Mö­bel, Ma­te­ri­al, Ma­gie: Mila­no De­sign Week 2026

Mailand verwandelte sich im April erneut in das Mekka für Design: Von historischen Palazzi und modernistischen Villen über experimentelle Möbel bis zu hochglänzenden Objekten zeigte die Design Week, wie Tradition, Innovation und internationale Talente in inspirierenden Dialog treten.

Publikationsdatum
27-04-2026

Lange Schlangen bildeten sich am ersten Tag der Milano Design Week vor der Villa Pestarini, einem lange Zeit unzugänglichen Bau des Architekten und Designers Franco Albini. Glücklich, wer rechtzeitig ein Ticket ergattert hatte – bereits am Eröffnungstag waren sie ausverkauft. Die Villa ist die einzige von Albini in Mailand entworfene Privatresidenz und gilt als Schlüsselwerk des italienischen Rationalismus.

Franco Albini neu inszeniert

Mit ihrer Glasbaustein-Fassade diente sie als einer der beiden Schauplätze der Gruppenausstellung Alcova, neben dem ehemaligen Militärkrankenhaus in Baggio – ein veritabler Coup der Ausstellungsmacher. Bereits 1939, kurz nach Fertigstellung, widmete die von Gio Ponti geleitete Zeitschrift Domus dem Haus eine ausführliche Reportage. «Beim Betrachten dieser Bilder können die Leser das Gefühl haben, an einem Kurs über modernste Innenarchitektur teilzunehmen», schrieb Ponti damals. 

Mehr als achtzig Jahre später scheint genau diese Idee erneut auf: «Albini in Present Tense», kuratiert von Patricia Urquiola in Zusammenarbeit mit Haworth und Cassina, inszeniert die Villa im Rahmen von Alcova 2026 eindrucksvoll neu. Albinis Prinzip der relationalen Transparenz prägt den Entwurf bis heute: Der offene Grundriss ist nicht nur moderne Geste, sondern schafft Beziehungen zwischen Raum, Licht und Objekten, die sich klar gegliedert wieder zu eigenständigen Einheiten verdichten. 

Nichts ist isoliert, alles steht im Dialog. In diesem erweiterten Wohnraum fanden auch die von Cassina gemeinsam mit der Fondazione Franco Albini neu aufgelegten Möbel ihren Platz – darunter ein bislang unveröffentlichter Sessel von 1947 sowie mehrere Sondereditionen.

Junge Designer treffen Modernismus

Ergänzt wurde die Inszenierung durch Positionen junger Designer. Die in New York lebende griechische Architektin Kiki Goti zeigte eine in Zusammenarbeit mit Marble Sachanas und Saridis of Athens entstandene Möbel- und Leuchtenkollektion aus Marmor. «Ich wollte diesem strengen Arbeitsraum mit meiner Interpretation des griechischen Erbes eine weibliche Energie geben», so Goti. Im Badezimmer trafen Besucher auf keramische und hölzerne Skulpturen von Elisa Uberti – poetische Arbeiten, die die Langsamkeit des Handwerks feiern, vom Keramikspiegel bis zum kleinen Schränkchen mit Geheimfach.

Es sind Entdeckungen wie diese, die den Reiz der Milano Design Week ausmachen, die am vergangenen Sonntag zu Ende ging – und davon gab es in diesem Jahr viele. Erneut behauptete sich die bewährte Doppelstruktur aus der Möbelmesse Salone del Mobile Milano auf dem Gelände in Rho Fiera und dem Fuorisalone, einem funkelnden Netzwerk von über 1000 Veranstaltungen in der ganzen Stadt. Rund 316’000 Designliebhaber:innen aus aller Welt – und damit rund 4.5 Prozent mehr als im Vorjahr - strömten in die Messehallen der wohl bedeutendsten Möbelmesse überhaupt, auf den Fuori-Events waren es gar rund 400’00 Besucher:innen.

Neues Messeformat für Sammlerdesign

Sein Debüt feierte in den Messehallen das Format Salone Raritas, das sich künftig Unikaten und limitierten Editionen widmen soll. Mit dieser kuratorischen Plattform für Sammlerdesign schlägt der Salone del Mobile erstmals eine Brücke zwischen Sondereditionen, Antiquitäten, hochwertigem Kunsthandwerk und dem professionellen Designmarkt. 

Zum Auftakt präsentierten rund 30 Galerien ihre Positionen in einer luftigen Inszenierung des Studios Formafantasma, darunter auch der Mailänder Platzhirsch Nilufar. Das Design-Duo Draga & Aurel zeigte gemeinsam mit Salviati das Projekt «Affinity in Light», das mit Materialexperimenten die Beziehung zwischen Glas und Licht auslotet. Ob sich das neue Format etabliert, bleibt abzuwarten – derzeit wirkt es noch etwas beliebig.

Runde Formen treffen auf eine neue Kantigkeit

Ein Rundgang durch Messehallen und Fuorisalone zeigte schnell, wohin sich die Gestaltung in diesem Jahr bewegt: Chrom, Glas und satte Lackoberflächen prägten das Bild, dazu eine Farbpalette zwischen Orange-, Grün- und Auberginetönen, punktuell aufgehellt durch Pastell. 

Weich gepolsterte, fast «fluffige» Sitzmöbel bleiben präsent – doch zum Hygge-Eskapismus gesellt sich neuerdings eine kantigere, teils von den 1980er-Jahren inspirierte Formensprache. Wie diese Kombination funktioniert, zeigte das vielbesuchte Muuto-Apartment in Brera: Das voluminöse Sofa «Coltre» von Studiopepe traf auf die skulpturale «Dream View Bench» aus gebürstetem Stahl von Lise Vester. 

Klare Kanten setzte auch Patricia Urquiola mit der «Lepid»-Kollektion für Kartell, deren hochglanzlackierte Möbel aus recyclierten Holzfaserplatten mit Kontrasten und Farbprofilen spielen. Die Standgestaltung war prototypisch für zahlreiche Herstellerauftritte auf dem Messegelände: Schlicht und luftig als Raum-in-Raum-Abfolge angelegt, wurde jeweils ein einzelnes Objekt zusammen mit einem Gemälde inszeniert – fast wie ein Kunstwerk.

Möbel in Hochglanzoptik 

Hochglanzlackierte Möbel feiern ihr Comeback: Die grossen italienischen Marken wie Cassina, Tacchini und Molteni Marken setzen auf glänzende Oberflächen bei Tischen, Stühlen und Sideboards. Auch die amerikanische Designerin Kelly Wearstler wählte für eine neue Garderobenkollektion diesen Look und bringt damit ihre opulente Handschrift aus Luxusinterieurs in ein breiteres Umfeld. Ihre Zusammenarbeit mit dem schwedischen Modeunternehmen H&M macht High-End-Design einem grösseren Publikum zugänglich. 

Glanz hält nun auch bei Sitzmöbeln Einzug: Bei Cassina inszenierte Patricia Urquiola mit dem Polstersofasystem «Ardys» grosse Softness. Grosszügige Volumen, glänzende Bezüge und tiefe Nähte erzeugen einen markanten grafischen Rhythmus, während die Module flexibel verschoben, getrennt oder kombiniert werden können, um sich jederzeit an den Raum anzupassen. 

Auch das britische Studio Raw Edges setzt auf weiche Formen: Für die Louis Vuitton entstand der Sessel «Stella», der im verspiegelten Grand Foyer des Palazzo Serbelloni seine Facetten zeigt. Bunter zweifarbiger Stretchstoff und Schaumstoffpolsterungen unterschiedlicher Dichte formen eine spektakuläre, kinetische Skulptur, die die Wahrnehmung herausfordert.

Schimmerndes Glas

Nach dem glänzenden Fokus auf Polstermöbel rückte auch in diesem Jahr das Material selbst in den Vordergrund: Schon im vergangenen Jahr dominierten Möbel, Leuchten und Accessoires aus Glas den Salone – ein Trend, der sich fortsetzt. Bei Glas Italia etwa stachen die niedrigen Tische «Glacier» von Patricia Urquiola ins Auge: Platten aus transparentem, farbigem Glas, durchzogen von unregelmässigen Strukturen, die an Gletscherschichten erinnern. Sie scheinen auf ihrer Unterkonstruktion zu ruhen und zugleich zu schmelzen – ein bewusst irritierendes Erscheinungsbild. 

Auch Cassina setzt auf Glas: Der zartgelbe «Fluid Joinery Side Table» knüpft formal daran an. Unter dem Titel «Fluid Re-Collection» zeigte die junge Designerin Freya Tangelder ihre Arbeiten im Mailänder Concept Store 10 Corso Como.

Re-Editionen spielten eine wichtige Rolle. Im Showroom von Richard Lampert feierte der «Z.Stuhl» (1971) von Ernst Moeckl sein Comeback – in Mimosengelb inszeniert und behutsam an heutige Proportionen angepasst sowie in einer von den Seventies inspirierten Farbpalette angepasst. Er wurde seinerzeit sowohl im Osten wie auch im Westen Deutschlands produziert wurde. 

Das Label Prostoria wiederum präsentierte mit «Revisiting Richter» eine rund zwanzigteilige Kollektion, die das Werk des kroatischen Architekten Vjenceslav Richter neu interpretiert. Als prägende Figur der Moderne in Zagreb lange unterschätzt, wird sein Erbe hier durch intensive Archivarbeit in zeitgenössisches Design übersetzt.

Holz bleibt ein zentrales Material im zeitgenössischen Design. Das japanische Label Koyori präsentierte eine Kollektion, die japanisches hochstehendes Handwerk mit internationalem Design verbindet. Ronan Bouroullecs «Ichirin Chair» zeigt, wie minimalistische Formen durch präzise Proportionen Komfort und Präsenz vereinen, während sein Stuhl «Abaco» für B&B Italia Gleichgewicht und Konstruktion transparent macht – butterweiches Cognacleder verschmilzt hier elegant mit der Holzstruktur. In einer Zeit, in der viele Produkte dazu neigen, ihre konstruktive Logik zu verbergen, entscheidet sich Ronan Bouroullec, diese lesbar zu machen.

Schweizer Talente im Rampenlicht

Die Schweiz war in mehreren Ausstellungen vertreten. In der vielbeachteten Schau Deoron, die in einer 800 m² grossen Industriehalle über 50 internationale Positionen versammelte, zeigte die Westschweizer Designerin Laure Gremion ihre Vasen «Verso», die sich je nach Ausrichtung für üppige Sträusse oder einzelne Blumen eignen. 

Sechs junge Schweizer Talente präsentierten sich zudem in «Shared Matter», kuratiert von Pro Helvetia – ein neues Format, das auf die bisherigen «House of Switzerland Milano»-Auftritte folgt und kollaborative Designpraktiken in den Fokus rückt. Gezeigt wurden Projekte, die in internationalen Kooperationen entstanden sind, etwa iiodes zirkulär gedachte LED-Leuchte «Re27».

Eine Überraschung präsentierte Ikea mit «Food for Thought» im Spazio Maiocchi: Essen wird hier zum Projekt und gemeinsamen Erlebnis, gleichzeitig wurden erstmals drei Produkte der neuen Ikea PS-Kollektion vorgestellt – darunter ein grüner, aufblasbarer Sessel. 

Designer Mikael Axelsson greift das Konzept luftgefüllter Ikea-Möbel der 1990er-Jahre wieder auf: Ein Metallrahmen umschliesst einen aufblasbaren «Ballon», separate Luftkammern sorgen für Komfort und kompakte Transportfähigkeit. Die auffällige grüne Polsterung unterstreicht den verspielten Charakter, und mit einem Preis von 129 Euro zeigt der Sessel, dass gutes Design nicht teuer sein muss. 

Die Milano Design Week wächst weiter – mit ihr die Dichte, die Inszenierung, die Reize. Gleichzeitig zeichnet sich ein Gegenpol ab: Viele Ausstellungen und Entwürfe setzen auf Reduktion, Klarheit und Konzentration. Gerade im Kontrast zur Überfülle entfaltet diese Haltung ihre Stärke – als leiser, aber prägnanter Kommentar zur Gegenwart des Designs.

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