Lauf­steg öf­fen­tlich

Die Überdeckung des Autobahnabschnitts in Zürich-­Schwamendingen schafft eine begrünte Zwischenebene der Stadtlandschaft. Sie stellt die Planenden der an­liegenden Neubauten vor besondere Herausforderungen. Die Zukunft des Parks hängt buchstäblich in der Luft.

Data di pubblicazione
05-03-2026

Im Mittelalter zog das repräsentative Leben ins erste Obergeschoss. Das Piano nobile erhob sich über den Lärm der Strasse, das Gedränge der Märkte und den Gestank des Alltags. Von dort liessen sich Macht und Distanz inszenieren. Verbindungen auf dieser Ebene zwischen Gebäuden beschreibt André Corboz in seinem Essay «Die zweischichtige Stadt». 

In Ferrara schlägt seit 1471 die detta Via Coperta eine Brücke zwischen dem Castello Estense und dem Palazzo della Corte. Gleichzeitig wurde in Rom der Passetto di Borgo als Fluchtweg des Papsts zwischen dem Vatikan und der Engelsburg erbaut. Der Corridoio Vasariano in Florenz koppelt zwei Herrschaftssitze über den Fluss Arno und führt durch die Uffizien zu einer privaten Loge der Kirche S. Felicità. Der erhöhte Weg als bequeme und sichere Passerelle der Oberschicht wurde im 16. Jahrhundert zum urbanen Programm und Ausdruck einer starren Klassengesellschaft.

Diese vertikale Hierarchie ist heute obsolet, aufgehoben auch durch technische Errungenschaften wie Liftzugang zu den nun wegen besserer Dämmung und Heizsystemen behaglichen Obergeschossen. Das Piano nobile wurde zum Penthouse.

E-Dossier Einhausung Schwamendingen: Damaris Baumann berichtete im Sommer 2025 detailliert über die Einhausung und den Ueberlandpark in Schwamendingen. 
Weitere Architekturkritiken der Studierenden sowie Berichte über das Projekt seit 2015 sind ebenfalls hier gesammelt.

Ueberlandpark als Piano nobile

Mit dem Entscheid des Bundes, das Autobahn-Ypsilon endgültig aus dem Nationalstrassennetz zu streichen, mumifiziert die Stadt Zürich einen Arm dieser Planungsleiche für die Ewigkeit. Zur Entschädigung der lärm- und abgasgeplagten Anwohnenden gibt es eine Begrünung, einen Dachgarten auf der Höhe des dritten Geschosses. Fertiggestellt schwebt er wie ein Laufsteg über den zweigeschossigen Wohnhäusern. Ein faszinierender Ort, losgelöst von seiner Umgebung – noch.

Beidseitig des Ueberlandparks entstehen Neubauten mit sieben Geschossen. Der Gestaltungsplan empfiehlt Brückenverbindungen zum Park, die erste Projekte nun umsetzen und damit den langen Felsen als Terrasse und exklusiven Rückzugsort privatisieren – ein Piano nobile für wenige. Der Verlust an urbaner Beziehung ist und bleibt der Preis für vertikale Effizienz.

Zugang für alle

Damit dieser Ort zu einem lebendigen Stadtteil für alle wird, sollen öffentliche Nutzungen wie Cafés, Werkstätten oder Ateliers als soziale Magneten im vierten Geschoss der Neubauten entstehen. Erweiterungen der vertikalen Verbindungen zu Aufenthaltsorten und starke Verknüpfungen zu umliegenden Grünräumen wie Saat­lenpark und Glatt sind notwendig, um die visuelle und physische Durchlässigkeit zu gewährleisten und den Felsen in das Wegnetz des Quartiers einzuweben. Heute endet der Park als Sackgasse beim Schöneich-Parterre, abgeriegelt durch einen quergestellten Wohnbau. 

Ehemals über dem Schlund der Tunneleinfahrt kragend, steht dieser nun ebenerdig am Kopf des Parks. Besonders dieser Zugang hat das Potenzial zur breiten Öffnung der Grünanlage in Richtung Stadtzentrum und könnte so zur urbanen Terrasse werden. Ein Ort, der Distanz zur Strasse schafft, aber dennoch die Verbindung zur Öffentlichkeit sucht. Eine Stadt auf zwei Ebenen, die oben und unten nicht als gesellschaftliche, sondern als räumliche Dimension beschreibt: ein Typus Landschaft, in dem die historische Idee des erhobenen Wegs als Plattform des Gemeinsamen wiederkehrt. 

Claudia Meier ist Architektin und Dozentin an der Hochschule Luzern. Ihr Schwerpunkt liegt auf Konzeptentwicklung und Entwurf in multi­disziplinären Projekten. Aktuell absolviert sie den MAS gta ETH.

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