«Die Kern­stadt muss von der S-Bahn durch­blu­tet wer­den»

Braucht es das Herzstück Basel? Die geplante unterirdische S-Bahn-Verbindung zwischen den Bahnhöfen SBB und Badischer Bahnhof wird in einer Auftragsstudie kritisiert. Pierre de Meuron ist ein Befürworter dieses Projekts. Wir haben ihn am Rand der Swissbau getroffen – ein Plädoyer für das Herzstück.

Publikationsdatum
06-02-2020

TEC21: Herr de Meuron, Sie engagieren sich sehr für die trinationale S-Bahn. Es gibt aber auch Stimmen, die deren Nutzen in Frage stellen: Man könne mit oberirdischen Busverbindungen viel Geld und einige Reiseminuten sparen, das Herzstück sei daher überflüssig. Was halten sie von diesem Argument?

Pierre de Meuron: Das ist eine rein funktionalistische Betrachtung, die zu kurz greift. Eine Verkehrsverbindung ist mehr als die Erfüllung einer Funktion: Eine Brücke zum Beispiel ist nicht nur eine physische Verbindung zwischen zwei Orten, sondern auch eine symbolische; und sie hat nicht nur verkehrstechnische Auswirkungen, sondern auch mentale, soziale, kulturelle, wirtschaftliche, politische, landschaftliche. Diese Komplexität gilt es auch bei der aktuellen Diskussion zu beachten. Verkehrsplanung ist immer auch Siedlungs- und Raumplanung.

TEC21: Das Herzstück ist ein innerstädtisches Projekt. Welche spezifischen Aspekte gibt es hier?

Pierre de Meuron: Städtebauliche Fragen sind sehr komplex. Ein Teil dieser Fragen betrifft Infrastrukturprojekte, und die wiederum beinhalten nicht nur eine reine verkehrstechnische Dimension. Die Diskussion eines Verkehrsprojekts muss deshalb viele weitere Aspekte berücksichtigen. Letztlich geht es um die Identität der Stadt Basel, des Zentrums einer trinationalen Region, und um die Zukunft der Metropolitanregion Basel. Ich bin nicht für Infrastrukturprojekte à tout prix. Im Gegenteil, es gibt viele Projekte, die ich infrage stelle; namentlich Autobahnausbauten, die meist auf Kosten der Landschaft gehen. Das ist beim Herzstück nicht der Fall; es geht um ein fehlendes Stück in einem bestehenden, noch nicht abgeschlossenen System – der trinationalen S-Bahn. Das Herzstück ist wie der Schlussstein eines Bogens, der die ganze Konstruktion erst tragfähig macht.

TEC21: Wer das Herzstück auf Reiseminuten reduziert, verkennt also seine Tragweite für die Entwicklung der Metropolitanregion Basel?

Pierre de Meuron: Ja, und das ist verheerend. Die trinationale Region Basel wird zwar von politischen Grenzen geteilt, ist aber ein zusammenhängender Wirtschafts- und Lebensraum. Was braucht es, damit diese Grenzregion Basel wirklich zu einer Metropolitanregion Basel zusammenwachsen kann? In erster Linie müssen Grenzen überwunden werden – sowohl physische und politische als auch kulturelle und mentale. In den Tälern der Region Basel gibt es in Frankreich, Deutschland und der Schweiz bereits sieben S-Bahn-Äste, die aber nicht miteinander verbunden sind. Die beiden Bahnhöfe Bahnhof SBB und Badischer Bahnhof, die strukturell Durchgangsbahnhöfe sind, sind S-Bahn-technisch Sackbahnhöfe. Das führt zu aufwendigen und zeitraubenden Manövern. Deshalb braucht es unbedingt ein verbindendes Element. Die Metropolitanregion Basel braucht eine Bahninfrastruktur, die starke, aber eigenständige Regionen hervorbringt und miteinander verbindet. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.

TEC21: Das ist die Perspektive der Regionen rund um die Stadt. Welche Bedeutung hat das Herzstück für die Innenstadt von Basel, das historische Zentrum zwischen Bahnhof SBB und Badischer Bahnhof?

Pierre de Meuron: Die Kernstadt von Basel ist seit jeher das Zentrum der Metropolitanregion, auch benachbarte Städte wie Lörrach oder St. Louis beziehen sich darauf. Die Kernstadt darf nicht links liegen gelassen werden, sondern muss von diesem S-Bahn-System durchblutet werden. Sie muss direkt mit der Region verbunden werden, damit sie nicht verkümmert.

TEC21: Und wenn die direkte S-Bahn-Verbindung zwischen den drei Ländern nicht zustande käme – was wäre das für ein Zeichen für die Metropolitanregion?

Pierre de Meuron: Ein schlechtes! Es muss den drei Eisenbahngesellschaften SBB, DB und SNCF gelingen, der Bevölkerung mit dem Herzstück ein gemeinsames Verkehrsinfrastrukturprojekt zur Verfügung zu stellen. Nicht zu vergessen ist auch der EuroAirport – ein internationaler Flughafen, der bisher nur mit einer Buslinie erschlossen ist: Das ist völlig unzeitgemäss und wird der Bedeutung des Flughafens nicht gerecht. Der öffentliche Verkehr muss auch hier ausgebaut werden, um die Täler der Metropolitanregion direkt anzubinden.

TEC21: Das betrifft aber nicht nur die S-Bahn…

Pierre de Meuron: Das ist richtig, auch der Fern-, Güter- und Tramverkehr gehören dazu, nicht zu vergessen der Langsamverkehr. Man muss den grossen Zusammenhang betrachten – und immer wieder neu evaluieren. Zum Beispiel: Wenn die S-Bahn dereinst das Zentrum erschliesst, können wir uns die Tramführung noch mal anschauen. Dann braucht nicht mehr jede Linie durchs Zentrum zu führen, was wiederum völlig neue Möglichkeiten eröffnet, um die Lebensqualität in der Innenstadt zu steigern.

Mehr zum Herzstück Basel und ein ausführliches Interview zum Thema mit Pierre de Meuron in TEC21 28–29/2017.
 

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