zwischen Nutzung und Schutz stimmt. «Dieses Gleichgewicht ist fragil», bestätigt Rodewald.

 80 % der Windanlagen «nicht gesetzeskonform»

Die Stiftung selbst bringt keine grundsätzlichen Einwände gegen die Energiewende vor. Dennoch darf der Bau neuer Anlagen nicht auf Kosten des Landschaftsschutzes vonstatten gehen, betonten die Verantwortlichen an der Preisverleihung. Vor allem wenig veränderte bis unberührte Räume stehen im Fokus, und meistens sind es neue Windanlagen, die weder landschaftsverträglich noch gesetzeskonform seien, erklärte SL-Projektleiter Matthias Rapp. «Etwa 80 % der aktuellen Projekte» müssten deshalb abgelehnt werden. Zur Schonung der einheimischen Landschaft trage derweil die Erhöhung von Ökostrom-Importen bei, ergänzte Geschäftsleiter Rodewald.

Allerdings stosse diese «Nicht bei uns»-Haltung auch im lokalen Umfeld häufig auf Unverständnis, führte Ruth Schmitt, Sozialwissenschaftlerin an der Hochschule für Technik in Windisch, in ihrem Referat über die Akzeptanz von neuen Energieanlagen aus (vgl. TEC21 49-50/2016«Übergeordnete Pläne, lokale Skepsis»). «Projekte scheitern auch, weil sich niemand von vorgefassten Meinungen verabschieden wolle.» Dagegen führe nur ein Dialog auf Augenhöhe, so Schmitt, zu einem allseits akzeptierbaren Realisierungsvorschlag (vgl. Kasten unten). Tatsächlich sei spürbar, dass sich die Beteiligten in lokalen Partizipationsverfahren vermehrt konstruktiv beteiligen. Auch die Vertreter von Umwelt- und Landschaftsorganisationen wurden diesbezüglich gelobt. Insofern wartet man nun gespannt darauf, ob die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz eine mit Windturbinen bestückte Region zur Landschaft des Jahres 2018 küren wird.


Wie wird lokale Akzeptanz geschaffen?

Neue Energieanlagen müssen nicht nur raumplanerische Anforderungen und ökologische Auflagen erfüllen, sondern meistens auch die Akzeptanz der Anwohner gewinnen. In der Schweiz fehlen im Vergleich zu Deutschland jedoch Konzepte und Ideen, wie Energiekonflikte systematisch zu entwirren sind. Im nördlichen Nachbarland ist vor Kurzem ein Forschungsprojekt zu diesem Thema abgeschlossen worden. Anhand von Fallbeispielen wurde untersucht, wie «lokale energiepolitische Konflikte zu lösen sind». Bemerkenswert daran ist, dass nicht nur kommunikative Aspekte, sondern auch lokale Organisations- und Beteiligungsmodelle zum Erfolg führen können. Denn oft sei die ökonomische Verteilungsfrage unbefriedigend beantwortet oder das örtliche Landnutzungsinteresse erheblich betroffen, sodass ein Projekt verhindert werde. Wichtig sei daher, die Gemeinwohlziele unter den Parteien abzustimmen und den unternehmerischen Einbezug von Anwohnern oder lokaler Institutionen zu klären.

Weitere Informationen zum EnerLog-Projekt