Frei­bad Wey­er­manns­haus: Was­ser­auf­be­rei­tung XXL

Das riesige Becken des Freibads Weyermannshaus in Bern war undicht und wies eine ungenügende Badewasserqualität auf, eine Erneuerung war unumgänglich. Die Stadt Bern liess eine Wasseraufbereitung einbauen und das Becken mit badewasserbeständiger Folie auskleiden. Die aussergewöhnliche Grösse und Form des Beckens machten die Instandsetzung zum Präzedenzfall.

Publikationsdatum
09-06-2023

Im Westen der Stadt Bern, mitten im Industriegebiet, gibt es einen ganz besonderen Ort: das Freibad Weyermannshaus. Es wurde Ende der 1950er-Jahre zum städtischen Freibad umgebaut. Die Wasserfläche beträgt damals wie heute 15  500 m² – das entspricht etwa einer Fläche von 13 «normalen» 50-m-­Becken. Gespeist wird das Bad durch Grundwasser, das ins Becken gepumpt wird. Deshalb ist es in der Regel auch etwas kühler als in anderen Berner Freibädern. Bis Anfang der 1970er-Jahre richtete sich die Badewassertemperatur in den städtischen Freibädern nach der natürlichen Wassererwärmung durch die Sonneneinstrahlung. Und das soll im Weyerli gemäss kantonaler Denkmalpflege auch so bleiben.

Ungereinigtes Wasser versickert

2012 wurde bekannt, dass das Freibad instandsetzungsbedürftig ist. Technische Anlagen fehlten vollständig, das chlorierte und unfiltrierte Wasser floss in den Wohlen­see. Von den täglich rund 2500 m³ Grundwasser, die zugeführt werden, versickerten etwa 500 m³ durch Leck­stellen, verdunsteten oder wurden ausgetragen. Auf die gesamte Wasserfläche bezogen sind das täglich 500 000 Liter und damit rund viermal mehr als die acht Liter pro Quadratmeter und Tag, die als Faustformel für den Wasserverlust eines Pools gelten.

Geologische Untersuchungen zeigten, dass das Material unterhalb des Beckens teilweise stark belastet ist. Es galt nun ein Instandsetzungsprojekt auszuarbeiten, bei dem der bestehende, mit Zementsteinen belegte und mit Bitumen abgedichtete Boden des Freibads möglichst nicht geöffnet werden musste. Bei grösseren Eingriffen hätte man das Material entfernen und fachgerecht entsorgen müssen. Eventuell belastetes Material verbleibt deshalb auch nach der Instandsetzung im Untergrund.

Doch das Bad war nicht nur undicht, sondern hatte auch Probleme, die vorgeschriebenen Standards und Normen für Badewasserqualität und Hygiene einzuhalten. Im Freibad Weyermannshaus fehlten eine standardisierte Wasseraufbereitung und eine ausreichende Beckendurchströmung. Die Badangestellten chlorten das Wasser bis anhin von Hand – mit der Konsequenz, dass eine gleichmässige Verteilung über das gesamte Becken nicht möglich war.

Hierbei steht die Wasseraufbereitung in Konkurrenz zum kontinuierlichen Eintrag von Verschmutzungen durch den Badebetrieb. Allein durch den Aufenthalt der Badegäste gelangen Schmutz und Keime ins Wasser. Auch Stoffe aus der Umwelt können das Schwimmbadwasser verunreinigen – bei Freibädern werden Pflanzenreste, Staub oder tierische Hinterlassenschaften eingetragen.

Bereits 2012 wurde abgeklärt, ob man das Wey­erli als Naturbad betreiben könnte. «Die Pflanzen, die zur Wasserreinigung benötigt werden, hätten jedoch viel zu viel Platz gebraucht», erklärt Richard Staubli vom Ingenieurbüro SK& in Zürich. «Nach inzwischen zehn Jahren sind allerdings neue Filter für die biologische, natürliche Wasseraufbereitung auf dem Markt – mit dieser Methode hätte es gelingen können.» Doch auch die kantonale Denkmal­pflege sprach sich für eine Instandsetzung der bestehenden Anlage aus, insbesondere um deren Charme zu erhalten. Die Form des Beckens ist nach den Arbeiten nahezu unverändert und die Umgebung gestaltete man nach Vorgaben der Denkmalpflege (vgl. «Freibad-Ikone, aufgefrischt»).

Platz schaffen für die technischen Anlagen

Um das Wasser rein zu halten, muss das Bad gleichmässig von Wasser durchströmt werden und pro Bade­gast müssen ca. 2 m3 Wasser gereinigt werden. Dafür sind die Aufbereitungsanlagen rund um die Uhr in Betrieb. Nur so kann die Wirkung des eingesetzten Desinfek­tionsmittels aufrechterhalten bleiben und weder Algen noch Keime können sich ansiedeln. So weit die Theorie.

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Der Realitätscheck folgte in der Praxis: Die Grös­se und Form des Beckens, die Sohlenbeschaffenheit, Altlasten im Boden und das grosse Grundwasservorkommen liessen die Planenden schwitzen. Es fehlte schlicht die Erfahrung, wie man bei einem so grossen Becken vorgeht. Die Planer und Planerinnen mussten einen Weg finden, eine Badewassertechnik für das ­riesige Becken aufzubauen und diese gleichzeitig in die denkmalgeschützte Anlage zu integrieren. Von den ­um­fangreichen Tiefbauarbeiten, die dafür neben der Beckeninstandsetzung ausgeführt wurden, ist heute fast nichts mehr zu sehen. Doch verstecken sich zum Beispiel unter den neuen Liegeflächen vier Ausgleichsbecken für die Badewassertechnik – drei für das Freibad, eines für das Planschbecken. Da die Schachtdeckel nicht befahren werden dürfen, baute man die Einstiege 40 cm über Terrain und kaschierte sie elegant mit Holz. Drei der Ausgleichsbecken haben mit 100 m3 selbst das Volumen eines privaten Pools. Ein viertes Becken in der Nähe des Planschbeckens und des Wasserspielplatzes ist ein wenig kleiner. Bodenplatte, Aussen- und Innenwände sowie die Decke der Ausgleichsbecken führte die Unternehmung dicht aus. Doch aufgrund der Installationen, sprich Pumpen, waren bei den Innenwänden Kernbohrungen nötig, da die Anschlüsse je nach eingebautem Pumpentyp anders sind. «Deshalb konnte der Baukörper nicht zu 100 % als weisse Wanne entsprechend den Normvorgaben ausgeführt werden», erklärt die Projektleiterin Elise Lerch von SK&. Zur Beschränkung der Rissweiten habe man den Bewehrungsgehalt erhöht. Zu den Baumeisterarbeiten auf dem ­Areal ­zählten das Verlegen der Badtechnik-, Sanitär-, Elektro- und Kanalisationsleitungen.

Badesee oder Freibad?

Nachdem die umfangreichen Rohbauarbeiten abgeschlossen waren, konnte die Technik für das neue Wasseraufbereitungssystem installiert werden. Bei einem Schwimmbad mit Badewasseraufbereitung wird das Wasser in einem geschlossenen Kreislauf gereinigt und zurück ins Becken geleitet. Durch den ständigen Grundwasserzufluss war das im Fall des Weyerli bis anhin nicht so. Zudem liess sich aufgrund der Dimension nicht eindeutig sagen, ob es sich gemäss Normen tatsächlich um ein Schwimmbad handelt und wie die Vorschriften hier anzuwenden sind. Ob Hallenbad, Freibad, Thermalbad oder Sprudelbad – Gemeinschaftsbäder müssen qualitative Anforderungen sowohl in chemischer als auch in mikrobiologischer Hinsicht erfüllen. In der eidgenössischen Lebensmittelverordnung sind Mindest- und Höchstwerte in der Verordnung über Trinkwasser sowie Wasser in öffentlich zugänglichen Bädern und Duschanlagen (TBDV, SR 817.022.11) verankert. Zudem beschreibt die SIA-Norm 385/9 spezifisch die Anforderungen für Badewasser und Wasseraufbereitungs­anlagen in Gemeinschaftsbädern. Die TBDV ist übergeordnet und allgemein gehalten. Die SIA 385/9 regelt die spezifischen Anforderungen ans Badewasser und die Badtechnik. Die Stadt Bern wertete das Freibad Weyermannshaus schliesslich als Schwimm­bad und verlangte von den Planenden, die geforderten Werte der ­Lebensmittelverordnung einzuhalten und die Anforderungen der SIA-Norm 385/9 den besonderen Gegebenheiten entsprechend umzusetzen.

Reinigung durch Bewegung

«Mit nur drei funktionierenden von ursprünglich sechs Einströmdüsen im alten Becken war eine Beckendurchströmung nicht möglich. Grosse Teile des Schwimmbeckens blieben dauerhaft mit Desinfektionsmitteln unterversorgt. Bakterien und Algen vermehrten sich», sagt Markus Hophan, Projektleiter bei probading, dem für die Wasseraufbereitung zuständigen Fachplanungsbüro. «Wir arbeiten jetzt mit 72 Einströmdüsen. Um die Düsen gleichmässig an der Beckenwand anordnen zu können, betonierten wir ringsum am Fuss der Wand eine Vorlaufleitung ein.»

Die Einströmdüsen leiten das behandelte Badewasser alle 6 m aus den Ausgleichsbecken ins Freibad. Umgekehrt fliesst das belastete Beckenwasser, das die Badegäste verdrängen, kontinuierlich über eine Überlaufrinne entlang des Beckens zurück in die Aufbereitungsanlage. Der durch die Strömung zusätzlich erzeugte Oberflächenreinigungseffekt sorgt dafür, dass die Verschmutzungen in der oberen Wasserschicht auf dem kürzesten Weg aus dem Becken entfernt werden. Bei der Abführung des Wassers werden Schwimmstoffe, wie Haare oder Textilfasern, in automatischen Siebrechen entfernt. In den Ausgleichsbecken vermischt sich das Badewasser mit dem Grundwasser sowie dem Desinfektions- und Neutralisationsmittel. Zudem wird hier der Wasseranfall ausgeglichen und so der Grundwasserverbrauch reduziert.

Das im Kreislauf vom Grundwasser verdrängte Badewasser gelangt nicht ins Kanalisationssystem, sondern wird aus den Ausgleichsbecken zur Aufbereitungsanlage mit Sand- und Aktivkohlefilter befördert. Die Sandfilter dienen der mechanischen Reinigung des Badeabwassers, die Aktivkohle entchlort es. Anschliessend wird das so gereinigte Wasser in den Vorfluter abgegeben. Beim Wasser, das am Ende in den Wohlensee fliesst, liegt der Chlorgehalt unter den in den Gewässerschutzvorschriften vermerkten 0.05 mg/l.

Erstaunen am Boden, Handarbeit am Rand

Um das Becken instand setzen zu können, entleerte man es im Winter 2020/2021. Durch Frost kam es zu Abplatzungen am Boden. «Erst dadurch haben wir gemerkt, dass sich auf den originalen Zementsteinen eine dicke Kalkschicht gebildet hatte. Bevor wir die Folie verlegen konnten, musste diese Schicht entfernt werden», erklärt Ingenieur Carlo Hophan von probading die überraschende Entdeckung.

Die ungewöhnliche Form der Wasserfläche und deren Grösse stellte die Unternehmen hinsichtlich Materialbedarf und Ablauf vor Probleme. Ausserdem ist das Becken nicht eben – es galt, lokale Dellen und Vertiefungen zu berücksichtigen. Schliesslich dichtete man das Becken mit einer chlor- und UV-beständigen Schwimmbadfolie neu ab. Das verantwortliche Unternehmen bestellte dafür 350 Rollen Kunststoffdichtungsbahnen, jeweils 25m lang und 2.05m breit. Zum Vergleich: Für ein Olympia-Schwimmbecken werden ca. 15 Rollen benötigt. Das Fugenbild der ursprünglichen Pflästerung im Becken zeichnet sich heute durch die neue Folie ab. Weiter musste die Schwimmbadkrone rundherum instand gesetzt und eine rutschhemmende Beschichtung aufgetragen werden. Für die Unternehmen bedeutete das, Anschlüsse, Bereiche mit starker Neigung und Details wie Ecken und Kanten von Hand zu schweissen. Allein diese Detailarbeiten dauerten rund zwei Monate.

Nach dem ersten heissen Sommer

Insgesamt dauerte die Instandsetzung 18 Monate, von November 2020 bis Mai 2022. Sie folgte einem straffen Zeitplan, weil von Beginn an geplant war, das Freibad zum Saisonstart im Mai 2022 wieder zu öffnen. Das ist gelungen – der Hitzesommer 2022 brachte dem Bad mit über 360 000 Eintritten einen neuen Besucherrekord. Die Badtechnik hat dem Gästeansturm standgehalten. Die Restlebensdauer der alten zu erhaltenden Bauteile wird auf mindestens 20 Jahre geschätzt. Die neuen Bauteile haben eine geplante Nutzungsdauer von 50 Jahren. Einen Rekord gab es neben den Besucherzahlen im ersten Betriebsjahr nach der Instandsetzung übrigens auch bei den Kosten: Den veranschlagten Baukredit von 48 Mio. Franken schöpften die Planerinnen und Planer bei weitem nicht aus.

Dieser Artikel ist erschienen in TEC21 19/2023 «Besser baden in Bern».

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