«Warum muss ein sa­nier­ter Bau aus­se­hen wie ein Neu­bau?»

Vor kurzem wurde das Mühlengebäude in Grüsch im Prättigau umgebaut: Im ehemaligen Hauptgebäude und dem Getreideturm entstanden 52 Wohnungen. Rück-, Um- und Neubau erfolgten gemäss den DGNB-Standards. Wir trafen die Gutgrün-Verwaltungsräte Michael Zindel und Architekt Michael Schumacher zum Gespräch über Projektallianzen und Ausbaustandards.

Data di pubblicazione
02-12-2025


Herr Zindel, Herr Schumacher, beim Umbau der Mühle Grüsch sind Sie gleichzeitig Bauherrschaft und Projektleitung. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Michael Zindel: Unsere Partnerschaft geht weit zurück. Wir arbeiten bereits seit den Nullerjahren zusammen, damals wurden wir auch auf nachhaltiges Bauen sensibilisiert. 2009 haben wir das erste Minergie-P-­Eco-Mehrfamilienhaus in Graubünden realisiert. So hat unsere Zusammenarbeit angefangen.
Michael Schumacher: Wir sind überzeugt von nachhaltigem Bauen. Auf die Mühle Grüsch stiessen wir per Zufall. Es gab dort zwei Vorgängerprojekte, jeweils mit Stockwerkeigentum, die beide scheiterten. Wir waren aber der Meinung, der Standort direkt beim Bahnhof sei eine gute Ausgangslage für eine nachhaltige Bauweise. Zudem gibt es vor Ort eine Nachfrage nach Mietwohnungen. So hat sich unser Projekt entwickelt.


Das Projekt umfasst Umbau und Erweiterung des historischen Mühlegebäudes sowie den Neubau des Silos aus Recyclingbeton. Die Arbeiten erfolgen gemäss dem Standard der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen DGNB. Welche Rolle spielt die Nachhaltigkeit bei diesem Projekt? Und warum haben Sie sich für das DGNB-Label entschieden?

Michael Schumacher:  Es entspricht unserer Haltung, nachhaltig zu bauen. Wir sind allerdings auch davon überzeugt, dass sich dieser Ansatz ökonomisch auszahlt, etwa durch geringere Neben- und Erhaltungskosten über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes. Bei der Mühle Grüsch konnten wir dieses Vorgehen auf die Spitze treiben. Wir haben uns bewusst für das DGNB-Label entschieden, weil es der umfassendste Standard ist. Er beinhaltet nicht nur die Betriebs­energie, es geht um den gesamten Lebenszyklus – vom Abbruch über die graue Energie bei der Produktion der Materialien bis hin zu Konstruktionsarten. Als Bauherrschaft und Eigentümer sind wir an der gesamten Lebensdauer eines Baus interessiert, das Objekt soll auch von der kommenden Generation gut bewirtschaftet werden können.


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Also ist das Label hier auch ein Werkzeug, um einen gewissen Standard sicherzustellen?

Michael Schumacher:  Ja. Das Label mit seinen Leitlinien bietet Orientierung während der Planung. Beim nachhaltigen Bauen muss man sich für eine Messmethode entscheiden – in diesem Fall ist es das DGNB-Zertifikat. Das Label zwang uns auch, uns immer wieder zu hinterfragen. Dieser Prozess, neu und umfassender zu denken, ist durch das Zertifikat in Gang gekommen.


Eine dieser innovativen Herangehensweisen betrifft den Siloturm aus Beton: Aus statischen Gründen konnte dieser nicht zu Wohnungen umgebaut werden. Stattdessen entschieden Sie sich, ihn abzubrechen, den Beton zu recyceln und im Ersatzneubau wiederzuverwenden. Wie kam es dazu?

Michael Schumacher: Ursprünglich hatten wir vor, das Silo zu erhalten. Aber das statische System des Turms mit vielen kleinen Kammern bei relativ dünnen Wänden hätte einen derartigen Aufwand zur Ertüchtigung benötigt, dass es nicht angemessen und auch nicht nachhaltig gewesen wäre. Also entschieden wir uns, den Turm abzubrechen, den Beton zu brechen und das Material dem Beton für den Neubau als Zuschlagstoff beizumischen. 
Michael Zindel:  Das Konzept hat deshalb gut funktioniert, weil sich zum einen das Betonwerk der Gribag hier in der Nähe befindet und zum anderen die Beteiligten das Projekt sehr motiviert und experimentierfreudig unter­stützt haben.


Ebenso konsequent wie die Ausrichtung auf Nachhaltigkeit ist die Arbeitsform: Sie entschieden sich für eine Projektallianz. Das ist eine Organisationsform, die etwa der SIA propagiert, die sich auf breiter Ebene aber bisher nicht durchgesetzt hat. Warum haben Sie dieses Konstrukt gewählt?

Michael Zindel:  Im Rahmen unserer Zusammenarbeit haben wir schon immer ähnlich gearbeitet. Das beruht auf gegenseitigem Vertrauen. Bei diesem Projekt haben wir gemerkt, was eine Projektallianz für ein Potenzial hat, und dass wir auch die richtigen Personen dafür an Bord haben. Wir sind in dieser Konstellation einerseits Bauherren, aber auch Aktionäre für unsere jeweiligen Firmen. Ein wichtiges Ziel ist also, das Bauwerk möglichst günstig zu erstellen, damit wir als Bauherren auch eine akzeptable Rendite erzielen. Die aktuelle Praxis, das Planungshonorar an die Auftragssumme zu koppeln, ist da kontraproduktiv. Das Verständnis für die gegenseitigen Positionen aufzubauen, ist ein sehr langer Weg und auch nicht mit jedem machbar. Im Fall der Mühle Grüsch hat es funktioniert.


Was neben der Projektallianz und der konsequenten Ausrichtung auf Nachhaltigkeit am Bau auffällt, ist eine gewisse Nonchalance im Umgang mit dem Bestand. Bestimmte Details wie etwa die Graffiti der Zwischennutzung oder auch einzelne Oberflächen oder Anschlussdetails werden einfach belassen. Für die Schweiz ist das fast schon revolutionär. Woher kommt diese Haltung?

Michael Schumacher:  Wir haben vor einiger Zeit einen Umbau in der Altstadt von Chur ausgeführt, wo wir so wenig wie möglich verändern wollten. Dort ist mir bewusst geworden, dass wir Architekten das gar nicht mehr können. Wie weit muss man gehen, wenn man etwas saniert? Kann man auch einfach mal etwas stehen lassen? Letztlich ist es ja oft die Patina, sind es die charmanten Details, die man immer sucht. Warum muss ein sanierter Bau aussehen wie ein Neubau? Beim erwähnten Gebäude in der Altstadt haben wir gemerkt, dass die Sanierungstiefe zu weit ging. Beim Umbau der Mühle Grüsch haben wir versucht, eine Balance zu finden: so wenig wie möglich, aber so viel wie nötig instand zu setzen. Wir müssen die Wohnungen auch vermieten können. 


Das Projekt steht kurz vor dem Abschluss. Gab es Überraschungen, etwas, mit dem Sie nicht gerechnet haben?

Michael Zindel:  Der fehlende Widerstand der Bevölkerung. Es gab nur Unterstützung und Rückenwind – und das bei einem Hochhaus mitten im Tal und vielen Lastwagenfahrten durchs Dorf. Dass hier keine Beschwerden kamen, ist schon ungewöhnlich. 

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