Po­ly­rhyth­mi­sche Fas­sa­de statt stren­ges Ras­ter

Gesamterneuerung Gebäudeensemble Wallstrasse 22 / Bollwerkpromenade 5, Basel

Der Umbau der PTT-Gebäude am Bollwerk in Basel zeigt, wie aus rationaler Verwaltungsarchitektur qualitätsvoller Wohnraum entstehen kann. Die vorhandene Struktur, die hohe Dichte und eine fein abgestimmte Fassade führen zu einer nachhaltigen und überzeugenden Transformation.

Publikationsdatum
18-02-2026

Im Nachgang der Neuorganisation der PTT wurden zahlreiche Liegenschaften des gelben Riesen verkauft. In der Folge wurden etliche prominente Gebäude umgewidmet. Aus der ehemaligen Generaldirektion in Bern wurde 2020 ein Wohngebäude und auch ins ikonische Hochhaus für Forschung und Entwicklung in Ostermundigen werden in diesem Jahr Mieterinnen und Mieter einziehen. In Basel bauten Diener & Diener die Verwaltungsgebäude der Kreistelefondirektion Basel zu einer Wohnanlage um. Denkmalpflegerische Überlegungen spielten in diesem Fall keine Rolle.

Der Erhalt der bestehenden Struktur erwies sich aber nicht bloss wegen der Ökobilanz, sondern aufgrund vieler Faktoren als sinnvoll. Zunächst die Lage: Der Standort am Bollwerk ist zwar durch den benachbarten Verkehrsknoten stark belastet, aber durch seine unmittelbare Nähe zum Hauptbahnhof und zum Stadtzentrum äusserst attraktiv. Die Baustruktur mit einer Gebäudetiefe von 15 m, einer Geschosshöhe von 3 m, einem einfachen Betonskelett mit Flachdecken ohne Brüstungsträger und einer engen, feingliedrigen Pfeilerstellung an der Vorhangfassade erwies sich als flexibel. Eine Erhöhung der Erdbebensicherheit war zwar notwendig, konnte aber durch eine zusätzliche Betonscheibe zwischen den inneren Pfeilern leicht erreicht werden.

Die Anlage, die in zwei Bauetappen 1967 und 1977 durch den Architekten Arnold Gfeller realisiert wurde, nutzt geschickt den Geländesprung zwischen der Elisabethenanlage und dem Birsigtal, um in den Unter- bzw. Sockelgeschossen technische Räume unterzubringen. Diese werden bis heute von der Swisscom genutzt, sodass die Sicherung dieser Zentralen nicht unwesentlich für den Erhalt der Bauten gesprochen haben dürfte. Dazu kommt die Dichte: Weil die Volumetrie einem rechtsgültigen Bebauungsplan von 1950 folgt, war die vorhandene Ausnützung wesentlich höher, als es die Regelbauweise zuliesse.

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Trotzdem war das Ganze ein selbstverständlich wirkendes Stück Stadt. Das lag auch an der sorgfältigen Architektur. Die hautartige Glätte der ursprünglichen Glasfassade war zwar bereits bei einem ersten Umbau verloren gegangen, aber mit ihren ruhigen Bandfassaden, den braunen Glasbrüstungen, dem regelmässigen Fensterraster und der guten Gliederung der Volumen mit geschlossenen, vertikalen Erschliessungskörpern bildeten die Bauten trotzdem einen gut akzeptierten, modernen Abschluss der Altstadt. 

Für den zweiten Blick

Daran konnten Diener & Diener anschliessen. Auf den ersten Blick scheint sich wenig verändert zu haben. Die Glasbrüstungen reagieren nun aufgrund einer Rillenstruktur stärker auf das wechselnde Licht und Wetter. Es handelt sich dabei um Solarpanele, genauso wie bei den annähernd schwarzen Tafeln, die nun die blinden Fronten der Erschliessungskerne bedecken. 

Wichtiger ist, wie die gebänderte Ersatzfassade durch feine Verschiebungen der Raster belebt wird. Die Fugenteilung der Brüstungen und die Teilung der Fenster folgen unterschiedlichen Massen. Manche Fenster, mal einzeln, mal gekoppelt, liegen überdies vertieft und werden durch eine gläserne Brüstungserhöhung ergänzt, die Öffenbarkeit signalisiert.

Stoffmarkisen fassen in eigener Logik jeweils mehrere Fenster zusammen, hinter denen eine enge, regelmässige Reihe von Pfeilern zu sehen ist. Diese gibt einen Grundtakt vor, auf dem die polyrhythmische Komposition aufbaut, frei umspielt vom Faltenwurf der hie und da angebrachten Vorhänge. Dies alles führt zu einer Tiefe und Komplexität der Fassade, in der sich die neue Massstäblichkeit und Nutzung andeuten, obwohl es weder Loggien noch Balkone gibt und die Individualität des Wohnens weitgehend gebannt bleibt. So zeigt sich das Haus als das, was es ist: ein umgebautes Bürohaus. 

Zellen und gemeinschaftliche Räume

Dem entspricht sein Inneres. Die grosszügige Eingangshalle und die Haupttreppe mit Terrazzobelägen atmen den Geist der 1960er-Jahre, die Mittelkorridore erinnern an Hotels oder grossstädtische Apartmenthäuser, die knappen Grundrisse und der solide Innenausbau der Kleinwohnungen entsprechen dem Erwartbaren. Erst auf den zweiten Blick wird deutlich, wie wirkungsvoll die Qualitäten des Vorgefundenen genutzt werden. Die Achsverschiebungen der Fassade ermöglichen optimierte Raumgrössen. Überdies spielen sie die schlanken, dichtstehenden Fassadenstützen frei. 

Deren elegante Sechseckform, die wohl ursprünglich durch die Geometrie der Drehflügel motiviert war, wird auf diese Weise in Szene gesetzt, um dem Panorama Tiefe zu verleihen. Die Fenster lassen sich so aufschieben, dass sich der Wohnraum einer Loggia annähert. Die Brüstungshöhe beträgt bloss 70 cm, sodass ein tiefer Horizont wirkungsvoll die Vertikale der Pfeiler ergänzt. Dass in den grösseren Wohnungen die Verbindung der Räume über Schiebetüren an dieser Fassade erfolgt, versteht sich fast von selbst. 

Zugunsten des Schallschutzes wurde der Bodenaufbau um einen neuen Unterlagsboden ergänzt. Die Treppenhäuser und Decken konnten so bleiben, wie sie waren. Die technische Erschliessung erfolgt über den Mittelkorridor, wo eine heruntergehängte Decke die Installationen ausblendet. Kleine Rampen zur Treppen- und Aufzugshalle leisten die Verbindung zu den Vertikalerschliessungen. Dort mussten zwar die Aufzugskerne ersetzt und die Treppengeländer erhöht werden, die Struktur samt Terrazzoboden blieb aber erhalten.

Als Kompensation für die knappen, meist einseitig orientierten Grundrisse ohne privaten Aussenraum gibt es im niedrigeren der beiden Häuser einen Gemeinschaftsraum mit Zugang zum begrünten Hof, im höheren einen gemeinsamen Dachgarten sowie auf jeder Etage einen Waschsalon, dem ein kleiner Gemeinschaftsraum zugeordnet ist. 

Obwohl bescheiden dimensioniert, ist dieser dank seiner prominenten Lage mit spektakulärem Ausblick ein interessantes Angebot, aus der Vereinzelung in der Kleinwohnung hinauszutreten. Man darf gespannt sein, wie es von der bunt durchmischten Bewohnerschaft angenommen wird. 

Es ist eine Binsenwahrheit, dass es universell gültige Lösungen im Feld des «adaptive Re-use» noch weniger gibt als in der Architektur überhaupt. Auch die Bricolage und das Feiern des Provisorischen kann charmant und sinnvoll sein, indem es Spielraum für Experimente eröffnet. Der Umbau des Basler PTT-Gebäudes in Wohnungen beweist jedoch, dass auch Lösungen mit einer grösseren, auf längere Dauer angelegten Eingriffs­tiefe überzeugend sein können. Indem spezifisch die Qualitäten des anverwandelten Bestands genutzt und weiterentwickelt werden, darf er als exemplarisch gelten.

Gesamterneuerung Gebäudeensemble 
Wallstrasse 22 / Bollwerkpromenade 5, Basel


Vergabeform
Direktauftrag
 

Bauherrschaft
AXA Investment Managers Schweiz AG, Zürich
 

Architektur
Diener & Diener Architekten, Basel
 

Landschaftsarchitektur
Stauffer Rösch Landschaftsarchitektur, Basel
 

Baumanagement, Tragkonstruktion, Bauphysik, Akustik und Brandschutz
Rapp AG, Basel


HLKS-Planung
Eicher + Pauli, Liestal


Elektro-Planung
HKG Engineering, Aarau


Fassadenplanung
Emmer Pfenninger Partner AG, Münchenstein


PV-Planung und Solarfassade
Plan-E AG, Luzern


Grafik/Signaletik
Lengsfeld, designkonzepte GmbH, Basel


Geschossfläche GF (SIA 416)
25 304 m2, davon 8009 m2 oberirdisch


Daten PV-Anlage
2165 m2 (Fassade) > Leistung: 313.5 kWp
89 m2 (Dach) > Leistung: 19.5 kWp
Ertragsprognose: 160 473 kWh

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