Wie vor­her, nur bes­ser

Hebelschulhaus Riehen – Architektur

Das Hebelschulhaus im baslerischen Riehen ist ein aussergewöhnlich schönes Exemplar eines Pavillonschulhauses der 1950er-Jahre. Von 2011 bis 2014 wurde es an heutige Bedürfnisse angepasst – ohne dabei etwas von seinen Qualitäten zu verlieren. Möglich machte dies der überdurchschnittliche Einsatz der Planenden.

Publikationsdatum
25-09-2015
Revision
19-05-2017
Tina Cieslik
Redaktorin TEC21 / Architektur und Innenarchitektur

Es gibt sie noch, die architektonischen Erfolgsgeschichten – auch in Zeiten von Rezession, Sparzwang und überbordenden Vorschriften. Eine davon ist die von MET Architects realisierte Instandsetzung des Hebelschulhauses im baslerischen Riehen.

Klassisch, detailreich, kindgerecht

Das Hebelschulhaus ist ein klassischer Pavillonbau. Er ging aus einem offenen Wettbewerb hervor, den der damals 28-jährige Basler Architekt Tibère Vadi 1951 gewann. Als Wettbewerbssieger gründete er 1952 zusammen mit Max Rasser das Architekturbüro Max Rasser & Tibère Vadi und projektierte das Erstlingswerk mit viel Hingabe und genauem Blick fürs Detail.

Die teilweise zweigeschossige und unterkellerte Schule besteht aus vier Baukörpern mit Pultdächern und wurde 1994 von Rolf Brüderlin um einen weiteren Trakt parallel zum Langenlängeweg ergänzt (Trakt A). Die beiden originalen südostorientierten Klassentrakte (Trakt C und D) befinden sich in diagonaler Stellung zur erschliessenden Verbindungsachse (Trakt B). Als Flügel sind sie trotz Morgensonne aus energetischer Sicht zwar nicht optimal positioniert, doch aus räumlicher Sicht vorteilhaft: Sie sind lichtdurchflutet und bilden ruhige, hofartige Zwischenräume im Aussenbereich. Der Verbindungtrakt endet, über eine gedeckte Terrasse erreichbar, im Kopfbau, worin die ehemalige Turnhalle und ein Zeichensaal untergebracht waren (Trakt E). An den Schnittstellen der drei Korridore befinden sich jeweils die Treppenaufgänge und prägnante Pilzstützen.

Der 1952 bis 1953 erstellte Bau entsprach den damaligen Bemühungen einer kindergerechten Schulhausarchitektur mit übersichtlicher Gesamtorganisation, starkem Bezug zu den Aussenräumen, grosszügigen Fenstern, geschützten Pausen- und Aufenthaltsbereichen, Querlüftungsmöglichkeiten und einem differenzierten Farbkonzept. 

Respektvoll zum Erfolg

In den folgenden Jahrzehnten wurde das im Inventar schützenswerter Bauten aufgeführte Schulhaus bis auf den Anbau von Trakt A lediglich Pinselrenovationen unterzogen. Ihnen fiel die ausgeklügelte Farbigkeit der einzelnen Bauteile zum Opfer. Als 2010 die Turnhalle zu einer Aula umfunktioniert werden sollte, nutzte der Kanton Basel-Stadt als Eigentümer die Gelegenheit, den Bau hinsichtlich Erdbebensicherheit, Brandschutz, Energie und Gebäudetechnik den aktuellen Erfordernissen anzupassen. Dazu kamen die Renovation der Kunstwerke sowie die Instandsetzung der Oberflächen und eine Anpassung des Raumprogramms gemäss dem im Mai desselben Jahres in Kraft getretenen HarmoS-Konkordat (Interkantonale Vereinbarung über die Harmonisierung der obligatorischen Schule).

Für den Umbau der Turnhalle und die Gesamtsanierung des Schulhauses schrieb der Kanton 2010 ein offenes Planerwahlverfahren aus. Erfolgreich daraus hervor ging der Entwurf der Basler Architekten Thomas Thalhofer und Roula Moharram, die sich daraufhin – wie dazumal Tibère Vadi – mit einem eigenen Büro, als MET Architects, selbstständig machten. Ihr Entwurf sah vor, die Halle um eine Achse zu kürzen, um Platz für Toiletten und Nebenräume zu schaffen. Der Rhythmus der Fassade konnte beibehalten werden. Die Nordfassade des Trakts erhielt grossflächige Glasschiebefenster – so entstand ein lichtdurchflutetes Foyer, das sich bei geöffneten Türen bis auf die teilüberdachte Terrasse zwischen Trakt E und dem eigentlichen Schulhaus erstreckt.

Auch bei der anschliessenden Instandsetzung des Schulhauses folgten die Architekten einfachen Prämissen: Die Grundstruktur des Baus besitzt eine so hohe Qualität, dass darin die Lösungen für heutige Bedürfnisse bereits angelegt sind. Für das neue Raumprogramm bedeutete dies, dass die gewünschte Flexibilität nicht über die Wandelbarkeit der einzelnen Räume erreicht wird, sondern über die Wiederholung des immergleichen Systems – pädagogische Konzepte ändern sich schnell, aber der Nukleus der Schule, das Klassenzimmer, bleibt gleich. Dazu gehörte auch, «temporäre» Bedürfnisse nicht überzubewerten, sondern abzuwägen, was sich langfristig bewährt. 

Alt ist das bessere Neu

Um die energetische Erfordernisse zu erfüllen, sanierten die Planer auch Dach und Gebäudehülle. Die alten Fenster wurden durch dreifach verglaste ersetzt, die Betonbrüstungen erhielten eine 100-mm-Innendämmung, Putzflächen wurden mit 120 mm von aussen isoliert und erhielten einen neuen, 20 mm starken mineralischen Dickputz. Belegt wurde die energetische Ertüchtigung via Systemnachweis.

Auch das Dach erhielt einen neuen Aufbau: 120 mm Dämmung und ein Furaldach, auf das in den Trakten C und D eine 400 m2 grosse Photovoltaikanlage aufgebracht wurde. Um den schmalen Dachrand des Bestands zu erhalten, besitzt das Dach einen Rücksprung – aufwendig für den Spengler, aber überzeugend im Ergebnis. Der Bau verbraucht heute im Betrieb nahezu 75 % weniger Energie als vor der Instandsetzung.

Wo immer möglich verwendeten die Architekten alte Bauteile und Möbel, die sie eingelagert im Keller fanden. Unter anderem liessen sie die mit farbigem Linoleum belegten Innentüren restaurieren. Die Schäden behob ein Schreiner, indem er eine dünne Schicht des Oberflächenmaterials abtrug und zu einer spachtelfähigen Masse weiterverarbeitete, mit der er Kerben und Löcher schloss. So konnte der Originalfarbton der Türoberflächen und damit das kindgerechte Orientierungssystem beibehalten werden: Petrol für die Unterrichtsräume, Grau für Nebennutzungen, Gelb für die Administration.

Ähnliche Lösungen fanden sich für die Schränke in den Klassenzimmern, die eingelagert waren und lediglich aufgefrischt werden mussten. Oder für die Beschläge der Fenster: Um sich deren filigraner Anmutung anzunähern, aber gleichzeitig die durch die neue Dreifachverglasung entstandenen zusätzlichen Lasten tragen zu können, liessen die Architekten das Gestänge für die Kippfenster nach historischem Vorbild nachbauen.

Die Wände der Flure und Klassenzimmer erhielten wie im Bestand einen Überzug aus Stramin, der wie ein massgefertigtes Kleid in einem Stück auf die bis zu 40 m langen Wandflächen aufgebracht wurde. Beim anschliessenden Anstrich stützten sich die Planer auf das vom Zürcher Haus der Farbe aufgrund von Quellenstudien und Sondierungen ermittelte historische Farbkonzept, das analog zum Bestand jeweils einen Dreiklang vorsah: ein heller Farbton gegenüber dem Fenster, ein mittlerer Farbton an der Fassadeninnenseite und ein dunkler Farbton für die Decke. In der Neuinterpretation von MET Architects sind das in den Klassenzimmern warme Beigeund Grüngrautöne, an der tafelseitigen Wand und an den Pinnwänden mit einem Lachsrosa ergänzt, das den Ton der neuen Sonnenstoren aufgreift. 

Bedingt zur Nachahmung empfohlen

Wer nun meint, dass all die Handwerkerleistungen das Budget gesprengt hätten, wird eines Besseren belehrt: Mit einem Kubikmeterpreis von 656 Fr./m3 (BKP 2) liegt das Schulhaus kaum höher als andere Gesamtsanierungen, ist aber nicht ganz so ökonomisch wie das Original von Rasser + Vadi, das mit seinerzeit 86 Fr./m3 der günstigste Schulhausneubau des Kantons war. Nicht abgegolten ist damit allerdings der immense Rechercheaufwand, den die Architekten betrieben. Gemäss eigenen Angaben verbuchen sie diesen Einsatz unter Forschung und Entwicklung. Möglich wurde das aussergewöhnlich schöne Ergebnis, weil alle Beteiligten die Wertschätzung für den Bau teilten und sich in den Sinn der Sache stellten.

Literaturhinweise
- Zum Bestand: Bauen + Wohnen, 8/1954, S. 314 ff.
- Ulrike Jehle-Schulte Strathaus: Rasser und Vadi. In: Isabelle Rucki, Dorothee Huber (Hrsg.): Architektenlexikon der Schweiz, 19./20. Jahrhundert. Basel 1998.
Jahresbericht 2014 der Basler Denkmalpflege, S. 36f.

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