Vor­fa­bri­ziert und hi­tze­re­si­stent

In der Friche de l’Escalette in Marseille sind die Pavillons Cameroun und Lorraine von Jean Prouvé ausgestellt. Obschon beide  aus vorfabrizierten Teilen bestehen, unterscheiden sie sich – während der eine für das tropische Klima in Kamerun gemacht ist, war der andere für das kontinentale in Lothringen geplant.  

Data di pubblicazione
29-08-2019

Die Friche de l’Escalette im Parc national des Calanques im Süden von Marseille ist ein Skulpturen- und Architekturpark. Bis ins Jahr 1925 wurde an dem Ort Blei aus Italien und Spanien weiterverarbeitet. Die verfallenen industriellen Werkstätten, Lager, Öfen und Wohnhäuser für die Arbeiter direkt am Meer können besichtigt werden.

Vor acht Jahren übernahmen der Pariser Galerist Eric Tou­cha­­leaume und sein Sohn Eliott das Gelände, das wegen seiner Altlasten bis heute nie überbaut wurde und brach liegt. Wechselnde Skulpturenausstellungen auf dem verwilderten Gelände werden ergänzt von Architektur in Leichtbauweise.

Am Eingang stehen der Pavil­lon de Lorraine 6 × 9 und der Pavillon Cameroun von Jean Prouvé. Sie unterscheiden sich grundsätzlich durch ihre Konstrukton. Den ersten hat der französische Architekt im Auftrag des Ministeriums für Wiederaufbau entworfen, um den Einwohnern in Lothringen, die durch die Bombardements des Zweiten Weltkriegs ihre Wohnungen ­verloren hatten, schnell neue Unterkünfte zu verschaffen. Von den 130 der realisierten Pavillons existieren heute noch etwa 20. 1946 fasste Prou­vé seine Idee so zusammen: «Wir benötigen vorfabrizierte Häuser, bei denen anstelle einzelner kleiner Teile grossflächige Elemente wie die einer Maschine möglichst in ganzen Stücken und mit kleinem Aufwand auf der Baustelle zusammengesetzt werden können.»

Im Innern des Pavillon Lorraine 6 × 9 bilden zwei raumhohe, U-förmige, ursprünglich grün lackierte Träger aus gefaltetem Stahl­blech die Haupttragstruktur. An ihnen ist der dreiteilige Fachwerkbalken des Firsts befestigt, an dem wiederum die Dachpfetten aufge­lagert sind. Vertikale, zwischen die vorgefertigten Wandpaneele eingesetzte Pfosten stützen die Rand­balken des Dachs.

In die beiden Hauptträger ist je ein Loch für ein Ofenrohr ausgestanzt. Standardisierte doppelwandige, von Fichtenrahmen gehaltene Paneele bilden Decke und Wände. Der Bretterboden aus gestrichenem Tannenholz ist neu und ersetzt den originalen, stark beschädigten Boden. Auch eine Front aus sechs Fenstern, die für eine bessere Belichtung im Innern sorgen, ist neu. Sie zeigt, dass Jean Prouvés Architektur zeitgemäss erweiterbar ist, ohne die Gesamtkomposition zu stören.

Standard und Handwerk

Der ab 1958 entwickelte Pavillon Cameroun ist dagegen für das tropisch-feuchte Klima konzipiert. Ausgestellt ist die einfachste Ver­sion verschiedener von Prouvé entworfener Typen. Sie besteht aus vier äusseren tragenden Säulen und hat, bei einer Raumhöhe von 2.93 m bis zur abgehängten Decke, das Grundmass von 8.75 m × 8.75 m im Innern.

Die Aluminiumfassade – sowohl beim Prototyp als auch beim Standardmodell – verleiht dem Pavillon seine charakteristische Ästhetik und das angenehme Innenraumklima: Bei 36 °C Aussentemperatur beträgt die Temperatur innen 28 °C. Die Löcher in den horizontal gefalteten Fassadenelementen ermöglichen die Luftzirkulation von unten nach oben. Zusätzlich dringt Luft durch vier raumhohe Eckfenster ins Innere.

Die Aluminiumfassade, die sich durch direkte Sonneneinstrahlung schnell erhitzen würde, ist durch den weit überhängenden Dachrand geschützt. Das Dach ist durch acht auskragende Fachwerkträger vom darunter liegenden Bau abgehoben. Die Fassadenpaneele bestehen aus sieben in je einem horizontalen Falz gelochten Wellen aus geripptem Aluminiumblech. An drei Seiten sind jeweils zwei Paneele als Schiebetüren ausgebildet.

Dass die Produktion zu Prou­vés Zeit ganz im Zeichen des Kolonialismus stand, zeigt die Tatsache, dass das Aluminium aus Kamerun in Nancy verarbeitet, zu den Elementen vorfabriziert und dann wieder nach Kamerun gebracht wurde. Der Typus zielt jedoch nicht auf die vollständige Industrialisierung des Bauwerks ab, sondern auf die ­Massenproduktion der drei Standardmetallelemente: die Teile des Alu­miniumdachs, die gefalteten Fassadenpaneele sowie die vier Stützen aus Stahlblech. Sie wurden mit lokalem Holz und Zement kombiniert.

Prouvés Ziel war eine ­Synthese von handwerklichen und modernen Techniken. Mit der Vereinfachung des Prototyps verwarf er auch die zu teuren Fachwerkträger aus Metall für das Dach und ersetzte sie durch eine lokale Holzkonstruktion. Der ausgestellte Pavillon als Einzel­element diente als Lehrer­unterkunft. Es gab auch Doppelmodule für kinderreiche Familien und Kombina­tionen aus bis zu fünf Modulen für Klassenzimmer.

Die beiden Pavillons in der Friche werden, nach einigen Anpassungen im Innenraum, in Zukunft als Unterkunft an Feriengäste und als Künstleratelier vermietet. Vor allem der Cameroun Pavillon ist durch die durchdachten, dem tropischen Klima angepassten Details eine Alternative zu klimatisierten Innenräumen. So hat die Konstruktion «aller-retour» den Weg von Frankreich über Afrika wieder nach Europa zurückgefunden.

Gratisführungen können dieses Jahr auf Voranmeldung noch bis zum 30. September 2019 gebucht werden: www.friche-escalette.com

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