«Schön­heit al­lein ist kein Kri­te­ri­um»

Das Werk von Justus Dahinden erscheint oft im Inventar und ist gleichwohl nicht integral geschützt. Der Denkmalpfleger Reto Nussbaumer umreisst die Schwierigkeiten hinsichtlich Wahrnehmung und Anerkennung von Architektur der jüngeren Baugeschichte.

Publikationsdatum
23-01-2020

TEC21: Herr Nussbaumer, der Umgang mit dem als Bürohaus gebauten Ferrohaus (vgl. «Architektur-­Mission») ist vorbildlich. Die Bauherrschaft übt eine ganzheitliche Herangehensweise. In der Feriensiedlung Bosco della Bella haben wir das Gegenteil erlebt: Eins der Häuser wurde renoviert, wohl im Rahmen einer Asbestsanierung. Durch andere Farben und Proportionen ist es noch ­ähnlich, hat aber einen vollkommen anderen Ausdruck.

Reto Nussbaumer: Im Sinn der Denkmalpflege hat das Gebäude dann an Lesbarkeit und somit auch an Denkmalwert verloren.

TEC21: Was macht Justus Dahindens Bauten schutzwürdig?

Reto Nussbaumer: Nehmen wir die Antoniuskirche in Wildegg mit dem Spiralmotiv: Man kommt vom Dorfplatz her über den schneckenförmigen Zugang in den Innenraum, der ein Zelt darstellt – das sind gestalterische Motive jener Zeit, die nicht spezifisch für Dahinden sind. Aber bei ihm ging es weiter, da zeigt sich auch der spirituelle Überbau, den er immer mit einbezieht. Er ist irgendwie exzentrisch, immer etwas abseits vom normalen Schweizer Architekturdiskurs jener Zeit. Er hat eine expressive Handschrift.

Dass er und der Künstler Bruno Weber sich gefunden haben, ist nicht verwunderlich. Er hat die Eulen an der Bibliothek der TU in Wien, die Figuren am «Tantris» in München (vgl. «Architektur-Mission») und die Stierköpfe an Dahindens Bürohaus in Zürich Witikon geschaffen. Diese Betonwesen verstärken die mystische, religiöse Wirkung der Architektur. Bei Justus Dahinden ist mehr das Gesamtkunstwerk zu spüren als bei anderen Architekten.

TEC21: Es gibt diese Anekdote: Als die Figuren, die für den Eingang und die Innenräume des «Tantris» vorgesehen waren, über den Zoll transportiert wurden, wussten die Zöllner nicht, ob sie sie als Beton oder Kunst deklarieren sollten. Zum Schluss stuften sie sie als Beton ein.

Reto Nussbaumer: So wie man Bruno Webers Werk schwierig verorten kann, geht es uns auch mit Dahindens Bauten. In diesem Sinn ist der Denkmalwert seiner Kirchen­bauten noch am einfachsten zu vermitteln. Die Bau­aufgabe liegt ja schon an sich zwischen Kunst und Konstruktion. Bei Zweckbauten ist die Innova­tion schwie­riger ersichtlich, weil sie konzeptuell ist und sich auf die Nutzung bezieht.

TEC21: Beim «Tantris» spürt man noch die Idee der Gemeinschaft im lebendigen Gastrokonzept. Eindrucksvoll, dass das in den gleichen Räumen bis heute funktioniert. Das zieht sich wie ein roter Faden durch viele Bauten Dahindens, die trotz ihrem Alter funktional und ansehnlich sind.

Reto Nussbaumer: In der Tat: Heute, wo oft Funktionen oder eben Gastrokonzepte alle fünf Jahre wechseln – Dahinden hat etwas richtig gemacht. Man geht ja nicht hin, um eine Geisterbahn zu besuchen. Diese Konstanz ist eine grosse und nachhaltige Qualität, und damit ist man schon in der aktuellen Diskussion. Wenn man bedenkt, dass gewisse Bauten nach einer Generation abgerissen werden, weil zum Beispiel die Raumhöhe nicht ausreicht, um die neue Technik unterzubringen …

TEC21: Kann man die geistige Haltung auch unabhängig vom Objekt schützen? Zum Beispiel Dahindens Thesen zur Diagonale im Stadtraum? Die haben doch den Umgang mit Luftraum, Blickachsen und Durchlüftung nachhaltig beeinflusst.

Reto Nussbaumer: Nein, Dahinden hat seine Theorien weitergegeben, damit sind sie unkontrollierbares Allgemeingut.

TEC21: Also ginge das nur mittels eines Baus, der ein passendes Abbild der Idee ist?

Reto Nussbaumer: Das Ferrohaus zum Beispiel ist für sich genommen schon eine «Landmark», und man schaut deshalb zweimal hin. Und wenn man die Gründe für die spezielle Form kennt, die Idee des Stadthügels, die «Stadt in der Stadt», den Bezug zur Pyramidenformen in der weltweiten Baugeschichte, steigert das seinen bauhistorischen Wert.

TEC21: Gibt es ein Minimalalter, ab dem ein Haus schützenswert sein kann?

Reto Nussbaumer: Als Orientierung gilt die Richtlinie für die Inventarisierung: das, was bis vor einer Generation noch in Benutzung war. Heute würde man also bei 1990 aufhören. Eine Generation muss mit dem Gebäude umgegangen sein. Wenn es die jüngste Generation bereits nicht recht gebrauchen konnte oder stark umgebaut hat, wird es nicht weiter bestehen. Natürlich gibt es Ausnahmen: Baukünstlerisch bedeutende Zeugnisse, deren Gebrauchstauglichkeit gering ist, die vielleicht nicht heizbar sind, aber ein fantastisches Raumgefüge bieten, möchten wir erhalten.

TEC21: Wo liegen die spezifischen Probleme beim Erhalt von Gebäuden aus dem späteren 20. Jahrhundert?

Reto Nussbaumer: Problematisch ist der Umgang mit neuen Materialien und Bautechniken, mit denen die Architekten vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg experimentierten. Mit ihnen waren Heilsversprechen verbunden: Man glaubte, die Häuser müssten nie mehr renoviert werden. Öl für den Heizungsbetrieb schien endlos vorhanden zu sein, auch deshalb baute man ganz filigran.

Trotzdem sind aber solche bautechnischen Fragen für uns weniger zentral, diese Herausforderungen kriegen wir in den Griff. Das Problem liegt eher im Widerstand der Bevölkerung. Die Bauten sind zu jung, um als wichtig erkannt zu werden. Der allgemeinen Auffassung nach muss ein Gebäude hundertjährig sein, um bedeutend zu sein.

Ein wichtiger Punkt: Schönheit und Alter allein sind keine Voraussetzungen für einen Denkmalstatus. Im Umkehrschluss darf man nicht alles abreissen, was noch nicht historisch zu nennen ist und uns heute vielleicht nicht gefällt. Das ist ein verbreitetes Missverständnis. Bauten der 1950er-Jahre werden durch ihre Filigranität, die witzigen Details, die zugäng­liche Farbigkeit zwar langsam geschätzt. Diejenigen der 1960er haben es aber schwerer – da ist mehr Vermittlung nötig.

TEC21: Wie gehen Sie damit um, wenn Materialien zeit­typisch, aber gerade deshalb schlecht erhalten sind?

Reto Nussbaumer: Die Problematik der Giftstoffe hatten wir mit früheren Baustoffen selten; die bedarf genauer Analysen. Asbest zum Beispiel ist ja nur gesundheitsgefährdend, wenn es ungebunden ist. Spröde werdende Kunststoffe verlieren ihre Funktionalität, zum Beispiel als Dichtung, und müssen ausgewechselt werden. Für blinde oder undichte Isolierverglasungen gibt es inzwischen Restaurierungstechniken. In anderen Fällen behelfen wir uns mit dem Begriff der «Verwitterungsschicht». Damit bezeichnet man nicht konstruktive, austauschbare Teile und zugefügte Oberflächen wie Putz oder Anstriche.

Zwiespältig sind Fragen, in denen es um einen sinnvollen Energiehaushalt geht. Die heutigen Probleme liegen nicht mehr so sehr in der Winterperiode, sondern in der sommerlichen Aufheizung. Da lohnt es sich, das Gebäude individuell zu betrachten. Anstatt eine Fassade auszuwechseln, lässt sich manchmal etwas durch Investitionen in eine kluge Gebäudetechnik lösen, etwa einen zusätzlichen Sonnenschutz. Auf diese Weise kann man das Klimaverhalten verbessern und dennoch die Hülle bewahren. Oft birgt das aber die Gefahr, dass sich das Erscheinungsbild weit vom ursprünglichen Bau entfernt.

TEC21: Dahinden ist bekannt für seine über 20 Kirchenbauten. Ist das nicht ein schützenswerter Werkkomplex?

Reto Nussbaumer: Es ist schwierig, seine Sakralbauten über die Kantons- und Landesgrenzen hinweg schützen zu wollen – da sind die gesetzlichen Grundlagen und die geübte Praxis wohl zu unterschiedlich. Dahindens entwerferische Haltung im Sakralbau ist sicher eine spezielle. Man hat den Eindruck, er hätte damals eine eigentliche Berufung gespürt. Die Mission, als Architekt für die Religion zu bauen, das ist etwas Über­geordnetes. Schaut man die Zeit an, diese Pop-Art-Ära – dann hat die Architektur die gesellschaftlichen Strömungen vielleicht auch direkter umgesetzt, als dies heute der Fall ist.

TEC21: Oder ist es umgekehrt? Hat die Architektur die gesellschaftlichen Änderungen bewirkt?

Reto Nussbaumer: Das ist die hehre Absicht der Architekten. Ich zweifle dran, dass Architektur eine so weite Ausstrahlung hat, dass ein markanter Anteil der Gesellschaft daran teilnimmt und sich verändert. Das heisst aber nicht, dass das Ziel nicht immer eine gute Baukultur sein muss: sowohl im Neubau als auch in der Pflege des historisch relevanten Gebauten. Man sollte sie beachten und in ihrer historischen Substanz erhalten für kommende Generationen. Wenn wir nur noch das Foto im Heimatmuseum haben, dann haben wir verloren.

Mehr zu ausgewählten Werken von Justus Dahinden lesen Sie in TEC21  3/2020.