Lan­gen­thal: Wie ei­ne Klein­stadt ho­ch­wer­ti­gen Le­ben­sraum be­schafft

Kleinere Beschaffungsstellen sind mit grösseren Bauvorhaben oftmals überfordert. Sie suchen nach einer möglichst einfachen und billigen Lösung. Das rächt sich schnell in Form von kaum brauchbaren Bauten und einer Abwertung des Lebensraums. Langenthal geht einen anderen Weg.

Data di pubblicazione
15-04-2021
Laurindo Lietha
BSc FHO Civil Engineering/Bauökonom DAS, Fachspezialist Ordnungen/Beschaffung SIA

Neorenaissance-Villen, Industriebauten und Arbeitersiedlungen prägen Langenthals Stadtbild. Entstanden sind sie während der Industrialisierung. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Porzellanfabrik Langenthal, gegründet Anfang des 20. Jahrhunderts. Lang florierte das Geschäft mit dem edlen Geschirr. Unter anderem aber zwangen billigere Konkurrenz und ein geändertes Konsumverhalten die Fabrik in den 1990er-Jahren zur schrittweisen Verlagerung der Produktion und letztendlich zur Schliessung.

So erging es damals vielen Industriebetrieben. Vielen Orten widerfuhr ein ähnliches Schicksal: Sie fielen in einen konjunkturbedingten Dornröschenschlaf. Angestellte aus den Fabriken suchten sich neue Stellen und fanden diese meist ausserhalb. Grössere ­Investitionen rückten in die Ferne, und das öffentliche Leben nahm ab.

Langenthals Weg

Langenthal allerdings lebt und gedeiht. Nicht zuletzt, weil die Verantwortlichen ihre Stadt stets weiterentwickeln wollten. Laut Sabine Gresch, seit 2019 Stadtbaumeisterin von Langenthal, liegt das auch am weitsichtigen Handeln der politischen Akteurinnen und Akteuren. Parteiübergreifend werde Sachpolitik betrieben. Denn man ist sich Langenthals baukulturellen Erbes bewusst.

Die charakterstiftenden Bauten wurden systematisch inventarisiert, zahlreiche öffentliche Gebäude saniert, es wurde aber auch in raumplanerische Grundlagen wie den Siedlungsrichtplan investiert und eine präzise Entwicklungs­strategie erarbeitet. Qualitatives statt quantitatives Wachstum ist erwünscht: Der öffentliche Raum soll Wichtigkeit haben und die Zersiedlung eingedämmt werden. 2019 hat der Schweizer Heimatschutz diese Bestrebungen mit dem renommierten Wakkerpreis ausgezeichnet.

Hilfe von Fachleuten

Für das ambitionierte Stadtentwicklungsprojekt holte man profilierte Fachleute ins Boot. Bewusst wurde auf Architekten von ausserhalb gesetzt, die unabhängig agieren. Fast ein Jahrzehnt nahmen Rolf Mühlethaler (Architekt BSA SIA) und Martin Sturm (dipl. Architekt ETH BSA SIA) aus Bern und Langnau diese Plätze in der Bau- und Planungskommission ein und prägten die Entwicklung. Seit vier Jahren sind nun Yvonne Rudolf (dipl. Architektin ETH BSA) aus Zürich und Fritz Schär (dipl. Architekt BSA SIA) aus Bern in dieser Position für die bauliche Entwicklung Langenthals mitverantwortlich.

Aktuell stehen mehrere öffentliche Bauvorhaben an. So sollen aus neun kleineren, dezentralen Kindergartenstandorten in den drei Schulzentren neue Mehrfachkindergärten entstehen. Die Zentralisierung soll auch Synergien mit der Tagesschule schaffen.

Oftmals, so zeigt die Erfahrung, sind kleinere Beschaffungsstellen mit solchen Vorhaben überfordert und beschaffen möglichst einfach und möglichst billig. Das jedoch rächt sich nicht selten, und es resultieren Bauten, die ihren Zweck nicht zu erfüllen vermögen und das Ortsbild stören. Langenthal geht einen an­deren Weg. Das Stadtbauamt begleitet die Verfahren bewusst selbst und holt sich bei deren Ausgestaltung Hilfe. Soeben wurden drei offene Wettbewerbe für Bildungsbauten lanciert.

Qualitätssichernde Verfahren

Die Verfahren wurden gemäss der SIA 142 Ordnung für Architektur- und Ingenieurwettbewerbe gestaltet und beim SIA zur Begutachtung eingereicht. Im Dialog konnten Optimierungen an den Verfahrensprogrammen vorgenommen werden, bevor die Konformität zur Ordnung SIA 142 ausgesprochen wurde.

Die Programme tragen auf dem Titelblatt den Konformitätsstempel des SIA: ein Qualitätssiegel für faire und hochwertige Verfahren. Für Teilnehmende bedeutet der Stempel, dass ihre Urheberrechte respektiert, die Anonymität gewahrt und ihre Beiträge von einem hochwertigen Preisgericht bewertet werden.

Für Auftraggebende ist die SIA 142 nicht nur eine bewährte und paritätisch erarbeitete Vorlage für hochwertige Wettbewerbe. Der SIA-Stempel bewirkt auch, dass sich mehr und bessere Architekturbüros am Wettbewerb beteiligen. Zudem erhalten Auslober vom SIA wichtige Hinweise zur Verbesserung der Verfahrensprogramme.

Eine lebenswerte Zukunft

Die Programme fordern unter anderem eine hohe Baukultur und einen nachhaltigen Einsatz der Ressourcen. Die Vision der Stadt Langenthal deckt sich mit jener des SIA: einen zukunftsfähigen und nachhaltig gestalteten Lebensraum von hoher Qualität zu erwirken. Andere Kleinstädte dürfen sich an Langenthal ein Beispiel nehmen.

Private und öffentliche Bauherrschaften können nicht nur ihre Verfah­rensprogramme beim SIA zur Beurteilung einreichen. Die Geschäftsstelle berät sie auch in der Vorbereitung, damit ihre Verfahren einen qualitätvollen und nachhaltigen Einsatz der Mittel und einen Betrag zur Baukultur leisten. Weitere Informationen unter: 142 [at] sia.ch

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