Das Opern-Pro­vi­so­ri­um in Genf – ein In­stru­ment aus Holz

Temporäre Kulturstätte

Das Grand Théâtre in Genf wird derzeit einer Bauerneuerung unterzogen. Man suchte eine Ausweichstätte – und fand sie in Paris in Form eines Theaterprovisoriums aus Holz. Es wurde zerlegt, transportiert und vergrössert in Genf wieder aufgebaut.

Publikationsdatum
08-09-2016
Revision
08-09-2016

Zwei Jahre wird die Bau­erneuerung des Stammhauses Grand Théâtre im Stadtzentrum von Genf dauern. Für zwei volle Spielsaisons also muss auf ein Provisorium ausgewichen werden. Die Option, ein eigenes Provisorium neu zu erstellen, wurde verworfen – denn die Wiederverwendung eines Holzbaus aus Paris erwies sich als kostengünstiger. Dort hatte seit Anfang 2012 im Hof der Gärten des Palais Royal das «Théâtre éphé­mère» gestanden.

Bis März 2013 diente es als Spielstätte für 420 Aufführungen der Comédie-­Française, deren Salle Richelieu derweil ­renoviert wurde. Das Behelfstheater in Paris bot 750 Plätze, für Genf wurde eine Vergrös­serung um 360 Sitze gebaut; auch ein neuer Orchestergraben und Künstlergarderoben waren notwendig. Dafür ist das ­Volumen nun um 8 m verbreitert und um 12 m verlängert. 

Aus dem Palais Royal

Mit 70 Tiefladerfahrten wurden die rund 1000 m3 Holz von Paris in die Calvinstadt transportiert. In Paris ruhte das Provisorium auf massiven Fundamenten. Aus zeitlichen Gründen und weil dies günstiger zu stehen kam, wurde in Genf darauf ­verzichtet. Um das Fundament zu bilden, wurden 300 Tannenstämme ins Erdreich gerammt.

Kauf, Abbau, Transport und Aufbau des Holz­theaters inklusive die Erweiterung um 360 Plätze und den Bau des Orchestergrabens verursachten Kosten von 11.5 Mio. Franken. Etwa zwei Drittel der Kosten wurden von privaten ­Sponsoren abgedeckt. So wurden etwa Patenschaften von 2000 bis 5000 Franken für die einzelnen Sitze ausgeschrieben. Ein öffentlicher Fonds des Genfer kantonalen Gemeindeverbands garantiert für das letzte Drittel. 

Modulbauweise auf Zeit

Mit seinen nunmehr 1110 Plätzen verfügt das wegen der Nähe zum UNO-Sitz «Opéra des Nations» genannte Provisorium über eine beachtliche Kapazität. Im Orchestergraben finden bis zu 70 Musiker und Musikerinnen Platz. Das Bühnenportal ist 7.5 m hoch und 14.7 m breit. Der Bau selber misst im Grundriss 35 × 75 m und ist 16.5 m hoch. 

Bedingung für die Errichtung der Opéra des Nations im Parc Rigot war, dass sie nach zweieinhalb Jahren komplett, ohne Spuren zu hinterlassen, wieder abzubauen ist. Dies ist dank der Modulbauweise und der ausschliesslichen Verwendung von Holz inklusive der Fundamente gegeben.

Am 15. Februar 2016 wurde mit der Premiere von Georg Friedrich Händels «Alcina» das Provisorium Opéra des Nations in Genf eröffnet – eine Zauberoper und ein Barockspektakel, das bestens zur intimen Atmo­sphäre dieses Theaters auf Zeit passt, das den Spiel­stätten aus Holz des 16. und 17. Jahrhunderts nachempfunden ist.