Ein Wassergarten und Mikrowälder als Hitzeschutz
Im Kampf gegen den Klimawandel wird der Vitra Campus nach Plänen des Landschaftsarchitekten Bas Smets resilient umgestaltet.
Allzeitrekorde von Hitze und Trockenheit verschärfen im trinationalen Grossraum Basel die Klimakrise. Es braucht mehr Bäume, mehr Schatten, weniger versiegelte Flächen und viel mehr Grün, um zusätzlich zur Senkung von CO₂-Emissionen die Klimaanpassung zu verbessern.
Vitra stellt sich dieser Aufgabe. Der Campus erstreckt sich auf 23 ha an einem Verkehrsknotenpunkt des Dreiländerecks in Weil am Rhein (D). Das Areal führt ein Doppelleben als industriell geprägter Produktionsstandort des Möbelherstellers und als Besuchermagnet wegen der weltbekannten Campus-Architektur. Eine weitere Nutzung des Campus ergab sich 2023 mit dem Einzug der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, DHBW, Studiengang Architektur, in die leer stehende Alvaro-Siza-Werkhalle.
Hitze mildern
Bas Smets heisst der Hoffnungsträger. Der belgische Landschaftsarchitekt erhielt 2022 den Auftrag, den Campus klimaresilient umzugestalten. Hierfür entwarf Smets einen Masterplan, der seit 2023 umgesetzt wird: Ein grüner Kraftakt!
Frühere Öko-Massnahmen, wie die Wiederanlage von Kirschbaum-Wiesen, die vor dem Bau der Vitra-Fabriken die Landschaft prägten, finden nun eine der verschärften Problematik des Klimawandels angepasste Fortsetzung. So legte Smets den Fokus der Planung auf einen Wassergarten und auf die Begrünung durch Mikrowälder.
Letzteres verweist auf die Methode von Akira Miyawaki (1928–2021), Setzlinge sehr dicht zu pflanzen, um artenreiche Tiny Forests mit raschem Wachstum zu erhalten. Wie sich das erste Pilotprojekt der «Aufforstung» entwickelt, offenbart ein Gang über das Werksareal.
Wassergarten
Doch zuvor lockt der im Juni eingeweihte Wassergarten als sichtbares Zeichen der Transformation des Areals. Unmittelbar vor dem Vitra Design Museum angelegt, vermittelt der Teich mit der am Uferrand errichteten «Maison Démontable 4x4» (1939, Jean Prouvé) ein Gefühl von Sommeridylle.
Libellen schwirren über die Wasserfläche, Schwalben im Tiefflug schnappen nach Insekten und ein Entenpaar umkreist aus dem Wasser ragende Steinblöcke. Inmitten der heimischen Tierwelt reissen Haifische ihr Maul auf. Es handelt sich um keramische Tierskulpturen, die Hella Jongerius für den Springbrunnen des Gewässers geschaffen hat.
Zum Schutz gegen Verkehrslärm wurde mit dem Aushub des Teichbeckens ein 80 m langer und bis 1.7 m hoher Wall aufgeschüttet. Bepflanzt ist die Berme mit 110 Gehölzen. In diesem Jungbestand sticht die Schwarzkiefer als besonders hitzeresistent heraus.
Der Teich mit unzähligen Wasserpflanzen und dem Spiegelbild des von Frank Gehry entworfenen Designmuseums ist ein Hingucker. Freilich sind die Hydrophyten – allen voran die rund vierhundert blaugrünen Binsen – nicht bloss fürs Auge da, sondern wirken an der Selbstreinigung des Teichs mit.
Öltank wird Zisterne
Das jüngste Highlight des Campus speist sich aus einem firmeneigenen, nicht mehr gebrauchten 100 000-Liter-Öltank, der für das Teichprojekt umgerüstet wurde. Regenwasser, das auf dem Dach einer Fabrikhalle gesammelt wird, füllt nun in post-fossiler Zeit den Tank.
Im Fall, dass Sensoren einen zu niedrigen Wasserstand des bis zu zwei Meter tiefen Teichs melden, strömt das gesammelte Regenwasser in den See. Wird auch diese Ressource knapp, kann auf dem Campus vorhandenes Brunnenwasser zugeleitet werden.
Mikrowald
Der Mikrowald nach dem Prinzip Miyawaki Plus soll die thermische Belastung senken und gleichzeitig als Schwamm die Wasserversickerung verbessern. Tatsächlich hat sich seit 2023, dem Start der Umsetzung des Masterplans, auf 3000 m² Fläche zwischen Werkstrasse und Fabrikgebäude eine Wildnis aus hunderten, eng gesetzten Sträuchern und Bäumen gebildet.
Durch den Kampf um Licht und Wurzelplatz wuchs der robuste Teil der biodiversen Bepflanzung schnell in die Höhe. Doch nicht jede Jungpflanze konnte sich einen Platz an der Sonne erkämpfen. Die Hainbuche etwa konnte nicht mit dem Wachstumstempo der anderen Bäume mithalten. Hitze und Trockenheit bedeuten für Jungbäume Stress. So zeigt der am Teichrand gesetzte Tupelobaum bereits Trockenschäden, obwohl dieser als anpassungsfähiges Klimawandelgehölz gilt. Auch eine Sumpfzypresse schwächelt. Überholt die Realität der sehr trockenen ersten Jahreshälfte den von Bas Smets ausgearbeiteten Plan der Bepflanzung?
Weht über dem Wassergarten eine leichte Brise, so steigt die Hitze, sobald man das Werksgelände mit den Fabrikhallen betritt. Hier wird Vitra zum ganz heissen Pflaster! Denn auf die baumlose Werkstrasse, die sich als Längsachse über das Areal zieht, brennt die Sonne gnadenlos nieder. Vor allem auf der grossräumig versiegelten Fläche vor dem von SANAA entworfenen Lagerhaus staut sich drückende Hitze, die einige Grade höher ist als draussen an den Hängen des Landschaftsschutzgebiets Tüllinger Berg.
Ob Temperaturmessungen durchgeführt werden, um ausser dem Augenschein klare Fakten sprechen zu lassen, ist derzeit noch offen. Im Herbst jedenfalls wird ein zweiter Miniwald gepflanzt, wieder unter Einbezug der Belegschaft und der Studierenden der Dualen Hochschule.