Kü­che, Sa­lon, Par­ty­raum

Lange war das Waschen harte körperliche Arbeit, die gemeinschaftlich verrichtet wurde. Erst in den letzten Generationen führten technischer Fortschritt und steigender Wohlstand zu einer Verlagerung in immer kleinere, privatere Rahmen. In jüngster Zeit zeigt sich indes ein neuer Trend zum Waschen als gesellschaftliches Ereignis – unter veränderten architektonischen Vorzeichen.

Publikationsdatum
17-04-2026
Judit Solt
Fachjournalistin BR, Chefredaktorin espazium magazin

Wer je in einem Mehrfamilienhaus in der Schweiz gelebt hat, weiss viel über die Waschküche als Ort der sozialen Disziplinierung zu berichten. Zahllose Anekdoten ranken sich um Hausdrachen, die die Waschgepflogenheiten der Parteien überwachen, erzählen von wohlwollenden Begegnungen und eskalierenden Konflikten im Trocknungsraum oder zeugen vom nachbarschaftlichen Rat an berufstätige Frauen, ihre Arbeit aufzugeben, damit sie anständig – also wochentags – waschen können. 

Nicht zufällig wählte Hugo Loetscher den Titel «Der Waschküchenschlüssel» für seine amüsant-entlarvende Geschichtensammlung über die Schweiz. Die gemeinschaftliche Waschküche helvetischer Ausprägung ist im europäischen Kontext eine Ausnahme; eine Eigenheit, die viel über das gesellschaftliche Gefüge des Landes verrät. Insbesondere für Zugezogene erweist sie sich als Herausforderung und für die Ratgeberblogs von Expat-Communities als unerschöpfliches Thema. 

Historisch betrachtet ist diese scheinbar unerschütterliche Institution allerdings ein junges Phänomen. Und der Wandel schreitet fort: Seit einigen Jahren werden Funktion und gesellschaftlicher Stellenwert der Waschküche vermehrt neu interpretiert, und ihre architektonische Ausformulierung differenziert sich. Zwar reflektiert der Raum, in dem wir waschen, weiterhin bestimmte Vorstellungen über unser Zusammenleben; doch mit der Individualisierung und Diversifizierung unserer Gesellschaft ist auch dieses Abbild vielfältiger geworden. 

Ein Blick in die Entwicklungsgeschichte dieses oft unterschätzten Raums ist deshalb aufschlussreich: Woher kommt die Waschküche als architektonischer Typus, und in welche Richtung entwickelt sie sich aktuell?

Sozial und räumlich prägend

Jahrtausende lang kam die Menschheit ohne Waschküche aus. In Europa erfolgte die Reinigung der Textilien nach einem Prozess, der auf die Antike zurückgeht und der sich mancherorts fast unverändert bis in die frühe Moderne erhalten hat: Die Wäsche wurde eingeweicht, in Kesseln gekocht, mit Waschmitteln versetzt und mit mechanischen Hilfsmitteln wie Bleueln, Waschbrettern und Bürsten traktiert; auch das Auswinden geschah mühselig von Hand. Mangels privater Wasserleitungen fand das Ausspülen am Dorfbach, am Brunnen oder in offenen, überdachten Waschhäusern statt. Weisse Wäsche bleichte man in der Sonne aus; die «Bleiche», eine besonders gepflegte Wiese, prägt bis heute Flur- und Strassennamen. 

Die Arbeit war hart und gefährlich. In fast jeder Familie berichten alte Menschen von früh verstorbenen Verwandten, die im Kleinkindalter in den Zuber fielen. Für die Hausfrauen, in deren Tätigkeitsbereich das Waschen gehörte, bedeutete der Waschtag einen zermürbenden Kraftakt, den sie entsprechend selten auf sich nahmen. Nach Möglichkeit taten sie es gemeinsam: Das kollektive Waschen war nicht nur eine Plackerei, sondern auch ein willkommenes Treffen. 

Und dieses fand – als eines von wenigen rein weiblichen gesellschaftlichen Ereignissen – im öffentlichen Raum statt: Brunnen, Bach und Bleiche waren Orte der Zusammenarbeit und des Austauschs unter Frauen, ob Hausfrau, Magd oder professionelle Wäscherin, und prägten die Struktur der Siedlungen.

Das Waschen hinterliess sowohl städtebaulich als auch sprachlich deutliche Spuren im kollektiven Bewusstsein. Seine gesellschaftliche Relevanz bezeugen unzählige Redewendungen: von der schmutzigen Wäsche, die man nicht öffentlich waschen soll, bis hin zur allseits gefürchteten Geschwätzigkeit des von Haus zu Haus gehenden Waschweibs, das ebendiese schmutzige Wäsche in die Hände bekam – und mit ihr genug Einblicke in die Privatsphäre ihrer respektablen Kundschaft, um deren guten Ruf ein für allemal zu ruinieren.

Vom Stadtraum ins Privathaus

Geschlossene Waschhäuser und Waschküchen etablierten sich erst im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Zwar musste das Wasser weiterhin in Kesseln aufgekocht werden – daher der Name –, doch Innovationen erleichterten die mechanische Bearbeitung der Textilien: Neuartige Wäschestampfer kamen auf den Markt, gefolgt von handbetriebenen Waschmaschinen mit Kurbeln, Hebeln, Trommeln und fest montierten Walzen für das Auswringen der Wäsche. 

Diese Effizienzsteigerung und die Verbreitung des privaten Wasseranschlusses ermöglichten es, die Waschküche in die Wohnhäuser zu integrieren. Damit rückte sie in den Fokus der damaligen Architekturavantgarde. Die rationale Organisation der Arbeitsabläufe führte zu optimierten Grundrissen, etwa bei den Reihenhäusern von Pieter Oud in der Stuttgarter Weissenhofsiedlung 1927: Separate Eingänge für Wohn- und Wirtschaftsräume minimierten die Erschliessungsfläche im Erdgeschoss, die nasse Wäsche gelangte mit einem Aufzug in den darüber liegenden Trockenraum.

Funktionalismus und Vereinzelung

Diese funktionalistische, platzsparende, auf eine Person zugeschnittene Waschküche gründet im gleichen Streben nach Effizienz wie die Perfektionierung der Laborküche, etwa durch Margarete Schütte-­Lihotzky in Frankfurt. Auch die Folgen waren gleich. Die neuen Grundrisstypen sparten Wege und erleichterten den Arbeitsalltag der Frauen – eine Erleichterung jedoch, die eine soziale Isolation von Hausfrauen nach sich zog und bei berufstätigen Frauen dazu beitrug, die Doppelbelastung durch Haus- und Erwerbsarbeit zu zementieren. Selbst die in Schweizer Mehrfamilienhäusern übliche Waschküche war nur in Bezug auf ihre Finanzierung gemeinschaftlich: Genutzt wurde sie nicht gemeinsam, sondern reihum.

Diesem Trend zu Individualisierung und Privatisierung stand von Anfang an die Idee des gemeinschaftlichen Wohnens gegenüber. Die frühe Moderne erfand rationale Gebäudetypologien, um Hausarbeiten zu zentralisieren. Ein Beispiel ist das 1935 vom Architekten Sven Markelius und der Soziologin Alva Myrdal errichtete Kollektivhaus John Ericsonsgaten in Stockholm: Die Wäsche erfolgte ebenso wie die Lieferung von Speisen, die Kinderbetreuung und die Reinigung über einen zentralen Service. 

Einen ähnlich kollektivistischen Ansatz verfolgten auch die ersten Kibbuze, die Kommunen der 1960er- und 1970er-Jahre und, in deutlich abgemilderter Form, zeitgenössische Apartmenthäuser mit Concierge-Service oder Mehrfamilienhäuser mit Cluster-Wohnungen. Doch auch diese Modelle blieben vereinzelte Alternativen zur gesellschaftlichen Norm. 

In den 1990er-Jahren begann schliesslich eine weitere Individualisierungsetappe: Im europäischen Vergleich verzögert, aber immer öfter begann man auch in der Schweiz, Wohnungen mit kleineren, leiseren, meist mit einem Tumbler kombinierten Haushaltswaschmaschinen auszustatten, womit der Rückzug des Waschens ins Private vorerst besiegelt schien.

Moderne Waschsalons

Einer eigenen Entwicklungslinie folgt der Waschsalon. Die erste vollautomatische Waschmaschine für Privathaushalte wurde 1946 in den USA vorgestellt und verbreitete sich allmählich auch in Europa, zusammen mit modernen Vollwaschmitteln. Doch die neuen Produkte waren teuer; es dauerte Jahrzehnte, bis sie das manuelle Schrubben und Bürsten flächendeckend ersetzten und die Bottiche, Zuber und Trommeln als Blumentröge und Nostalgie-Deko in die Vorgärten wanderten. 

Bis dahin konnte, wer die neue Technologie nutzen wollte, auf eine moderne Art des öffentlichen Waschens zurückgreifen: Ab den 1960er-Jahren ermöglichten Waschsalons die kollektive Nutzung von vollautomatischen Waschmaschinen. Diese zeitgenössische Variante des Dorfbrunnens, oft mit Sesseln und Zeitschriften für die Wartezeit ausgestattet, blieb bis heute erhalten und dient regelmässig als stimmungsvoller Schauplatz in Film, Literatur und darstellender Kunst.

Parallel zu den ersten Waschsalons kam auch das tageweise Verleihen von Waschmaschinen an Haushalte auf. Dieses Vorgehen ist in ärmeren Ländern bis heute üblich und, in Form von Gemeinschaftswaschküchen, auch in der Schweiz weiterhin präsent – ein Konzept, das im Zusammenhang mit Suffizienz und Sharing Economy eine neue Relevanz erhält. 

Der Verzicht auf standardmässig eingebaute private Waschtürme wäre ganz im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung. Die Ersparnis an Energie und grauem CO₂ dürfte zwar gering ausfallen, da die intensivere Nutzung der Maschinen deren Lebensdauer verkürzt; doch in den Wohnungen liessen sich Quadratmeter gewinnen.

Neue Raumtypen für das Waschen

Tatsächlich findet zurzeit ein Revival des kollektiven Waschens statt. Doch es erfolgt nicht – oder nicht nur – im Hinblick auf einen haushälterischen Umgang mit Ressourcen. In vielen Neubauten entstehen Waschküchen nicht anstelle von privaten Waschtürmen, sondern als zusätzliches Angebot. Unübersehbar ist dabei auch der Trend zu einer Aufwertung des einst stiefmütterlich behandelten Raums. Falls sich die Waschküche im Keller befindet, erhält sie Oberlichter und neue Blickbezüge. Immer öfter jedoch liegt sie im Erdgeschoss, in oberen Etagen oder auf dem Dach, wo sie grosse Öffnungen zur Aussicht oder zu einem gemeinschaftlichen Freiraum hat. 

Dieser Aussenbezug wertet die Waschküche nicht nur gestalterisch auf, er hat auch zur Folge, dass der jahrzehntelang verborgene Raum erstmals wieder sichtbar wird. Zudem eröffnet sich die Möglichkeit, den Mehrwert von Lage und Aufenthaltsqualität auch anderweitig zu nutzen. Architekturbüros experimentieren mit Waschküchen, die auch als Partyraum, Social Hub, Begegnungsort oder Lounge taugen und in denen sich die Maschinen nach Bedarf umfunktionieren lassen: In Reihe stehend, dienen sie als Theke oder Raumteiler, durch grossflächige Stapelung verfremdet, wirken sie wie Kunstinstallationen.

Hausarbeit als gesellschaftlicher Indikator

Damit hat die Waschküche, ähnlich wie die Küche, in den letzten hundert Jahren einen bemerkenswerten typologischen Parcours hingelegt: vom nüchternen, kollektiven Arbeitsraum über die funktionalistische Einzelzelle bis hin zum gemeinschaftlichen Wohlfühlort. Das erstaunt nicht: Der Wandel beider Arbeitsstätten ist das Abbild desselben gesellschaftlichen Wandels. Auch das gegenwärtige Upgrade erfolgt in beiden Fällen parallel zu zwei aktuellen gesellschaftlichen Strömungen. 

Die erste Strömung ist die Erweiterung des Nutzerkreises – konkret: das Aufweichen der traditionellen Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern und die daraus folgende Öffnung von Räumen, die bis dahin ausschliesslich Frauen betreten hatten, auch für Männer. In der Küche fällt dies zumindest zeitlich mit einer klaren Aufwertung zusammen, nicht nur in Bezug auf die Grösse und Orientierung des Raums, sondern auch bei der Ausstattung: Im gehobenen Segment erobern vermehrt Elemente aus professionellen Gastro- und Showküchen – Kochinseln, Weinschränke, japanische Messer – private Wohnküchen.

Die zweite Strömung lässt sich als Begleiterscheinung der fortschreitenden Individualisierung lesen, als Wunsch nach zwischenmenschlicher Nähe und gemeinsamen, sinnstiftenden Tätigkeiten in einem Raum, der Begegnungen ermöglicht. Allerdings zeigt sich hier ein grundlegender Unterschied zu den historischen, den öffentlichen Raum prägenden kollektiven Wascheinrichtungen: So einladend und offen die neusten gemeinschaftlichen Waschküchen auch erscheinen, letztlich bleiben sie private Salons, die nur einem begrenzten Personenkreis Zutritt gewähren. 

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