Sach- und Dach­ge­schich­ten

Die Basler St. Jakobshalle wurde instand gesetzt und erweitert. Der Arbeitsgemeinschaft Degelo Architekten / Berrel Berrel Kräutler gelang nicht nur eine zeitgenössische Neuinterpretation: Mit dem aktuellen Umbau haben sie die Halle neu erfunden.

Publikationsdatum
04-10-2018
Revision
04-10-2018
Tina Cieslik
Redaktorin TEC21 / Architektur und Innenarchitektur

Unglaubliche siebeneinhalb Zentimeter misst das Dach der 1976 eröffneten St. Jakobshalle an seiner dünnsten Stelle. Ganze 4.65 m hingegen ist die maximale Höhe des 127 m langen Vordachs beim neu angefügten Foyer Nord. Die Zahlen machen deutlich: Die aktuelle Erweiterung ist auch eine Geschichte von zwei Dächern.

Als Mitte der 1970er-Jahre der Wunsch nach einer neuen Sporthalle im Basler Osten aufkam, entschieden sich Giovanni Panozzo und Albert Schmidt, Architekt und Ingenieur der späteren St. Jakobshalle, für eine filigrane Konstruktion aus Leichtbeton, die, wenn auch inzwischen aufgrund zusätzlicher Nutzungen punktuell verstärkt, noch heute intakt ist (vgl. «Das Hängedach von 1976», Kasten unten). Anfang der Nullerjahre wurde der Bedarf nach einer Modernisierung des 22 000 m2 grossen Gebäudekomplexes aber wegen gestiegener Sicherheitsanforderungen immer dringlicher.

Tatsächlich war es nicht die Konstruktion der Grossen Halle mit 2800 m2, die Anpassungen nötig machte, sondern die sich verändernden Rahmenbedingungen: Ursprünglich vor allem als Sportstätte konzipiert, bietet der Bau neben zwei weiteren Hallen (Kleine Halle und Halle 2) auch diverse Säle und Veranstaltungsräume. Und der Kern, die Grosse Halle, beherbergt inzwischen einen bunten Mix an Events, von der Generalversammlung über Fernsehshows bis zu Musikkonzerten und dem wichtigsten Mieter, dem Tennisturnier «Swiss Indoors». Entsprechend ge­stiegen war der Bedarf an Technik, an Fluchtwegen, an Zu- und Anlieferung, an Verpflegungsmöglichkeiten.

Der Kanton liess daher in einer Studie Abriss und Ersatzneubau der St. Jakobshalle prüfen. Dabei kam man allerdings zu dem Schluss, ein Erhalt des nicht denkmalgeschützten Baus sei in finanzieller Hinsicht deutlich günstiger – vor allem aus der Überlegung heraus, dass internationale Veranstalter, konfrontiert mit einem mehrjährigen Unterbruch, dauerhaft auf andere Spielstätten ausweichen könnten.

Radikaler Richtungswechsel

Den vom Kanton ausgeschriebenen Generalplanungswettbewerb für die Instandsetzung des Baus konnte im Juni 2013 die Arbeitsgemeinschaft Degelo Architekten / Berrel Berrel Kräutler für sich entscheiden – ausschlag­gebend dafür war unter anderem die enge Zusammen­arbeit mit den Ingenieuren von Schnetzker Puskas, eine fruchtbare Kooperation, die sich durch gesamte ­Planungs- und Bauzeit hindurch fortsetzte. Die Planer präsentierten als nur eines von zwei Teams einen ­städtebaulichen Befreiungsschlag: Ursprünglich befand sich der Haupteingang an der Brüglingerstrasse. Wollte man die St. Jakobshalle von der gleichnamigen Tramhaltestelle aus erreichen, musste man zunächst eine Treppenflucht über einen kleinen Hügel hinter sich bringen – die Haupterschliessung wirkte wie ein Nebeneingang ohne jede Grosszügigkeit.

Mit der Verlegung des Haupteingangs an die St. Jakobs-Strasse ist diese unglückliche Disposition nun gelöst. Ein Glücksfall war, dass die dafür nötigen Flächen bisher unbebaut geblieben waren. Heute betritt man den Bau direkt über das repräsentative Foyer Nord, die St. Jakobshalle hat damit eine Adresse und ein Gesicht. Das Foyer dient zum einen als Verteiler in die unterschiedlichen Hallen und Veranstaltungsräume, zum anderen kann es auch selber als Eventfläche genutzt werden. Wie ein Mantel legt es sich gemeinsam mit dem ebenfalls angebauten Foyer Süd um die Bestandbauten.

So entsteht eine neue Einheit – und Mantelnutzung wird einmal ganz wörtlich verstanden. Die Aufwertung dieser Räumlichkeiten, vor allem für das Catering, war neben der Adressbildung ein weiteres Anliegen für die Modernisierung. Denn die Events bilden zwar den Anziehungspunkt, den Umsatz aber macht die Gastronomie. Bisher waren die Verpflegungsstände vor allem in Temporärbauten untergebracht. Neu sind sie einheitlich in den Innenausbau entlang der Verkehrsflächen integriert.

Das Wettbewerbsprojekt brachte neben der verbesserten Erschliessung noch eine weitere wichtige Neuerung: die Erhöhung der Zuschauerkapazität in der Gros­sen Halle. Mit bisher 9000 Plätzen lag sie knapp unter der magischen Fünfstelligkeit und weit entfernt von der Konkurrenz, dem Zürcher Hallenstadion für 13 000 Zuschauer. Um im europäischen Wettbewerb mithalten zu können, sollten es schon 12 000 sein, eine Zahl, die die Halle nach dem aktuellen Umbau problemlos erreicht. Denn tatsächlich sind die Zu­schauerzahlen weniger von der Hallengrösse abhängig als von den Fluchtwegen und den Massnahmen für den Brandschutz.

Robuste Eleganz

Im Januar 2015 bewilligte der Grosse Rat des Kantons Basel-Stadt einen Kredit von 105 Mio. Franken für die Instandsetzung und Modernisierung des Bauwerks, im Frühling 2016 begann die erste Etappe der insgesamt drei Bauphasen. Um einen unterbruchsfreien Veranstaltungsbetrieb zu gewährleisten, fanden die Arbeiten jeweils in den spielärmeren Sommermonaten statt.

Das war aber nur eine der Herausforderungen. Eine weitere zeigte sich beim Innenausbau: Die Vielfalt an Events verlangt einen Spagat in der Gestaltung. Robust genug für ein Rockkonzert, angemessen gediegen für ein Galadinner sollten die Materialien sein. Die Architekten lösten die Aufgabe mit zurückhaltender Eleganz und Eichen- und Redgumholz an den Wänden, mit einem Boden aus grossformatigem Feinsteinzeug und farbigen Differenzierungen.

Die drei Hallen treten wie früher als Blackboxes in Erscheinung – je kleiner die Halle, desto heller das gewählte Schwarz. Die sie umfliessenden Nebenräume und Verkehrsflächen sind in neutralem Weiss gehalten. Für Atmosphäre sorgen die unterschiedlichen Möglichkeiten der Beleuchtung. Über sieben Licht­kuppeln flutet Tageslicht ins Innere des Foyers Nord, ergänzt durch eine Grundbeleuchtung aus eigens entwickelten LED-Leuchtringen, die zugleich noch Zu- und Abluft beinhalten (vgl. «Luft im Dach»). Bei einem intimeren Anlass können in die Decke in­tegrierte LED zugeschaltet werden. Der Clou für astronomische Connaisseurs: Sie sind massstäblich als Sternbilder angeordnet.

Wo sind all die Fenster hin?

Neben all der Freude über eine alte Halle, die wie ein Neubau wirkt, bleibt aber ein kleiner Wermutstropfen: eine alte Halle, die wie ein Neubau wirkt. Denn der einstige Sichtbeton ist unter Verputz und einer Dämmschicht verschwunden – und mit ihm die unterschiedlich grossen Fenster, die die Fassaden gliederten. Die Dämmung der Fassade und das Schlies­sen der Öffnungen waren allerdings Vorgaben im Wettbewerb. Die Fenster hatten zunehmend zu Problemen bei der Verdunkelung geführt – Veranstalter wünschen heute eine Blackbox mit Kunstlicht. Zudem gab es immer wieder Lärmklagen der Anwohner. In dieser Form ist der Umbau ein Zugeständnis an die Nutzung und wurde nur durch die fehlende Unterschutzstellung der Halle möglich. Er verbessert aber die innere Organisation und stärkt den architektonischen Ausdruck des Gesamtbaus. Das eindrückliche Dach der Grossen Halle kann immerhin noch im Innenraum erlebt werden.

Sein jüngerer Bruder, das weit auskragende Foyerdach, offenbart seine Geheimnisse dagegen nur dem Kenner. Zwar sind seine Dimensionen an der Fassade sichtbar; dass es über seine eigentliche Funktion hinaus auch die für Grossevents notwendige Gebäudetechnik beherbergt (vgl. «Luft im Dach»), lässt sich daran nicht ablesen. Das Dach wird zum Dreh- und Angelpunkt der Modernisierung: Es schafft innen und aussen einen neuen adäquaten Eingangs- und Foyerbereich und sorgt für die Adressbildung. Darüber hinaus bildet es den konstruktiven Rahmen für die baulich notwendigen Ertüchtigungen (vgl. «Neu eingebettet») und beinhaltet die Gebäudetechnik. Man darf gespannt sein, ob auch dieses Konzept in 40 Jahren noch seine Gültigkeit haben wird.


Das Hängedach von 1976

Die ursprünglichen Projektverfasser der Sporthallenanlage St. Jakob waren der Architekt Giovanni Panozzo und der Ingenieur Albert Schmidt. Neben den zwei kleineren Hallen für verschiedenste Sportarten erstellten sie auch die Grosse Halle mit einem Spielfeld von 40 × 70 m und 6000 Sitzplätzen für die Zuschauer. Die Halle mit achteckigem Grundriss sollte als reine Sporthalle genutzt werden, vorwiegend für Handballspiele, und ein Dach erhalten, das pragmatisch und kostengünstig vor Kälte, Hitze und Niederschlägen schützt.

Leichtes Tuch

Das Hochbauamt des Kantons Basel-Stadt als Bauherrschaft überliess es den Ar­chitekten und Ingenieuren, eine geeig­ne­te Dachkonstruktion zu entwickeln. So entstand das markante Hängedach aus nur 7.5 cm starkem Leichtbeton, das sich wie ein leichtes Tuch 90 m weit und mit einem Durchhang von 6 m über die stützenlose Halle spannt. Darin sind zwischen zwei Bewehrungsnetzen alle 30 cm ½-Zoll-Litzenkabel verlegt. Diese Monolitzen liegen in einem Blechhüllrohr und sind injiziert. Die anfallende Seilzugkraft nimmt ein bis auf 60 cm verdickter Dachkranz aus Spannbeton auf. Dieser ist monolithisch mit den alle 5 m angeordneten, vorgespannten Bindern der abgewinkelten Tribünen und den Seitenwänden verbunden.

Das «Tuch» des Hängedachs besteht aus Leca-Leichtbeton. Er weist ein geringes Raumgewicht von 1.70 bis 1.75 t/m3 auf. Das Gesamtgewicht des Dachs einschliesslich Dampfsperre, 3 cm dickem Kork und einer Kunststofffolie beträgt deshalb nur 150 kg/m2 (1.5 kN/m2). Leicht­betone schwinden und kriechen im All­gemeinen etwas stärker als Betone ohne gewichteinsparende Zuschläge. Um das Abschwinden zu ermöglichen, liessen die Ingenieure längs in der Hallenmitte eine Dilata­tionsfuge anordnen, die im Dach aus einem 1.8 m hohen, als Klammer respek­tive Feder ausgebildeten Träger besteht. Er wirkt bei antimetrischen Belastungen auch aussteifend und begrenzt Schwingungen; oben auf dem Träger angeordnete Federgelenke verhindern, dass sich die beiden Dachhälften übereinander verwerfen. Dennoch bewegt sich das Dach merklich: Aus der Temperaturdifferenz von ±20 °C senkt und hebt sich das Dach um bis zu ±5 cm. Die Ausschläge aus den extremsten Nutzlastfällen betragen sogar +40 cm bzw. –28 cm. In Querrichtung weist das Dach ein Gefälle von rund 1.5 % auf, damit das Regenwasser abfliessen kann.

Ausführung mit Feingefühl

Die St. Jakobshalle wurde in einer Bauzeit von fünf Jahren von 1971 bis 1976 etappen­weise erstellt. Der Ausführung des Hänge­dachs schenkten die Planenden besondere Beachtung. Der Beton wurde zunächst streifenweise in einer Stärke von 10 cm auf einem 10 m breiten, fahrbaren Schalgerüst auf die ganze Spannweite eingebracht und mittels Plattenvibrator auf rund 7.5 cm Stärke verdichtet. Mit einer Vibrationslatte zog man ihn anschlies­send auf seine genaue Dicke ab. Danach streute man eine hauchdünne Schicht aus Feinsand und Zement auf die nasse Oberfläche und rieb das Gemisch mit einer Talo­schier­maschine ein, um eine geschlos­sene und glatte Oberfläche zu erhalten. Drei Tage nach dem Betonieren eines 10 m breiten Streifens wurde vorgespannt: die Dachkabel knapp für das Eigengewicht und die Binderkabel so, dass der Dachkranz sich möglichst nicht verformte (formgetreue Vorspannung). Diese erste Vorspannstufe sorgte dafür, dass sich das Dach nach dem Ausschalen praktisch nicht bewegte. Um Überbeanspruchungen während des Spannens zu vermeiden, musste die Vorspannung nach einem detaillierten Spannprogramm in kleinen Schritten abwechslungsweise auf Binder und Dach aufgebracht werden. Im Anschluss senkte man die Schalung ab, verschob sie um 10 m und hob sie wiederum in die nächste Betonierstellung an.

Punktuelle Verstärkung

Nach 20 Betriebsjahren stellte man bei Bauwerkskontrollen fest, dass punktuell Betonschäden und teilweise mangel­hafte Injektionen der Dachspannkabel auftraten. Ausserdem hatten sich die Nutzung und damit die Anforderung an die Hallen erweitert. Diverse Shows und Konzertveranstaltungen erforderten schwere Aufhängungen am Dach, die Akustik musste verbessert und die Infrastruktur erneuert werden. 1992 erfuhr die St. Jakobshalle deshalb eine erste Instandsetzung und Erweiterung. Das Dach wurde unten mit T-förmigen Stahlbändern im Abstand von 5 m verstärkt, die um die Binderköpfe verankert wurden. Damit erhöhte sich das statische Tragvermögen, und an einzelnen Punkten konnten die Veranstalter fortan jeweils 1.5 t Lasten aufhängen. Seither sind die Nutzungsanforderungen allerdings weiter gestiegen. Um für Veranstalter attraktiv zu bleiben, musste die Halle nochmals aufgewertet werden.

Deshalb schrieb die Bauherrschaft 2012 einen Projektwettbewerb zur erneuten In­standsetzung und Modernisierung der St. Jakobshalle aus. Künftig werden so­gar Sattelschlepper auf der einen Seite in die Halle hineinfahren und auf der an­deren ab- oder aufgeladen wieder he­rausfahren können.
(Clementine Hegner-van Rooden)

Literatur

  • «Sporthalle St. Jakob in Basel», SBZ 1974, Band 92, Heft 51/52, S. 19.
  • Wendelin Schmidt, Gesellschaft für Ingenieurbaukunst (Hg.), «Ernst und Albert Schmidt, Ingenieure – Pioniere des Brückenbaus», 1. Auflage 2014, gebunden, 300 S., 403 Duplex- und Schwarz-Weiss-Abbildungen, Pläne, Skizzen und Grafiken, 30 × 24 cm, ISBN 978-3-906027-59-3

Am Umbau Beteiligte


Bauherrschaft
Kanton Basel-Stadt
 

Architektur
Degelo Architekten / Berrel Berrel Kräutler, Basel
 

Tragwerksplanung
Schnetzer Puskas Ingenieure, Basel
 

Tragwerk Bestand
Schmidt + Partner, Basel
 

Elektroplanung
Hefti Hess Martignoni, Basel
 

HLK-Planung
Waldhauser + Hermann, Münchenstein
 

Sanitärplanung
Schmutz + Partner, Basel
 

Brandschutz
Prof. Dr. Mario Fontana, Zürich
 

Brandschutzexperte VKF (Simulationen)
AFC Air Flow Consulting, Münchenstein
 

Gastroplanung
Roth Gastroprojekte, Brugg
 

Signaletik
Berrel Gschwind, Basel

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