Denk­raum für die Pla­nung

Seit der ersten Ausgabe versteht sich TEC21 als Plattform für den interdisziplinären Austausch zwischen Planungsfachleuten. In der heutigen Zeit heisst das, Relevantes aus der täglichen Informationsflut zu bergen, Inhalte kritisch zu prüfen und Diskussionsthemen für eine lebenswerte Zukunft zu setzen.

Publikationsdatum
28-06-2024

Seit 150 Jahren schon erscheint diese ­Zeitschrift – als einzige in der deutschsprachigen Welt, die sich interdisziplinär an alle Fachleute im Bereich der Planung wendet. Sechs Generationen von Planerinnen und Planern folgten aufeinander, Redaktionsteams kamen und gingen, der ­Titel wurde geändert, doch die Kernbotschaft blieb über all die Jahre gleich: Vernetzt euch und lernt voneinander, um gemeinsam die besten Lösungen für die Aufgaben eurer Epoche zu finden, und verbreitet euer Wissen über eure Disziplinen hinaus; wir bieten die publizistische Plattform für diesen Austausch. 

Alte Absichtserklärung, neue Realität

Bereits die allererste Ausgabe, erschienen am 1. Juli 1874, hielt auf der Frontseite fest: «Die neue Zeitung, ‹Die Eisenbahn›, deren erste Nummer hier vorliegt, wird ab 1. Juli dieses Jahres in wöchentlich Einer Nummer erscheinen. Dieses neue Blatt stellt sich vornehmlich zwei Aufgaben: Es will einmal theils in Originalabhandlungen von dazu berufenen Männern, theils in Auszügen aus neuen literarischen Erscheinungen in einer allgemein verständlichen Weise alle jeweiligen Tagesfragen des Eisenbahnwesens erörtern, und dadurch sowohl den Eisenbahnbeamten als den übrigen Kreisen der Bevölkerung das Verständniss für diese Fragen eröffnen.»

Seither folgt Woche für Woche ein neues Heft, über viele Laufmeter reihen sich die leinengebundenen Jahresbände auf den Regalen in unserer Redaktion, und die Frage drängt sich auf: Ist nicht schon alles gesagt? Oder genauer: Eignet sich eine Fachzeitschrift überhaupt noch für den interdisziplinären Austausch zwischen Planungsprofis? Was kann eine solche Publikation heutzutage bieten, was andere – digitale Medien oder künstliche Intelligenz – nicht schneller und umfassender zu leisten vermögen?

Fortschritt als Gemeinschaftswerk

Wie grundlegend sich die Welt in den letzten 150 Jahren verändert hat, ist aus heutiger Sicht kaum noch vorstellbar. Als die Vorgängerzeitschrift von «TEC21 – Schweizerische Bauzeitung» gegründet wurde, waren Dampfloko­motiven eine Neuheit; in der Schweiz lebten gerade einmal 2.7 Millionen Menschen, es gab weder Autos noch Motorflugzeuge, kein Kunststoff und kein Telefon, weder Kernkraftwerke noch Solartechnologie, kein Penicillin und kein Frauenstimmrecht; die Post wurde in Pferdekutschen befördert, ländliche Kantone wehrten sich gegen den Bau von Eisenbahnen, die Leibeigenschaft in Russland und die Sklaverei in den USA waren erst seit Kurzem abgeschafft, bis zum Stapellauf der Titanic sollten noch 37 Jahre vergehen und auch das Grauen der beiden Weltkriege stand noch bevor. Doch es gibt auch Dinge, die in all den Jahren konstant ­geblieben sind. Dazu gehört sowohl der Erfindungsgeist der Berufsleute, die unsere gebaute und gewachsene Umwelt gestalten, als auch ihr Bedürfnis nach fachlichem Austausch. Bereits die Pioniere des 19. Jahrhunderts hatten erkannt, dass nachhaltige Entwicklung in einer dicht bevölkerten, hoch technisierten Welt nur als breit abgestütztes Gemeinschaftsprojekt gelingen kann. Daran hat sich nichts geändert. Im Gegenteil: Seit 1874 ist sowohl die Weltbevölkerung als auch die Technologisierung exponentiell gewachsen – und mit ihnen die Bedrohung durch Kriege und ökologische Katastrophen im planetaren Massstab.

Relevantes geht unter

Angesichts dieser bedrohlichen Szenarien sind die Herausforderungen der Planung komplexer, drängender, existenzieller geworden. Um sie anzupacken, braucht es mehr denn je Fantasie, Kompetenz und Mut. Und mehr denn je müssen sich die Planerinnen und Planer darauf verlassen können, dass sie ihre Entscheidungen auf fundierte Erkenntnisse und gesichertes Wissen abstützen.

Letzteres klingt banal, ist in der heutigen Zeit aber alles andere als selbstverständlich. In der Flut von rasch konsumierbarem Content, der online zirkuliert und von verantwortungslosen Medien weiterverbreitet wird, gehen relevante Inhalte unter. Ob es sich um Mutmassungen inkompetenter Akteure handelt oder – schlimmer – um professionell produzierte, kalkuliert in Umlauf gebrachte Fake News: Der Fokus auf wichtige Themen fällt immer schwerer.

Umso wichtiger ist, dass Fachmedien ihre Rolle als Kuratoren des Diskurses ernst nehmen und ihr Handwerk beherrschen. Konkret heisst das: Relevantes identifizieren, Themen setzen, vor Ort recherchieren, gründlich überprüfen, kritisch hinterfragen und verständlich vermitteln.

Medien in der Krise

Das ist in den letzten zwei Dekaden nicht einfacher geworden. Die Presselandschaft wird umgepflügt und auch wir werden dabei nicht verschont. Vorbei die Zeiten, als sich etablierte Printmedien auf stabile Einnahmen aus Inseraten und Abonnements verlassen konnten.

Auf dem Werbemarkt hat sich die Konkurrenz durch Gratiszeitungen, Newsportale, soziale Medien und Online-Dienste drastisch verschärft. Gleichzeitig verändern sich die Lesegewohnheiten; die Bereitschaft, journalistische Leistungen zu honorieren, nimmt ab. Die Einnahmen der Medienhäuser sinken just in dem Moment, in dem wichtige Investitionen im Online-­Bereich anfallen. Hinzu kommt, dass bereits die nächste revolutionäre Entwicklung im Gange ist: Die Nutzung verschiedener KI-Tools ermöglicht vielerorts erstaunliche Steigerungen der Produktivität und erschüttert das Rollenverständnis gestandener Journalistinnen und Journalisten.

Tafelsilber der Fachmedien

Dieser rabiate Strukturwandel hat auch viel Gutes. Er birgt zwar Ungewissheiten und Nöte – doch was er in aller Deutlichkeit hervorhebt, ist der Wert seriöser, unabhängiger, inhaltlich kuratierter Publikationen. 

Klassische Fachzeitschriften tun deshalb gut daran, sich auf ihren ursprünglichen Zweck zurückzubesinnen: Weil Informationen online ohnehin schneller verfügbar sind, können sie die Jagd nach Tagesaktualität sein lassen und sich wieder vermehrt dem widmen, was den Leserinnen und Lesern in der Berufswelt am meisten nützt – der praxistauglichen Aufbereitung von Inhalten und der kritischen Reflexion. 

Und wenn jeder und jede irgendwo auf der Welt fähig ist, mittels künstlicher Intelligenz plausibel klingende, aber kaum verifizierbare Beiträge zu allen möglichen Themen in allen möglichen Sprachen zu produzieren, wird echte Glaubwürdigkeit noch wichtiger. Das Vertrauen in ein lokal verwurzeltes, kompetentes Redaktionsteam gewinnt an Bedeutung. Aus Fachkompetenz, klaren Haltungen und persönlicher Präsenz erwachsene Verbindlichkeit ist das Tafelsilber der Fachmedien.

Zurück in die Zukunft

In diesem Sinne nutzen wir das 150-Jahr-Jubiläum, um uns auf unsere zentralen Werte zu besinnen – und nach vorn zu schauen: Tagesaktuelle Informationen und Services für die tägliche Berufspraxis der Planerinnen und Planer veröffentlichen wir auf unserem Online-Portal espazium.ch. Ebenfalls online pflegen wir E-Dossiers zu wichtigen Themen, digitale Nachschlagewerke, die wir laufend mit Beiträgen in Text, Ton und Bild ergänzen. Die Zeitschrift TEC21 – Schweizerische Bauzeitung wiederum fokussiert auf die Diskussion wichtiger Projekte und ausgewählter Themen, die wir für die nahe Zukunft der Planerinnen und Planer als relevant erachten. Diese Rollenklärung ermöglicht es uns, den historischen Erscheinungsrhythmus etwas zu dämpfen: Das Heft erscheint nicht mehr durchgehend im Wochenrhythmus, sondern in der Regel zweiwöchentlich, was uns und unserer Leserschaft mehr Ruhe für kritische Reflexion erlaubt. 

Nicht zuletzt heisst das auch, dass wir uns zunehmend von der Einweg-Kommunikation lösen und mit unseren Leserinnen und Lesern ins Gespräch kommen. Wir erproben, nutzen und entwickeln neue Medien und Formate, um den Diskurs in Zukunft noch offener, direkter, lebendiger und umfassender zu gestalten; wir veranstalten Führungen, Vortragsabende, Diskussionen und Foren. 

Diese Gesprächspraxis intensivieren wir übrigens auch intern: Indem wir mit unseren Kolleginnen und Kollegen von TRACÉS, ARCHI und espazium.ch vermehrt in thematischen Newsrooms zusammenarbeiten, verlassen wir regelmässig die komfortablen Strukturen der jeweiligen Redaktion – und verfeinern unsere Diskussionskultur in allen Landessprachen. All das ist zuweilen herausfordernd, aber immer höchst lehrreich. Und darauf freuen wir uns!

TEC21
Auflage: 12 487
Ausgaben pro Jahr: 26
1. Ausgabe: 1874

 

TRACÉS
Auflage: 4421
Ausgaben pro Jahr: 11
1. Ausgabe: 1875

 

Archi
Auflage: 3157
Ausgaben pro Jahr: 6
1. Ausgabe: 1910

 

espazium.ch
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