Gemischt bebaut auf schmalem Grund
Innerstädtisch verdichten, dabei bestehende Strukturen erhalten und neue sinnvoll ergänzen: Shadi Rahbaran und Ursula Hürzeler haben einen Basler Wohnhof von Unterständen und Scheunen befreit und durch passgenaue Neubauten mehr Wohnraum geschaffen.
Die Baustellenfotos aus der Abrissphase sind beeindruckend: Ein langer und völlig leerer, verwinkelter Innenhof verbindet die Colmarerstrasse und das hinterste, stehengebliebene Gebäude, den früheren Pferdestall. Das baufällige Vorderhaus an der Strasse ist abgerissen, links und rechts des Hofs schotten hohe Brandmauern das Grundstück von der Nachbarschaft ab.
Wo kürzlich noch Gebäudeteile standen, sind nur noch deren Spuren an den Wänden abzulesen. Von der Strasse aus fällt zudem rechter Hand ein tiefer Keller aus Naturstein auf – dieser war überdeckt und musste erst freigelegt werden. «Das war einer der ersten Weinkeller in Basel, wie wir später erfahren haben», erzählt Architektin Shadi Rahbaran beim Rundgang. «Eine Spanierin und ihr Mann haben hier um die Jahrhundertwende gelebt, im Stall ihre Pferde gehalten und im Keller spanische Weine gelagert.»
Heute ist dieses versteckte Untergeschoss ein Ort für Erholung, in dem Kurse stattfinden. Vor dem neu eingebauten, verglasten Studio ist es halbschattig, vom davorliegenden kleinen «Sunken Garden» ranken sich Pflanzen an den alten Bruchsteinmauern in Richtung Himmel. Ihm gegenüber führt eine neue Aussentreppe hinauf ins Erdgeschossniveau und in den Hof.
Breites Wohnangebot
Dieser ist nach Umbau und Sanierung vielfältig, der Asphalt ist einem Garten gewichen, gepflasterte Wege mit kleinen Grünflächen dazwischen verbinden das neue Vorderhaus und den umgebauten Pferdestall. Rahbaran Hürzeler setzten zwei weitere Bauten auf das Grundstück, die das Wohnangebot ergänzen: Vor der nördlichen Wand stehen drei mehrgeschossige Stadthäuser in Reihe, ihnen gegenüber befindet sich ein niedriger Pavillon, der stirnseitig erschlossen wird.
In seinem Inneren lässt sich der durchgehende Hauptraum mithilfe von schweren Vorhängen separieren, sodass zum Beispiel ein abgetrennter Schlafbereich oder, bei der Nutzung als Büro oder Atelier, ein Besprechungsraum entsteht. Direkt beim Eingang befindet sich die Küchenzeile, an die sich die Nasszelle mit Dusche anschliesst.
Die besondere Schlichtheit und präzise Gestaltung lassen den Pavillon wie ein hochwertiges Bijou wirken; das helle Tannenholz von Decke und Wänden passt harmonisch zum ebenso hellen Gussboden. Einen farbigen Akzent setzt die Küchenzeile, die in einem dezenten Taubenblau gehalten ist – ein Farbton, der sich in den Rahmen der tiefliegenden Fenster wiederfindet.
Übergreifendes Materialkonzept
Die hellgraue Holzfassade des Baus, dessen Kanten aussen wie innen abgerundet sind, wählten die Architektinnen auch für die Stadthäuser. Deren Eingänge orientieren sich direkt in den Innenhof; Vordächer und langsam zuwachsende Rankhilfen sorgen für etwas mehr Privatheit. Lediglich für die Wände zwischen den Häusern kam Beton zum Einsatz, ansonsten sind die Gebäude vorfabrizierte Holzbauten.
«Im Erdgeschoss haben wir Schrankmöbel eingeplant, um Garderobe und Aufenthaltsbereich voneinander zu trennen», erläutert Rahbaran. «Rückwärtig gelangt man über Treppen zum Keller und zu den Schlafräumen in den Obergeschossen sowie auf die Dachterrasse.»
Diese ist durchgehend, die Bewohnenden können die einzelnen Segmente jedoch separat gestalten. Das führt zu einer bunten Mischung aus privaten Sitzgelegenheiten und Zonen zwischen dem markanten Holztragwerk des Aufbaus und erhält gleichzeitig die Verbindung über die gesamte Fläche.
Grüner Raum im Entstehen
Auch im Hof wird mit der Gestaltung eine Verbindung zwischen den Bauten gesucht. Dort ist jedoch die Intimität viel weniger gegeben, da trotz schmaler Wege die Erschliessung im Vordergrund steht und die jungen Pflanzungen erst mit den Jahren zu üppigem Grün werden. Inklusive der integrierten Sickermulden belegen sie etwa zwei Drittel des Hofraums und werden den einzelnen Wohneinheiten künftig das Gefühl von gartennahem Wohnen bescheren.
Als Gemeinschaftsfläche hat Landschaftsarchitektin Salome Gohl direkt am Vorderhaus einen Platz freigehalten, den ein grosser Vogelbeerbaum beschattet. Auf den Grünflächen finden sich viele einheimische Stauden und insektenfreundliche Pflanzen.
«Unsere Idee war, dass hier unterschiedliche Arten über das Jahr blühen», erklärt Gohl. «Clematis, Pfeifenwinde und Kletterhortensie werden zudem künftig an den heute noch kargen Brandmauern emporranken.»
Spiel mit Materialien und Durchlässigkeit
Am Ende des Wegs steht der ehemalige Pferdestall, der als einziger Bau strukturell erhaltenswert war und heute ein Atelier zum Wohnen und Arbeiten auf zwei Etagen aufnimmt. Von der Küche im Erdgeschoss gelangt man über eine stählerne rote Wendeltreppe zum darüberliegenden Wohnbereich.
Da nur wenig Raum zur Verfügung steht, sind die Nasszellen klein und die Wegflächen aufs Nötigste reduziert. Eine offene Galerie, die knapp unter das Dach passt, wird ebenfalls über die Treppe erreicht.
Auf wesentlich mehr Wohnfläche hingegen sind die Wohnungen im neuen Vorderhaus ausgelegt. Shadi Rahbaran und Ursula Hürzeler nahmen dafür Bezüge aus der Umgebung hinsichtlich Fassade, Farbigkeit und Höhe auf. Anders ist aber die Bauweise, denn statt eines Massivbaus mit klassischer Lochfassade entwarfen die Architektinnen eine schlanke Betontragstruktur, die fliessende Räume zulässt und mit Leichtbauelementen ergänzt wird. Während der Sockel mit grün glasierten Keramikplatten überzogen ist, verkleidet eine metallene Wellblechfassade die Obergeschosse.
Im Erdgeschoss wird strassenseitig bald eine Zimtbäckerin einziehen; die in Richtung Innenhof orientierten Räume sind bereits an einen Designer vermietet. Darüber schliessen sich drei Geschosse mit Vierzimmerfamilienwohnungen an, zuoberst nehmen die beiden Attikageschosse eine weitere Wohnung auf.
Alle Wohnungen haben hofseitig vor den grossen Glasfenstern einen Aussenplatz – mal Balkon, mal Terrasse. Passend zu den französischen Balkonen auf der Strassenseite, laufen die halbrunden Balkone auf der Hofseite als schmale Streifen vor den Fenstern weiter, auf die die Bewohnenden nun ihre Pflanzen stellen und so zur Begrünung der Fassade beitragen.
Raum für Gemeinschaft
Nicht nur das heterogene Wohnangebot, auch die unterschiedlichen Angebote an privatem und gemeinschaftlichem Grünraum und Wegbeziehungen machen das Gesamtprojekt interessant. Klar ist aber auch, dass es nicht wie ein Genossenschaftsprojekt verortet werden kann, bei dem gemeinsames Gärtnern, Spielen im Hof oder gesellige Anlässe im Mittelpunkt stehen.
Dass die dichte Bebauung und hohe Ausnutzung der Parzelle vor Ort nicht erdrückend wirken, ist dem sensibel ausgewogenen Spiel der Architektinnen und der Landschaftsarchitektin mit Raum, Abstand und Grün zu verdanken. Wenn sich mit den Jahren die Pflanzen allerorts ihren Platz gesucht und die heute noch kargen Wände überzogen haben, wird eine grüne Oase entstanden sein.