«Der Pa­vil­lon soll Lust auf ein neu­es Bau­en ma­chen»

Von 9. bis 15. Mai findet erstmals die Architekturwoche Basel statt. Am 10. Mai wird ein Pavillon zum Thema Kreislaufwirtschaft eröffnet. Wir trafen Chrissie Muhr, künstlerische Leiterin der Architekturwoche, und Kerstin Müller vom Büro Zirkular zum Gespräch.

Publikationsdatum
27-04-2022


TEC21: Wie entstand die Idee für die Architekturwoche in Basel einen Pavillon zum Thema Kreislaufwirtschaft aufzustellen?

Chrissie Muhr: In der Entwicklung der ersten Architekturwoche Basel (AWB) durch die Stiftung Architektur Dialoge konkretisierte sich die Initiative von Architektur Basel, einen Pavillon aus wiederverwendeten Bauteilen zu bauen. Da wir uns den dringenden Problemen der Bauwirtschaft nicht mehr entziehen können, gab es von Beginn an die Idee, das Thema des zirkulären Bauens zu adressieren. Während der weiteren Planung und im Austausch mit der Christoph Merian Stiftung als Hauptförderer des AWB Pavillon-Formats, bot sich der Platz auf dem Dreispitz an. Der Ort wird charakterisiert durch seinen städtebaulichen Kontext, da er im nächsten Entwicklungsabschnitt des Dreispitz Süd liegt – direkt auf einem stillgelegten Gleisfeld. Dieser räumliche Kontext als Bedingung war auch später im Programm, in den Entwürfen und in den Diskussionen der Jury ein zentraler Punkt.


Sie haben im Open Call 182 Vorschläge erhalten. Waren Sie überrascht? Und weshalb haben Sie noch  zusätzliche Büros eingeladen?

Chrissie Muhr: Wir haben diesen Wettbewerb zum ersten Mal ausgeschrieben und mussten sicher sein, dass wir den Bau termingerecht umsetzen können. Deshalb haben wir am Anfang beschlossen, dass vier Juroren je zwei Büros für die zweite Stufe einladen.
In der ersten Stufe des Open Calls ging es darum, eine Idee und Vision zum zirkulären Bauen zu entwerfen. Die Ausschreibung wurde über Fachmedien und internationale Plattformen an der Schnittstelle zwischen Kunst, Design und Architektur kommuniziert. Die Expertise des zirkulären Bauens ist interdisziplinär, das ist wichtig. Wir haben die Teilnahme zwar altersmässig offengelassen, aber ein Grossteil der Beiträge kam von einer jungen Generation Architekten. Nach der ersten Stufe des Open Calls haben wir sechs Teams ausgewählt – zwei mehr als geplant. Die grosse Anzahl, darunter auch Vorschläge aus Brasilien, Kuba oder Korea, bis Rotterdam, Bern und direkt aus Basel überraschte positiv und bestätigte uns zugleich in der Dringlichkeit der Aufgabe. Man kann das aber natürlich auch kritisch sehen und sich fragen, ob internationale Büros für Basel Vorschläge einreichen sollen – da es vor allem um die Einbindung lokaler Kreisläufe geht und um eine Reduktion des CO2-Fussabdrucks. Doch es war uns wichtiger aufzuzeigen, wie zentral das Thema für junge Architekt:innen weltweit ist und dass dieses Angebot in Wettbewerben oft fehlt.


Wie waren Ihre Erfahrungen mit den ausländischen Teams?

Kerstin Müller: Natürlich haben wir reflektiert, was es heisst, wenn ein Büro aus Sao Paolo gewinnt. Zentral war hier der Aufbau eines Bauteilkatalogs, und damit die Aufgabe, Bauteile vorzugeben – sozusagen als Übermenge, ungefähr das Dreifache von dem was verbaut wird. Die Materialien stammen aus regionalen Rückbauten und standen allen finalen 14 Teams unter baselpavillon.store online zur Verfügung, um dann lokal eingesetzt zu werden. Die Teile befanden sich teilweise noch in den Bauten oder waren reserviert, und schlussendlich demontiert man nur das, was auch benötigt wird. Die Auseinandersetzung mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, was es zum Beispiel heisst, in anderen Teilen der Welt zu bauen, war reizvoll. Im Auftakt-Workshop der zweiten Stufe wurde neben dem Bauteilkatalog unter anderem vermittelt, dass in der Schweiz Arbeitsstunden teuer sind, und das konnten die Teams dann in ihre Entwürfe einfliessen lassen. Später kamen auch Architekt:innen auf uns zu, die sagten, dass sie das Thema des Bauens mit wiederverwendeten Bauteilen in ihren Ländern fördern wollen. Der Wettbewerb initiierte vieles.


In dem Projekt kommen zwei unterschiedlichen Seiten zusammen – die repräsentative intellektuelle und die bodenständige, praktische. Wie vereint man das?

Chrissie Muhr: Der intellektuelle Zugang darf dem zirkulären Bauen nicht abgesprochen werden. Das Zusammenführen des Forschungsgedankens und der baulichen Praxis ist ein wichtiger Schlüssel für Veränderung. Ich höre auch in Diskussionen, dass an vielen Hochschulen geplant wird, nachhaltiges Bauen als Extrakurs in das Curriculum aufzunehmen. Aber das reicht nicht, das Thema muss in alle Bereiche des Architekturstudiums aufgenommen werden. Der Pavillon ist ein Experiment, bei dem wir Forschung und Praxis  zusammen denken und umsetzen. Das betrifft auch die Diskussionen mit der Jury und den Architekten.


Eine andere Chance ist die Reichweite. Wer ist die Zielgruppe?

Chrissie Muhr: Jeder und jede! So vielfältig wie die Entwürfe waren, so vielfältig ist jetzt auch das öffentliche Interesse am Basel Pavillon. Er triggert viele Themen und macht sie präsent und greifbar. Der Basel Pavillon ist eine Plattform und ein offener Begegungsort, um sich mit den Fragen und Aufgaben einer kreislauffähigen Bauwirtschaft auseinanderzusetzen, und er führt alle Beteiligten zusammen. Über die sechsmonatige Laufzeit hinweg kann der Basel Pavillon auf unterschiedlichste Weise genutzt werden.


Wie haben Sie den Bauteilkatalog erstellt?

Kerstin Müller: Wir hatten ein Budget und eine Vorstellung von der Grösse des Pavillons von maximal 10 x 10 x 6 Metern. Anderseits wussten wir nicht, welche Vorschläge eingereicht werden. Wir wollten deshalb Materialien in einer gewissen Bandbreite zur Verfügung stellen. Es brauchte statische Bauteile wie Träger und Balken. Wir wollten auch unterschiedliche Materialien – harte, biegbare, schillernde, bunte – zur Auswahl stellen, damit sich die Teams in ihrer eigenen Sprache ausdrücken können. Dann haben wir uns auf die Suche gemacht. Zuerst wurden wir in unseren eigenen Lagern fündig, da waren einige «Enkelkinder» der Halle 118 wie Stahlträger und Trapezblech. Anschliessend haben wir Rückbauten in Basel katalogisiert, auch im Materialmarkt Offcut und der Bauteilbörse in Basel gab es Restposten. Wir haben Pflanzen gesammelt und andere Materialien gezielt gesucht, etwa auf Ebay. Es gab auch die Möglichkeit, dass die Teilnehmenden bis zu fünf Materialien als Wunschliste einreichen konnten, in denen sie aufführten, was ihnen fehlte. Einer der Pavillons von isla besteht zum Beispiel nun aus Pappröhren, von denen wir nur ein paar wenige im Bauteilkatalog hatten – die Druckerei Swissprinters hat uns dann zusätzlich 100 Stück zur Verfügung gestellt.


Waren alle diese Materialien physisch in Ihrem Besitz?

Kerstin Müller: Einige der Bauteile und Materialien besassen wir, andere wurden reserviert. Bei Offcut war das zum Beispiel ein schönes Gewebe aus Bronze und Kupfer. Wir bezahlten etwas für die vierwöchige Reservation, bis wir wussten, ob das Siegerteam diese braucht. Bei den Rückbauten liessen wir die Dinge im Bau, wussten aber, dass wir sie rechtzeitig mit der Bauteilbörse Basel ausbauen konnten.

Chrissie Muhr: Es ist nicht so wie im klassischen Entwurf. Man geht nicht vom Entwurf zum Material, sondern Vorhandenes muss berücksichtigt werden. Es geht um das Thema der Logistik und was am Schluss wie zusammenkommt. Das war das Spannende am Bauteilkatalog, dass trotz dieser umgekehrten Herangehensweise eine faszinierende Vielfalt an Ergebnissen entstand. Das Vorurteil, Kreislaufwirtschaft schränke den Entwurf ästhetisch ein, wurde dadurch entkräftet.


Und wie konkret wurde der Bau mit dem Katalog in der Zusammenarbeit umgesetzt?

Kerstin Müller: Wir wollten mit der Firma Husner zusammenarbeiten, mit der wir schon früher zusammengearbeitet haben. Die Firma hat auch selbst Bauteile mitgebracht. Zum Beispiel das Konstruktionsholz aus einem Dachstock, der abgerissen wurde. Wir haben die Mehrkosten für den Rückbau im Vergleich zum Abriss bezahlt.

Chrissie Muhr: Im kontinuierlichen Austausch mit Husner, dem Gewinnerteam isla und Zirkular ergaben sich neue Rollen und Prozesse. Der Bauteilkatalog war die Ausgangslage. Die Teams erhielten die Login-Daten und konnten darin «einkaufen», der CO2-Fussabdruck wurde automatisch berechnet. So konnten sie direkt sehen, welchen Impact sie mit ihrem Entwurf hatten. Das war ein Prozess mit ständigem Abgleichen, der dazu führt, dass Probleme mit einer anderen Kreativität gelöst werden als im klassischen Entwurf.

Kerstin Müller: Oft bringen die Teams beim Arbeiten mit kreislaufwirtschaftlichen Systemen das Material selbst ein. Beim Basel Pavillon haben wir aber mit einem Bauteilkatalog gearbeitet. Auch weil es ein internationaler Wettbewerb war, und wir sicher sein wollten, dass die Materialien da sind, wenn man mit dem Bauen anfängt. Das führt bereits weiter: So machen wir für die Städte Zürich und Basel gerade Kataloge für Wettbewerbe. Die Städte wollen ihre eigenen Materialien wieder verbauen. Diese Idee, dass man etwas Vorhandenes zur Verfügung stellt, wird weitergetragen. Das ist zukunftsfähig. Alle, die ein Immobilienportfolio haben, können so vorgehen.


Ist das ein zaghafter Anfang des Umdenkens in die richtige Richtung?

Chrissie Muhr: Es entsteht langsam ein neues Bewusstsein. Es gibt aktuell zum Beispiel runde Tische von Roche bezüglich der Entwicklung Basel Südareal, wo etliche Akteure wie die Stiftung Habitat oder grosse Bauunternehmen zu dem Thema diskutieren. Das sind Zeichen, die man aber natürlich auch kritisch reflektieren muss. Ein Bauteilkatalog ist kein Argument für einen Abriss. Das wäre zu einfach.

Kerstin Müller: Ich finde das auch zweischneidig. Zirkular hat mehrere Aufträge abgelehnt – weil wir gemerkt haben, das mit der Wiederverwendung auch Abrisse gerechtfertigt werden. Aber das liegt ja nicht an der Idee selbst, dass jemand Missbrauch damit treibt. Wenn man ehrlich ist, wird voraussichtlich nur ein Bruchteil der Materialien der Bauten, die bei Roche abgerissen werden, wieder verwendet werden – da muss man sich nichts vormachen.
Das Ganze funktioniert nur, wenn man Projekte für den Wiedereinbau der rückgebauten Elemente hat. Es hapert jedoch an der Nachfrage, ohne die die Bauteile nie in den Umlauf kommen. Die Bauteilbörse quoll bis zur Pandemie über. Und da setzt der Basel Pavillon als einfaches Anschauungsbeispiel an. Er soll Lust auf ein neues, dem Zeitgeist entsprechendes Denken und Bauen machen und designaffine Menschen ermutigen, sich damit auseinanderzusetzen.


Das Erscheinungsbild mit den Re-use Materialien ist ein anderes als man sich das sonst von Ausstellungen gewohnt ist.

Kerstin Müller:
Der Begriff Schönheit verändert sich für mich, er steht im Zusammenhang mit
Zukunftsfragen. Ein riesiges Auto oder eine Betonfassade finde ich einfach nicht mehr schön, weil ich die Probleme dahinter sehe – in meinem Ästhetikempfinden ist das zumindest so verankert. Ich habe kürzlich mit einem Architekten aus Luxemburg gesprochen, der zirkulär bauen möchte und uns um Unterstützung bat. Er erhofft sich dadurch eine grössere Befriedigung und Sinnhaftigkeit in seinem Beruf. Auch zwei Schlosser, die ich kenne, interessieren sich für das Thema und finden, das Zirkuläre mache mehr Sinn als das Lineare. Viele Handwerker oder Planende können sich zunehmend damit identifizieren, weil sie so komplexe Probleme unserer krisengeplagten Zeit lösen helfen. Das bedeutet auch Lebensfreude, weil man aus einer gewissen Ohnmacht heraustritt.

Chrissie Muhr: Die Frage der Ästhetik ist wichtig. Der Basel Pavillon ist eine Möglichkeit, Architektur neu zu bewerten und nicht mehr das Hochglanz-Material, das bis ins letzte Detail perfekt geglättete Gebäude als Ergebnis anzustreben.
Vielmehr sollte man wieder verstehen lernen, was Materialität bedeutet, woher unsere Ressourcen kommen, wie wir damit bauen können und wie ein Gebäude betrieben wird. Es geht auch um ein Neu-Lernen des ästhetischen Sehens. Dabei verschiebt sich der Fokus auf die Prozesse, das akribische Umsetzen des gezeichneten Endbilds ist nicht mehr das primäre Ziel. Der Basel Pavillon stellt eine konkrete und natürliche Verortung in der Stadt Basel dar, mit seiner Geschichte, seiner städtebaulichen Entwicklung, gegenwärtigen Bedingungen und seinen Fragen an die Zukunft – darum haben wir ihn auch nicht «Circular–Innovation» Pavillon genannt, denn er bildet die Bedingungen und Bedürfnisse seines Standorts ab.


Was geschieht im Anschluss an die Architekturwoche mit dem Pavillon?

Chrissie Muhr: Der Rückbau war ein wichtiges Kriterium für die finalen Entwürfe und auch für die Experten und Expertinnen in der Jury. Die Christoph Merian Stiftung strebt an, den Pavillon auf dem Dreispitz weiter zu verwenden. Wenn nicht in der gesamten Länge von 50 Metern, erlaube die einzelnen Units eine Weiternutzung in unterschiedlichen Szenarien.

Chrissie Muhr ist Künstlerische Leiterin der Architekturwoche Basel 2022. Sie studierte Architektur an der Universität Stuttgart und arbeitete als Architektin, Kuratorin, Editorin und Researcher für eine Vielzahl von Projekten und Institutionen – darunter IGMA an der Universität Stuttgart, Arch+ Magazin in Berlin, Arno Brandlhuber+, Walther König und Vitra. Chrissie Muhr lebt seit 2014 in Basel.

 

Kerstin Müller ist Architektin, Energieexpertin und Geschäftsleitungsmitglied von Baubüro in situ und Co-Geschäftsführerin Zirkular.

Architekturwoche Basel 2022
Biennale Plattform für Architektur und Stadtentwicklung
9.–15.
Mai 2022
www.architekturwochebasel.ch

 

Basel Pavillon
Eröffnung 10. Mai 2022, 18–22 Uhr
Hier gehts zum Programm.