Re­flexion an ei­ge­nen Bau­ten

Für den Werterhalt und die weitere Nutzung zahlreicher Brücken sind geistige, technische und handwerkliche Massnahmen erforderlich. Können die beauftragten Ingenieurbüros auf Zeitzeugen oder gar auf firmeninterne Archive zurückgreifen, lassen sich ursprüngliche Gedanken nachvollziehen und daraus Lehren ziehen.

Date de publication
20-05-2022

Neue Bauverfahren, gewagte Konstruktionen oder unbekannte Materialien werden oft kritisch betrachtet. Häufig wird gefragt: «Wie dauerhaft ist das System?», «Hält das Konstruierte auch in 100 Jahren noch?» oder «Sollte nicht vernünftigerweise Bewährtes angewendet werden?». Das galt für Pionierbauwerke im letzten Jahrhundert wie für heutige Konstruktionen und Instandsetzungen.

Das Schweizer Eisenbahnnetz zählt über 8200 Brücken. Nicht wenige wurden bereits im 19. Jahrhundert gebaut. Das Durchschnittsalter aller Bauten nähert sich der garantierten Nutzungsdauer von 100 Jahren. Es stehen viele Instandsetzungsarbeiten an – oder ein Ersatzneubau. Ähnlich sieht es bei den rund 4500 Brücken im Schweizer Nationalstrassennetz aus, von denen die Hälfte zwischen 1960 und 1975 gebaut wurde. Es ist, als kämen die Babyboomer in die Jahre: Zahlreiche Bauten werden zur selben Zeit «alt».

Die anstehenden Aufgaben an den Bauwerken aus den Hochkonjunkturjahren beinhalten meist teure Eingriffe, insbesondere bei einem Totalersatz. Ist in den nächsten rund 30 Jahren keine Kapazitätserhöhung abzusehen oder wird die Nutzung angepasst, reicht eine konventionelle Instandsetzung (TEC21 27/2021 «(Nicht) neu genietet»). Erhöhen sich die Anforderungen, ging man in den letzten Jahren davon aus, dass die Kon­struktion verstärkt oder ersetzt werden muss. Es sind also kreative lebensverlängernde Massnahmen gesucht, um den Erhalt und den uneingeschränkten Betrieb zu erreichen und die Folgekosten überschaubar zu halten.

Dies bedingt vertiefte Studien, detaillierte ­Analysen und eine eingehende Erforschung des Bestands – seiner Konstruktionsdetails und des verwendeten Materials. Besonders hilfreich sind dabei originale Pläne, Revisionspläne, Dokumentationen aus den Baujahren oder von den Instandsetzungsphasen. Wertvoll sind auch Wissen, Kenntnisse und Erfahrungen der vergangenen Bauzeit – ein Vorteil, wenn Zeitzeugen noch leben und ihre Geschichten und ihre Erlebnisse erzählen können; ein Glücksfall, wenn selbst das von ihnen gegründete Büro noch existiert und nach wie vor aktiv tätig ist.

Schätze bergen – Potenzial entdecken

Viele Brücken sind in der Erhaltungsphase. Firmen sind nun gefordert, die Werke ihrer Gründer in eine neue Zeit zu überführen. Dabei sehen sie sich im Korsett der Anforderungen und Rahmenbedingungen sowie der aktuellen, verschärften Normen. Allerdings stehen diesen einengenden Bedingungen auch neue Verfahren, Bemessungs- und Prüfmethoden sowie Nachweis­möglich­keiten gegenüber. Erhaltungsnormen kommen statt ­Neubaunormen zum Einsatz. Sie erlauben in so manchen Fällen eine neue Sicht auf die Konstruktionen, was oft ein brach liegendes Lastpotenzial aufdeckt. Wichtigstes Werkzeug für die Erneuerungsplanung der Konstruktionen sind die Norm SIA 269 Grundlagen der Er­haltung von Tragwerken und ihre sieben Schwesternormen.

Dabei bergen insbesondere baukulturell wertvolle Projekte eine vielschichtige Leistungsfähigkeit. Solche, die innovativ waren, einen speziellen statischen Ansatz verfolgten und eine ausgeklügelte Bautechnik enthalten. Solche, die auch für den Mut der Bauherrschaft stehen, die neuartige Verfahren, Baumethoden und Konzepte zuliessen und dadurch den Weg für eine Weiterentwicklung der Baugeschichte bereiteten.

Der gegenwärtige Zeitgeist stützt dabei den ­Erhalt solcher Werke argumentativ noch zusätzlich, da ein Rückbau ökologisch betrachtet wenig sinnvoll ist. Aspekte wie Bewahren, knappe Rohstoffe und zirkuläres Bauen erhalten mehr Gewicht.

95 Jahre Dialma Jakob Bänziger

Werke sind nachhaltig, wenn sie schon lang bestehen und genau das noch lang tun, und sie sind baukulturell wertvoll, wenn sie so ingeniös entworfen wurden, so effizient funktionieren und so dauerhaft und robust sind, dass sie eben diese lange Lebensdauer ermöglichen, ohne dabei aus statischer, ästhetischer oder materialtechnologischer Sicht veraltet zu erscheinen. Viele Konstruktionen des Bauingenieurs Dialma Jakob Bänziger zeigen das Können, den Mut und die Sensibilität, die solchen Projekten innewohnen und ohne die diese Werke kaum bis heute «überlebt» hätten.

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Dialma Jakob Bänziger zählt zu den bekanntesten Brückenbauern der Schweiz. Während seines aktiven Berufslebens hat er über 400 Brücken entworfen, bemessen und erstellt. Nun feiert er im September dieses Jahres seinen 95. Geburtstag. Sein Büro, das er 1959 gründete, besteht seit 64 Jahren, und die Nachfolger des Gründers werden nun sozusagen von der eigenen Baugeschichte eingeholt: Mit den anstehenden Instandsetzungsarbeiten am eigenen Werk sind sie mit ihrem eigenen Vermächtnis konfrontiert. Es bietet sich die Chance, dieses auch aus objektiver Sicht baukulturell wertvolle Erbe – und ein nachhaltiges dazu – zu analysieren und das eigene Schaffen zu reflektieren.

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