«Es muss nicht für al­les ei­ne tech­ni­sche Lö­sung ge­ben»

Interview mit Lone Feifer, Direktorin Nachhaltigkeit und Architektur bei Velux

Der Tätigkeitsbereich von VELUX ist schon im Namen angelegt – VE für Ventilation, LUX für Licht. Nachhaltigkeitsdirektorin Lone Feifer verrät die Gewichtung der beiden Themen innerhalb des Unternehmens und woran aktuell geforscht wird.

Publikationsdatum
22-10-2020
Tina Cieslik
Redaktorin TEC21 / Architektur und Innenarchitektur

TEC21: Sie sind Direktorin für Nachhaltigkeit und Architektur bei Velux. Was genau ist Ihre Aufgabe?

Lone Feifer: Ich würde meine Arbeit gerne mit einem Spruch illustrieren: Es gibt einen Riss in allem, durch den das Licht hineinscheint. Mein Aufgabe ist es einerseits, diese Öffnung so zu gestalten, dass das Licht zu Velux gelangt, andererseits, dass das von uns geschaffene Wissen über Tageslicht nach aussen dringen kann.
Als Architektin weiss ich viel über das Bauen, daher beschäftige ich mich auch damit, wie unsere Produkte innerhalb von Gebäuden funktionieren. Ich arbeite nicht direkt im Produktdesign, sondern damit, woher das Produkt kommt, mit seiner Nachhaltigkeit, aber auch mit seiner Wirkung.
Ein Schlüssel unserer Arbeit ist für mich, dass wir versuchen, möglich viele jener Bedingungen zu erfüllen, für die wir eigentlich geschaffen wurden, als wir einst in der afrikanischen Savanne lebten. Damals waren wir dem Tageslicht und der frischen Luft ausgesetzt, aber heute verbringen wir unsere Zeit in Gebäuden.
 

TEC21: Wie unterstützen Sie Architekten und Planerinnen dabei, das Tageslicht besser in ihre Projekte zu integrieren?

Lone Feifer: Wir versuchen, auf verschiedene Weise mit Tageslicht zu arbeiten – einerseits mit seinen quantifizierbaren, andererseits mit seinen qualitativen Eigenschaften.
In der Schweiz sind wir an verschiedenen Orten aktiv. Zum einen bieten wir den Workshop «Re-think Daylight» an. Daneben führen wir Tageslichtsymposien auf Deutsch und Französisch durch. Alle zwei Jahre veranstaltet die Velux-Gruppe zudem eine internationale Tageslichtkonferenz.Tageslicht spricht die Sinne an. Wenn Sie als Architektin mit dem Gestaltungsmittel «Tageslicht» arbeiten, ist es wichtig, dass sie die entsprechenden Werkzeuge verfügbar haben. Das möchten wir beispielsweise mit dem «Heliodon» innerhalb des «Re-think Daylight»-Workshops zeigen.
Darüber hinaus haben wir eine Software entwickelt, mit dem wir Tageslicht simulieren können. Tageslicht kann sehr unterschiedlich sein, je nachdem, wo Sie sich befinden oder wie der Himmel beschaffen ist. Und der Einfall durch die Fenster wird von Gebäude zu Gebäude variieren, immer abhängig davon, was Sie als Architektin erreichen wollen. Auf dieser Grundlage haben wir gemeinsam mit Fachleuten und durch Simulationen den Daylight Visualizer entwickelt. Darin können Sie Ihr 3D-Modell importieren und es bestimmten klimatischen Bedingungen und Standorten aussetzen. Sie können das Gebäude auch programmieren, ihm dynamische Fähigkeiten wie Beschattung oder Sonnenschutz verleihen. Und Sie sind in der Lage, den Tages- und Jahresverlauf zu studieren. Das Tool gibt es gratis auf der Webseite von Velux zum Download. Das ist eine Möglichkeit, das Tageslicht zu professionalisieren.

TEC21: Velux ist vor allem für Fensterlösungen bekannt. Im Zuge des energieeffizienten Bauens wurden die Fenster in ihrer Funktion reduziert und die kontrollierte Lüftung hat den Luftaustausch übernommen. Wie positioniert sich Velux hier – Tageslicht vor Frischluft?

Lone Feifer: Wir produzieren und verkaufen Fenster, und natürlich ist das Tageslicht ein sehr starker Teil unserer Firmen-DNA. Unser Gründer sagte einst, wir seien Tageslicht–Ingenieure. Das sind wir in der Tat, und so verstehen wir uns auch. Darüber hinaus hat das Fenster aber auch eine Belüftungsfunktion, die ebenso wichtig ist. Man könnte also sagen: Wir sind Tageslicht-Ingenieure und Lüftungs-Architekten.
Pro Tag veratmen wir etwa 12'000 Liter. Die Luftqualität, die man einatmet, ist extrem wichtig. Als Architekt oder Ingenieurin tragen Sie eine grosse Verantwortung für den Entwurf von Gebäuden, die für die Menschen, die sie nutzen werden, gesund sind. Deshalb richten wir uns nach drei Prinzipien: Energieeffizienz und Umweltverträglichkeit sind ohnehin selbstverständlich, bei uns kommt noch dazu, wie gesund das Gebäude für seine Nutzer ist. Wie lässt sich die Belüftung nutzen, wie ist die Luftqualität? Kann man die Fenster öffnen? Ist es einfach, sich ans Fenster zu stellen und die Verbindung nach draussen zu geniessen? Diese Ideen haben wir unter dem Namen «Aktivhaus-Prinzipien» zusammengefasst und in den letzten 15 Jahren in 22 Ländern in mehr als 30 Demonstrationsgebäuden getestet.


TEC21: Velux führt auch eigene Forschungen durch. Wo liegt der Schwerpunkt in Bezug auf das Tageslicht?

Lone Feifer: Der eigentliche Eigentümer der Velux-Gruppe sind diverse Stiftungen. 90% unserer Einnahmen fliessen in die Stiftungen, die sie wiederum für philantropische Zwecke nutzen. In diesem Zusammenhang möchte ich ein Beispiel an der EPFL erwähnen. Hier hat die Velux-Stiftung ein Stipendium über sechs Jahre gewährt, um die neurowissenschaftlichen Erkenntnisse der gesundheitlichen Vorteile von Tageslicht zu untersuchen und herauszufinden, wie sich diese Vorteile in den architektonischen Prozess integrieren lassen.
Zudem haben wir auch ein Forschungs- und Entwicklungszentrum innerhalb der Velux-Gruppe, wo wir uns auf Tageslicht und Energie im Innenraumklima konzentrieren. Das ist ein Kompetenzzentrum innerhalb der Unternehmensgruppe, seine Erkenntnisse werden in all den Ländern, in denen Velux vertreten ist, genutzt. Wir sind stolz auf unsere Forschung und arbeiten auch auf täglicher Basis damit.
Neben der Forschung interessiert uns aber auch, wie man die Ergebnisse in die Praxis umsetzt. Hier möchten wir mit Architekten, Ingenieuren, aber auch mit Studenten zusammenarbeiten. Wir verleihen einen Studenten-Preis, der sich auf das Tageslicht konzentriert – es ist wichtig, Tageslicht als Teil des Entwurfswerkzeugs in der Ausbildung kennenzulernen. Und dabei das traditionelle Wissen zu nutzen. Ein Beispiel: Bevor das Penizillin erfunden wurde, gab es in den Krankenhäusern grosse Fenster, damit die Patienten den bestmöglichen Nutzen aus den positiven Eigenschaften der Sonne ziehen konnten. Vielleicht muss es nicht für alles eine technische Lösung geben. Wir sollten in der Lage sein, Gebäude zu entwerfen, die dieses Wissen berücksichtigen und das  verfügbare Tageslicht als kostenlose Ressource nutzen.

Das für Juni 2020 geplante Tageslicht-Symposium musste wegen der Covid-19-Pandemie leider auf den 17. Juni 2021 verschoben werden. Doch das Thema soll nicht warten: Deshalb nutzen wir die Zeit, um mit Fachleuten unterschiedlicher Disziplinen zu sprechen, und publizieren die (Video-) Interviews in einer kurzen Reihe.

 

Bereits erschienen:


Nr. 1: «Tageslichtplanung ist interdisziplinär»
Prof. Björn Schrader, Leiter der Themenplattform licht@hslu, Hochschule Luzern – Technik & Architektur

 

Nr. 2: «Es geht um die Ganzheitlichkeit des Bauens»
Daniel Tschudy, Geschäftsführer Schweizer Licht Gesellschaft SLG

 

Nr. 3: «Tageslicht zu erleben ist ein Menschenrecht»
Andrea Rüedi, Solararchitekt und Baubiologe, Chur

 

Die Videos realisierte der Lausanner Architekt und Filmemacher Michael Hartwell.

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