Der be­wohn­te Glo­cken­turm

Die Römisch-Katholische Kirche verliert in Basel laufend Mitglieder und muss ihre Kosten senken. Sie denkt darüber nach, Kirchen aufzugeben, sie umzunutzen oder durch Neubauten zu ersetzen. Ein Pilotprojekt dafür ist das neue Kirchenzentrum St. Christophorus in Basel.

Publikationsdatum
05-01-2021

Seit Anfang der 1970er-Jahre sanken die Mitgliederzahlen der Römisch-Katholischen Kirche Basel-Stadt von fast 100'000 Mitgliedern auf heute noch 28'000. Dies führte dazu, dass Betrieb und Unterhalt der zwölf Standorte in Basel in Zukunft nicht mehr aufrechterhalten werden können und die seelsorgerische Betreuung auf wenige Standorte konzentriert werden muss. Einzelne Kirchen sollen umgenutzt oder durch Neubauten ersetzt werden.

Wenn möglich, soll es an jedem Standort auch weiterhin einen Andachtsraum und Räume für gesellschaftliche Anlässe geben. Mit den zusätzlichen Mieteinnahmen will die Römisch-Katholische Kirche die verbleibenden Standorte finanzieren. So wurde die Kirche Don Bosco von Hermann Baur in ein Probe- und Konzertzentrum umgebaut, das vom Kammerorchester Basel, der Basel Sinfonietta, der Mädchenkantorei Basel und den Orchestern der Musik-Akademie genutzt wird.

Quartier der Gegensätze

Das kirchliche Zentrum St. Christophorus befindet sich in einem Quartier voller Gegensätze. Er liegt nah bei den Schweizer Rheinhäfen mit wuchtigen Industriebauten und dem alten Dorfkern von Kleinhüningen. Ursprünglich bestand das Kirchenzentrum aus drei Gebäuden. Die kleine Kirche wurde 1936 gebaut. 1955 kamen das Pfarr- und das Sigristenhaus dazu. In den letzten Jahren wurde bei beiden Gebäuden ein umfassender Sanierungsbedarf festgestellt.

Nach Prüfung verschiedener Szenarien hat die Römisch-Katholische Kirche beschlossen, die bestehenden Gebäude nach dem Motto «Abbruch für einen Aufbruch» durch einen Neubau zu ersetzen. Im neuen Gebäude sollen ein Andachtsraum, ein Saal, Vereinsräume, zwei Kindergärten, Wohnungen für betreutes Wohnen im Alter und weitere kostengünstig vermietbare Wohneinheiten untergebracht werden.

Um Lösungsansätze für diese Aufgabe zu erhalten, wurden 13 Architekturbüros zu einem Projektwettbewerb nach den Grundsätzen der Ordnung SIA 142 eingeladen. Die eingereichten Beiträge ergänzten die bestehende Randbebauung auf unterschiedliche Weise. Die meisten Projekte suchten die Verbindung von Strasse und Hof mit einem Durchgang, einzelne Beiträge unterbrachen die Randbebauung auf ganzer Höhe mit einem Bauwich.

Ort am Weg

Die Jury empfahl den Beitrag von Lorenz Architekten aus Basel einstimmig zur Weiterbearbeitung. Sie verstehen das neue Kirchenzentrum als «Ort am Weg», der die lange Zeile zwischen Dorfkern und Kleinhüningeranlage schliesst. Bei der neuen Tramhaltestelle «Kleinhüningeranlage» soll ein öffentlicher Ort entstehen. Der Mittelteil des neuen Gebäudes weicht von der Baulinie leicht zurück. Er wird auf der rechten Seite von einem hohen Glockenturm als Ausrufezeichen für das Kirchenzentrum im Erdgeschoss flankiert. Durch die Ausweitung des Trottoirs entsteht eine breite Vorzone, die die Zugänge zum öffentlichen Erdgeschoss und zum Hof akzentuiert. Als städtebauliche Referenz diente die 1927 fertiggestellte Antoniuskirche von Karl Moser. Sie ist in eine Randbebauung mit Wohnhäusern eingefügt und weicht wie das Kirchenzentrum St. Christophorus auch leicht von der Fassadenflucht der Nachbarbauten zurück.

Als Referenz für die Materialisierung der Fassade diente das «Bernoullisilo», das sich ganz in der Nähe befindet. Der Stahlbetonbau von Hans Bernoulli von 1923 ist mit Backsteinen umhüllt. Es wird als Getreidesilo und Aussichtsplattform genutzt. Die Strassenfassade des Kirchenzentrums ist mit Klinkersteinen verkleidet, die je nach Lichteinfall zwischen einem dunklen Braun-Rot bis zu hellen, die Sonne reflektierenden Stellen wechselt. Dadurch wirkt sie mal robust, mal fragil. Die Fassade ist vertikal ausgerichtet und virtuos gestaltet. Konkave und konvexe Vor- und Rücksprünge erzeugen ein reiches Licht- und Schattenspiel und geben der Fassade Tiefe und Plastizität.

Von sakral bis profan

Im überhöhten Erdgeschoss befinden sich die öffentlichen Nutzungen. Der Andachtsraum bildet das Herz der ganzen Anlage. Er ist über einen kleinen Vorraum mit dem Mosaik des St. Christophorus am Fuss des Glockenturms zugänglich. Die ursprüngliche Orgel ist eigentlich für die kleine Werktagskapelle zu gross. Mit akustischen Massnahmen in Form von konkaven Wandelementen und einer auf die neuen räumlichen Verhältnisse angepassten Stimmung konnte sie dennoch eingebaut werden.

Der Andachtsraum ist zweigeschossig ausgebildet. Eine hochliegende, umlaufende Verglasung aus Gussglas filtert das Licht von der Strassen- und Hofseite und streut es über die ganze Tiefe der Kapelle. Der sorgfältig gestaltete Raum, der ganz auf sich selbst bezogen ist, vermittelt eine sakrale Stimmung. Mit zwei grossen Flügeltüren lässt er sich mit dem benachbarten Veranstaltungssaal zu einem grosszügigen Raum verbinden. Der Saal ist zum Hof hin ausgerichtet und über das Foyer von der Strasse her zugänglich. Zwei übereinanderliegende Kindergärten ergänzen das Angebot an öffentlichen Räumen im Erdgeschoss.

Über dem Veranstaltungssaal liegen die Alterswohnungen, die durch einen strassenseitigen Laubengang zugänglich sind. In den beiden Seitentrakten befinden sich grössere Mietwohnungen, die jeweils durch ein Treppenhaus erschlossen werden. Im Norden sind es zwei und im Süden drei Wohnungen. Grosszügige Mietwohnungen im Attikageschoss runden das vielfältige Angebot ab.

Ein neuer Stadtbaustein

Lorenz Architekten verwenden für ihr Projekt die Metapher eines «bewohnten Glockenturms». Die unterschiedliche Erschliessung mit Treppenhäusern und Laubengängen erzeugt ein vielfältiges Wohnungsangebot. Zusammen mit den öffentlichen Nutzungen im Erdgeschoss entsteht eine Stadt im Haus. Die scheinbaren Gegensätze von Profanem und Kirchlichem oder Robustheit und Fragilität verschmelzen zu einer Einheit.

Das neue Kirchenzentrum basiert auf einer sorgfältigen Analyse des Quartiers mit seinen vielen Brüchen und Gegensätzen. Die beiden Referenzen Antoniuskirche und «Bernoullisilo» dienen als Inspirationsquelle für die städtebauliche Setzung und die Materialwahl der Hauptfassade. Daraus entwickelt das neue Kirchenzentrum einen eigenständigen Charakter mit Anklängen an expressionistische Klinkerbauten in Hamburg aus den 1920er-Jahren.

Das neue Kirchenzentrum St. Christophorus schliesst zwar die Strassenzeile, setzt aber gleichzeitig einen selbstbewussten Akzent mit einem attraktiven öffentlichen Ort. Mit dieser Stadtreparatur erhält Kleinhüningen einen neuen Ankerpunkt mit vielversprechenden Angeboten für ein lebendiges Quartierleben.

Zum neuen Kirchenzentrum St. Christophorus ist ein Film des Netzwerks frau und sia Regionalgruppe Basel entstanden.

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