Mehr als Wa­schen

Die Gemeinschaftswaschküche ist ein blinder Fleck auf der architektonischen Landkarte: In Mehrfamilienhäusern gehört sie zum gängigen Raumprogramm, wurde aber bisher meist ungestaltet im Keller versorgt. Zwei Beispiele aus München und Basel zeigen, wie aus dem architek­tonischen Stiefkind ein Mehrwert für ein Haus werden kann. 

Publikationsdatum
17-04-2026
Tina Cieslik
Head of Multimedia | espazium digital lab; Korrespondentin Architektur/Innenarchitektur TEC21

Genossenschaftssiedlung San Riemo, München

Einen extrovertierten Ansatz verfolgte das Leipziger Architekturbüro Summacumfemmer zusammen mit Juliane Greb (Gent, BE) bei der Waschküche der 2020 fertiggestellten Genossenschaftssiedlung San Riemo in München. Die Überbauung war das erste Projekt der 2015 gegründeten Kooperative Grossstadt. Die Kooperative entstand als Reaktion auf den notorischen Wohnungsmangel in München, der Name des Pionierprojekts, San Riemo, spielt auf den Standort in der Messestadt Riem an. Der Stadtteil ist in den letzten 20 Jahren auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Riem am östlichen Rand der Stadt entstanden. 

Für die Realisierung des Baus schrieb die Kooperative 2017 einen europaweiten offenen Wettbewerb aus, zur Ausführung kam aus finanziellen Gründen das zweitplatzierte Projekt der Arbeitsgemeinschaft der Büros Summacumfemmer aus Leipzig und Juliane Greb aus Gent. In einem aufwendigen partizipativen Prozess entstand dabei das Projekt des «atmenden Hauses», also eines Gebäudes, das sich niederschwellig an sich verändernde Lebensumstände und Bedürfnisse seiner rund 100 Bewohnerinnen und Bewohner anpassen lässt. Die Struktur soll das Schrumpfen und Wachsen von Wohnungen innerhalb des Hauses mit wenig technischem Aufwand und geringen Kosten erlauben.

Möglich macht das die robuste Grundstruktur eines Betonskeletts mit einem Raster aus meist 3.75 m × 3.75 m grossen, quadratischen Feldern – gross genug für ein Wohnzimmer, klein genug für ein Schlaf- oder Kinderzimmer. Die 14 m² grossen Zimmer sind entlang der beiden Längsseiten des rund 43 m langen fünfgeschossigen Riegels angeordnet, die Mittelfelder nehmen Treppenhäuser, Bäder und Küchen auf. Die Erschliessung der Einheiten erfolgt analog jeweils durch die Küche. 

Alle Räume existieren auf nicht-hierarchische Weise nebeneinander, Leichtbauwände erlauben ein flexibles Zuschalten oder Trennen von Räumen. Auf diese Weise beherbergt das Haus nun 27 Wohnungen sowie Gemeinschafts- und Gewerbeflächen in unterschiedlichsten Wohnformen – Apartments, zusammenschaltbare Familienwohnungen, Gross-WGs und auch ganz normale Wohnungen. Eine therapeutische Wohngemeinschaft mit zehn Plätzen und einer Stiftung zur Förderung benachteiligter Jugendlicher im ersten Obergeschoss ergänzt die Mischung aus Mieterinnen und Mietern.

Selbstbewusste Inszenierung

Fixe Installationen wie etwa ein Anschluss für die Waschmaschine wären bei so viel Flexibilität kontraproduktiv gewesen. Herzstück und Visitenkarte des Baus ist daher die 4 m hohe Eingangshalle. Sie erstreckt sich wie eine innere Strasse entlang der zum Garten gewandten Haushälfte über fast die gesamte Länge und ist Erschliessung, Waschsalon, Cafeteria, Bibliothek, Werkstatt und Veranstaltungsort zugleich. Raumhohe Stahlregale bieten jede Menge Stauraum, in der unteren Ebene sind ganz selbstverständlich auch die Waschmaschinen untergebracht. Kanariengelbe Vorhänge zonieren den Gemeinschaftsraum, in dem sich Bewohnerinnen und Besucher nicht nur beim Nachhausekommen, sondern auch zum Kochen und Waschen treffen.

Die Auslagerung des Waschens aus dem privaten in den öffentlichen Bereich des Hauses und die gemeinsame Nutzung der Infrastruktur – für Deutschland eher ungewöhnlich – ist bei diesem innovativen Pionier eine logische Konsequenz. Die selbstbewusste Inszenierung des Raums hingegen bedeutet auch eine Aufwertung der nach wie vor wenig geschätzten Hausarbeit an sich.

➔ Mehr zur Geschichte des gemeinschaftlichen Waschens lesen Sie hier: Küche, Salon, Partyraum

Studierendenhaus Erlenmatt, Basel

Mit ähnlichem Konzept, aber in einer ganz anderen Umsetzung präsentiert sich das Waschcafé im Studierendenhaus Erlenmatt in Basel. Der Bau ist Teil des neuen Erlenmatt-Quartiers im Basler Norden. Das einst geschlossene Areal der Deutschen Bahn grenzt an die Bahnlinie nach Deutschland, den Güterbahnhof, die Autobahnen A2 und A3 und die vielbefahrene Schwarzwaldallee. Das 19 ha grosse Gelände wurde ab 2007 vom Kanton Basel-Stadt städtebaulich entwickelt, den Teil Erlenmatt Ost erwarb die Stiftung Habitat. Sie plante für die zwölf Baufelder in zwei Reihen gemischtes, sozial verträgliches Wohnen, im Westen angrenzend an den 5.7 ha grossen Erlenmattpark. 

Die Bauten an der lärmbelasteten Ostseite spiegeln die schwierige Lage wider. Zur Strasse hin präsentieren sie sich geschlossen, nach Westen, zum internen Siedlungsraum hin, öffnen sich die Fassaden. Eine weitere Reihe von genossenschaftlichen Wohnungsbauten bildet dort das Gegenüber. Für die östliche Reihe sah der Bebauungsplan ein durchgehendes 5.6 m hohes Sockelgeschoss vor. Hier sollte Gewerbe einziehen – ein Plan, der bisher nur bedingt aufging. 

Die Planung der einzelnen Baufelder wurde mittels Studienaufträgen vergeben, das Baufeld neben dem ehemaligen Getreidesilo konnten sich 2013 Duplex Architekten aus Zürich sichern. Als Nutzung sah die Stiftung Habitat hier ein Studierendenhaus vor.

Hof löst Lärmproblem

Die Architektinnen und Architekten reagierten auf die schwierige Lage mit einem Hofhaus und ausgeklügelten Grundrissen. Inspiriert von tiefen, über einen Innenhof erschlossenen Häusern, wie man sie etwa in Lateinamerika findet, schufen sie innerhalb des Baus zwei Riegel mit Wohneinheiten: zweigeschossige Vier- und Sechszimmerwohnungen auf der lärmbelasteten Ostseite, die zum Innenhof hin lüften können; Siebenzimmerwohnungen auf der siedlungszugewandten Seite sowie Einzimmerwohnungen, die direkt an den genossenschaftlichen Hof grenzen. 

In der Nutzung unterscheiden sich beide Konzepte deutlich: Die einzelnen Zimmer der Siebenzimmerwohnung werden möbliert vermietet, hier gibt es häufiger Wechsel und insgesamt eine grössere Anonymität. Die doppelgeschossigen Wohnungen auf der Ostseite sind von Wohngemeinschaften belegt, deren Bewohnerinnen und Bewohner länger bleiben und sich stärker mit dem Haus und der Gemeinschaft identifizieren. Um das Zusammenleben der 99 Mieterinnen und Mieter besser gestalten zu können, wünschte sich die Studierendenschaft bereits in der Planung einen Gemeinschaftsraum – einen Ort ohne Konsumzwang, um sich zu treffen und auszutauschen.

Wenig überraschend liess das enge Budget für das Studierendenhaus eine zusätzliche Fläche dafür nicht zu. Doch die Architektinnen und Architekten erkannten das Potenzial des Gebäudes: Zum einen gestaltete sich die Vermietung des überhohen Sockelgeschosses eher harzig, zum anderen wünschten sie sich, dass die Nutzung der Obergeschosse als Studierendenhaus auch nach aussen ausstrahlte: Voilà, die Idee des Waschcafés im Erdgeschoss war geboren.

Das Nötige mit dem Angenehmen verbinden

Die Gemeinschaftswaschküche belegt nun einen Teil des Erdgeschosses an der Westfassade, mit ebenerdigem Zugang zum Genossenschaftshof. Auffällig ist seine sorgfältige Gestaltung: Sichtbeton kontrastiert mit gefliesten Wänden, geschwungene Holzbänke laden zum Verweilen ein, Hängeleuchten können einzelne Bereiche situativ erhellen. Im südlichen Teil des Raums ist ein Bereich für die Wäschetrocknung reserviert. 

Mit einem Flaschenzug kann die feuchte Wäsche unter die Decke gezogen und die Fläche darunter ebenfalls zum Trocknen genutzt werden – die Reduktion auf nur zwei Tumbler ist auch finanziell nachhaltig. Dass die Planerinnen und Planer neben dem Raum für das Waschen auch die Fläche für das Wäschetrocknen mitgedacht und bewusst gestaltet haben, ist ein positives Alleinstellungsmerkmal des Projekts. 

Nicht zufällig erinnert die Gestaltung an andere Durchgangs- und Warteräume: Bei den weissen Fliesen handelt es sich um die originalen «Subway Tiles», die in den New Yorker U-Bahn-Stationen verlegt werden. Sie sind robust, pflegeleicht und ihr facettierter Rand reflektiert das Licht. Die ergonomisch geformten, hölzernen Sitzgelegenheiten erinnern an jene Warte­bänke, wie man sie aus Stationen des öffentlichen Verkehrs kennt. 

Flexible Möbel, wie ein grosser Tisch auf Rollen, ergänzen das Interieur. Man kann sich gut vorstellen, hier ein Buffet aufzubauen, die raumhohen Fenster zum Park zu öffnen und das Warten auf die Wäsche mit einem Apéro mit den Nachbarn zu verbinden. 

Genossenschaftssiedlung San Riemo, München

 

Bauherrschaft
Kooperative Grossstadt


Architektur
ARGE Summacumfemmer, Leipzig, mit Juliane Greb, Gent 


Vergabe/Objektüberwachung
SRW Plan. Architekten, München


Tragkonstruktion
Lieb Obermüller + Partner Beratende Ingenieure, München


Freiraumplanung
BL9 Landschaftsarchitekten Part, München


HLKSE-Planung
Energieagentur Berghamer und Penzkofer, Moosburg a. d. Isar


Bauphysik
Müller-BBM, Planegg, München


Brandschutz
HSB Ingenieure, Burghausen


Mobilitätskonzept
stattbau, München


Sicherheits- und Gesundheitsschutzkoordination
Ingenieurbüro Baur, München


Fertigstellung
2020

 

Studierendenhaus Erlenmatt, Basel

 

Bauherrschaft
Stiftung Habitat, Basel


Architektur
Duplex Architekten, Zürich


Bauleitung und Baumanagement
Fischer Jundt Architekten, Basel


Tragkonstruktion
dsp Ingenieure, Uster


Bauphysik / Akustik
bakus Bauphysik & Akustik, Zürich


HLK-Planung
Beag Engineering, Winterthur


Sanitärplanung
Friedrich Haustechnik, Schlieren


Elektroplanung
Bühler & Scherler, St. Gallen


Brandschutz
Visiotec Technical Consulting, Allschwil


Nachhaltigkeitsplanung
Durable, Zürich


Fertigstellung
2019

 

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