Wer weiss, wie ein Gebäude funktioniert?

Eindrücke vom Planerseminar am Institut für Gebäudetechnik und Energie, Hochschule Luzern

Das Planerseminar für Gebäudetechniker an der Hochschule Luzern drehte sich um den globalen Klimawandel, die nationale Energiestrategie und um CO2-freie Gebäudekonzepte. Renommierte Fachleute gaben spannende Einblicke in den Energieforschungsalltag. Geblieben ist auch der Eindruck, dass eine Branche zwischen vielen Bäumen den Wald sucht.

Paul Knüsel Umwelt/Energie, Stv. Chefredaktor TEC21

Thomas Stocker ist Physikprofessor an der Universität Bern und hat an den jüngsten UNO-Weltklimaberichten mitgeschrieben. Die Hochschule Luzern (HSLU) hatte ihn ans Planerseminar für Gebäudetechnik und Energie eingeladen, weil er die Forschungsresultate zur Erderwärmung bestens kennt. Stocker vermittelte in seinem Referat eine nachvollziehbare Botschaft: «Die Welt benötigt eine Totalsanierung.» Soll das Klimaziel erreichbar sein und sich die Erde höchstens um 2 °C aufheizen, muss der Energiekonsum unverzüglich dekarbonisiert werden: «Den CO2-Ausstoss bis 2050 auf null senken, dazu braucht es jedoch die vierte industrielle Revolution», so der Berner Klimaforscher. Dafür seien nun eine neue Energie-Infrastruktur und intelligentere Produkte zu suchen.

Am Planerseminar von Ende März, an dem Thomas Stocker die Schlussworte sprach, war zuvor beides thematisiert worden. Noch scheinen die passenden Rezepte für die Energiewende nicht gefunden. Trotzdem formulierte Norbert Fisch, ein erfahrener Solarfachmann aus Deutschland, in seinem Referat eine Prognose, was geht und was nicht.

Solarthermie als Auslaufmodell?

Wie Stocker ist auch Fisch in seiner Disziplin seit vielen Jahren an vorderster Forschungsfront dabei. Der Leiter des Instituts für Gebäude- und Solartechnik an der TU Braunschweig betrachtet einige an sich hoffnungsvolle Innovationen jedoch skeptisch. Wenig Positives hat sein Solarinstitut bei Praxistests mit Solareisspeichern in Erfahrung gebracht; diese Speicher können als reversible Wärme- und Kältequellen für den Gebäudebetrieb eingesetzt werden. Auch das Regulieren des Stromverbrauchs im Eigenheim mit Elektromobilen kann die Erwartungen nicht erfüllen: «Das Speichervolumen der Batterien ist viel zu gering, eine technische Integration darum überflüssig.»

Aber vor allem ist «die Zeit für die Solarthermie abgelaufen», so der Universitätsprofessor. Zwar geniesst die Wärmegewinnung mit Sonnenkollektoren in der Energiepolitik nach wie vor hohes Ansehen und grosszügige Förderzuschüsse. Doch das Votum des Solarfachmannsklingt wie der Ruf nach einer Trendumkehr: Die Sonne brauche es nach wie vor, um Gebäude und Quartiere vollständig mit erneuerbarer Energie zu versorgen. Allerdings soll sie nicht länger Wärme, sondern nur noch Strom erzeugen.

Photovoltaik und Wärmepumpen bewähren sich

In CO2-freien Pilotprojekten, an denen das Solarinstitut von Norbert Fisch beteiligt ist, bewähre sich das duale Energiesystem «Photovoltaik und Wärmepumpe» als einzige taugliche Variante. Damit werde die Energieversorgung von Gebäuden aber auf elektrische Energie ausgerichtet. Zu bezweifeln sei, ob zusätzliche Investitionen in die Wärmedämmung weiterhin gerechtfertigt sind. «Noch mehr Energie sparen lässt sich in Neubauten kaum; die hauptsächlichen Konsumanteile betreffen inzwischen eher die Beleuchtung und die elektronischen Geräte als den Heizwärmebedarf.»

Die Energiewende sei deshalb nicht nur auf zusätzliche Technik, sondern auch auf konzeptionelle Inputs angewiesen. So muss inskünftig vor allem der Energiekonsum im Gebäudebetrieb nachvollziehbar aufgeschlüsselt werden. Doch da steht die Fachszene offensichtlich erst am Anfang: «Welcher Ingenieur weiss schon, wie gebaute Häuser funktionieren?»

Interne Minergie-Analyse

Dass sich die Gewichte von der Planung zur Nutzungsphase von Gebäuden verschieben, ist Minergie-Geschäftsleiter Andreas Meyer bereits vertraut. Der Gebäudestandard selbst berücksichtigt seit letztem Jahr auch die realisierte Betriebsqualität. Dabei hat Meyer einiges über den Optimierungsbedarf gelernt. Am IGE-Seminar stellte er nun eine Analyse über «Planungsfehler und Baumängel bei Minergiebauten» vor. Die Ergebnisse einer internen Umfrage bei regionalen Zertifizierungsstellen bieten «zwar keinen Anlass, Alarm zu schlagen», so Meyer. Dennoch sei die Ausführung von haustechnischen Anlagen, etwa von Lüftungssystemen, häufig mangelhaft. Im Vergleich dazu gebe es bei den Gebäudehüllen qualitativ wenig zu beanstanden.

Generell glaubt sich die Minergie-Organisation auf dem richtigen Weg. Der vom Vorredner Fisch formulierte Trend ist bekannt. Zertifizierte Bauten müssen seit letztem Jahr nicht nur Wärme sondern auch Strom sparen. Betrachtet wird neu die Gesamtenergieeffizienz. Ein annähernd CO2-freier Gebäudebetrieb ist die Leitidee, mit der Minergie den Pfad für künftige Baugesetze vorspuren soll. Auch der Gesetzgeber war am IGE-Planerseminar vertreten, mit Laura Antonini, beim Bundesamt für Energie zuständig für die erneuerbare Energie.

Die Energiewende ist beschlossen, der Weg dahin gemäss Antonini aber weit und hürdenreich: Bis 2050 muss die Hälfte des Energiebedarfs mit Erneuerbaren abgedeckt sein; heute sind es erst 4 %. Die Schweiz hat in den nächsten 30 Jahren also einiges zu unternehmen, um mehr als die zehnfache Energiemenge aus der Sonne, dem tiefen Erdreich, der Biomasse oder dem Wind zu beziehen. Wie das gelingen kann, ist eine offene Frage. Dafür erforderliche technische Hilfsmittel sind teilweise erst als Prototypen oder überhaupt noch nicht verfügbar. Ungewiss ist auch, ob am Planerseminar ebenfalls präsentierte Zutaten wie das «innovative Architekturglas» oder smarte Haushaltsgeräte weiterhelfen können. An der Planung und am Bau beteiligte Fachpersonen dürften sich aktuell mehr Orientierungshilfe wünschen, wie der Gebäudepfad zur Energiewende Schritt für Schritt zu begehen ist.
 

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