Ge­schich­ten wei­ter­schrei­ben: Sa­nie­rung Pri­mar­schu­le St. Jo­hann, Ba­sel

Das Kunststück, Gutes zu erkennen und durch kluge Eingriffe noch besser zu machen – das gelang den Basler MET Architects 2015 bis 2016 bei Sanierung und Ausbau der Primarschule St. Johann in Basel.

Publikationsdatum
19-05-2017
Revision
14-06-2017
Tina Cieslik
Redaktorin TEC21 / Architektur und Innenarchitektur

St. Johann im Nordwesten Basels ist ein Arbeiterquartier. Zumindest war das Ende des 19. Jahrhunderts so, als sich der bis dato nur dünn besiedelte Stadtteil immer stärker industrialisierte und sich die Arbeiter in der Nachbarschaft ansiedelten. Und die Bewohner benötigten Infrastruktur: Das von 1886 bis 1888 nach Plänen von Kantonsbaumeister Heinrich Reese erstellte Schulhaus St. Johann war nach dem Schulhaus Bläsi (ebenfalls Heinrich Reese, 1882 / 83) und Sevogel (E. Vischer & Fueter, 1883 / 84) erst das dritte Schulhaus in einem Basler Aussenquartier. 

1870 hatte sich das Basler Staatswesen von einer konservativen zu einer liberalen Demokratie gewandelt. Der neue Erziehungsdirektor Wilhelm Klein setzte sich stark für eine Einheitsschule ein, die auch den Kindern der zugewanderten Arbeiterschaft Zugang zu adäquater Bildung bieten sollte – nicht ganz uneigennützig, erhoffte man sich von der Investition in den gebildeten Nachwuchs doch einen Mehrwert für Industrie und Wirtschaft. Kleins Bemühungen manifestierten sich in einer massiven Bautätigkeit: Innerhalb von 30 Jahren entstand Schulraum für 20 000 Kinder. 

Welchen Stellenwert die damaligen Stadtoberen der Bildung ungeachtet der sozialen Herkunft der Kinder beimassen, zeigt sich auch an der repräsentativen Gestaltung der Primarschule St. Johann. Der monumentale Bau im Neorenaissance-Stil stand als eigentlicher «Schulpalast» damals als Solitär auf der grünen Wiese. Das rechteckige viergeschossige Volumen mit hohem Sockelgeschoss ist streng symmetrisch aufgebaut und schliesst mit einem flach geneigten Walmdach ab.

Seitenrisaliten an der Nordwest- und Südostfassade bilden eine leichte U-Form. Dort liegen auch die Treppenhäuser, während der Haupteingang mittig an der Südfassade zu finden ist. Typisch für die zeitgenössische Bildungsphilosophie ist die qualitätvolle Ausführung inklusive der damaligen ebenfalls hochwertigen Ausstattung: Eine Aula und «Schulbänke nach bestem Vorbild»boten eine komfortable und gesunde Lernumgebung ebenso wie eine Warmluftheizung. Die von der zeitgenössischen Hygienedebatte befeuerte Forderung nach Luft und Licht schlug sich in der starken Durchfensterung des Baus nieder: Die hochrechteckigen Fenster der Südfassade sind jeweils zu Dreiergruppen zusammengefasst, an den Seitenfasssaden markieren ebensolche Dreiergruppen, hier teilweise in Bogenform, die Lage der Treppenhäuser.

Elegant und robust

Wie gut Bausubstanz und Raumdisposition funktionierten, zeigt die Tatsache, dass die erste grundlegende Sanierung des Schulhauses erst rund 125 Jahre später nötig wurde. Dies auch vor dem Hintergrund neuer Anforderungen – mit dem Beitritt zum HarmoS-Konkordat, der Interkantonalen Vereinbarung über die Harmonisierung der obligatorischen Schule, investiert der Kanton Basel-Stadt bis 2022 790 Millionen Franken in Aus- und Neubau seiner Schulhäuser.

Auch die Primarschule St. Johann benötigte neue Räume für die Gruppenarbeit; die Zimmer für textiles Werken, Zeichnen und für den Naturkunde- und Geografieunterricht sollten im Dachgeschoss untergebracht werden. 2013 schrieb der Kanton als Bauherrschaft dafür ein Planerwahlverfahren mit Skizzen aus, der neben dem Dachgeschossausbau von St. Johann auch bautechnische Erfordernisse wie Verbesserungen bei Erdbebensicherheit und Brandschutz und die Erneuerung von Innenausbau und Gebäudetechnik umfasste. 

Flach statt Fledermaus

MET Architects aus Basel gewannen die Konkurrenz mit einem feinsinnigen Entwurf. Die Grundrisstypologie der Geschosse – zentrale Erschliessung, je zwei Klassenzimmer im Mitteltrakt, je zwei Klassen in den Seitenflügeln – wird darin beibehalten und im Dachgeschoss übernommen bzw. adaptiert: Anstelle der beiden Klassen plus Treppenhaus sollten hier an den Seiten zwei durchgehende Räume entstehen. Die Belichtung der Ebene sollte mittels Fledermausgauben erfolgen, für die sich die Verfasser auf historische Referenzen stützten und eine konstruktiv schlüssige Herleitung entwickelten. Der Vorteil: Im Gegensatz zu herkömmlichen Gauben läuft das Bedachungsmaterial hier durch und fasst die neuen Elemente, ohne dass sie wie Fremdkörper wirken. Gleichzeitig bietet die vertikale Anordnung der Fensterflächen ausreichend Tageslicht für den Schulunterricht.

So überzeugend wie das Konzept, so eindeutig war die Reaktion der schon während des Verfahrens beteiligten Denkmalpflege: Sie befand nach dem Wettbewerbsgewinn, die Dachaufsicht sei möglichst unangetastet zu lassen. Eine Aufgabe, die die Architekten sensibel-pragmatisch lösten: Anstatt mit Fledermausgauben statteten sie das ausgebaute Dachgeschoss mit dachbündigen, 0.7 × 1.8 m grossen Holz-Metall-Dachflächenfenstern aus. Sie sind jeweils in der Mitte eines Binderfelds angeordnet – ein Kompromiss zwischen der Auffassung der Denkmalpflege und der Meinung der Planer, ein genutztes Dachgeschoss müsse auch als solches erkennbar sein.

Das Beste aus allen Epochen

Trotz mehrerer Renovationen in der Vergangenheit waren die massgeblichen Gestaltungselemente im Innern wie die Gipsdecken mit umlaufenden Friesen, die Lamperien und gegipsten Wände sowie die Böden aus Naturstein, Holz und Fliesen in gutem Zustand. Das Sanierungskonzept sah daher vor, die räumlichen Qualitäten zu erhalten und bei den Oberflächen den Geist des Bestands zu wahren – also ein Weiterschreiben der Baugeschichte, keinen harten Bruch. Für das Dachgeschoss hingegen galt es, diesen Geist mangels Vorbild neu zu definieren. 

Im Untergeschoss ersetzten die Planer die beiden Brennkammern der Heissluftheizung durch zwei Räume für den Werkunterricht und das Schulmaterial; geheizt wird heute mit Fernwärme. Die neuen Leitungen für die technische Infrastruktur konnten in den ehemaligen Schächten der Heissluftheizung untergebracht werden. Ein wichtiger Eingriff war der Einbau des Lifts, der die rollstuhlgängige Erschliessung bis ins Dachgeschoss gewährleistet. Er fand seinen Platz im ebenfalls auf jedem Geschoss neu gestalteten Sanitärblock neben dem zentralen Eingangsbereich respektive den Einzel­büros (in den Obergeschossen).

Bei der Oberflächenbehandlung stützten sich die Planer auf Material- und Farbbefunde, die vier Epochen zum Vorschein brachten: Von den originalen Ocker-Beige-Tönen über eine Phase in Grün, Blau und Rot zu einer grauen Epoche und wieder zurück zum Original. Etwa alle 30 Jahre wechselte die Farbwelt, was die Architekten zum Anlass nahmen, ebenfalls etwas Neues einzuführen. Sie nahmen einen der Brauntöne von 1932 als Ausgangspunkt und entwickelten daraus verschiedenen Rottöne für das Holzwerk. Die Decken sind für die bessere Lichtreflexion weiss, die Gangwände in einem sehr zarten Rosaton, jene der Klassenzimmer komplementär in sehr hellem Grün gehalten. 

Der Weg ins Dachgeschoss führt über eine neue, zentral platzierte Treppenanlage. Sie setzt die Materialität des Altbaus mit geölten Eichenböden, Lamperien und Gipswänden fort, variiert aber in den Details: Während sich die bestehenden Lamperien mit einem Absatz von der Wand abheben, sind die neuen Einbauten flächenbündig ausgeführt – ein subtiles Detail, das Alt und Neu in ihrer Kontinuität spüren lässt. Die Dachkonstruktion selber bleibt sichtbar. Die Balken wurden aus Unterhaltsgründen mit Ölfarbe in gebrochenem Weiss gestrichen. In den beiden Ateliers der Seitenflügel bieten umlaufende Einbauten im 1.30 m hohen Kniestock Ablagefläche und Stauraum. Die mit weissen Lineoleumeinlagen versehenen Schränke dienen gleichzeitig als Arbeitsfläche.

Positives Feedback

Im Herbst 2016 wurde das sanierte Schulhaus wieder eröffnet. Die bis dahin in Provisorien untergebrachte Schülerschaft nahm den Bau in Besitz, einige Lehrer nutzten die Chance, den Umbau auch pädagogisch zu thematisieren. Schülerinnen und Schüler durften ihre Eindrücke in Texten schildern, die man den Architekten übergab. Das Ergebnis überraschte: Neben dem generell äusserst positiven Feedback nannten die Schüler auch eher unauffällige Details wie die neuen Schränke für die Feuerlöscher. Das Beispiel zeigt: Hermann Reese hatte recht. Gute Gestaltung lohnt sich – auch als Investition in die Sensibilisierung der künftigen Generationen.

Am Bau Beteiligte
 

Bauherrschaft
Kanton Basel-Stadt, Hochbauamt
 

Generalplanung
MET Architects, Basel (Architektur);
Caretta + Weidmann, Basel (Baumanagement)
 

Tragkonstruktion
WMM Ingenieure, Basel
 

Elektroplanung
Eplan, Reinach
 

HLK-Planung
Scholer & Blatter, Liestal
 

Sanitärplanung
Wenger + Ott, Basel
 

Bauphysik / Akustik
CSD Ingenieure, Liebefeld
 

Brandschutz
Visiotec, Allschwil

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