Area­le ur­ba­ner Trans­for­ma­ti­on in Ba­sel

Mittagsführungen der Stiftung «Architektur Dialoge»

Urbane Erkundung, die eine andere Perspektive auf den Stadtraum werfen: Die Mittagsführungen sind eines von mehreren Veranstaltungsformaten, mit denen die Stiftung Architektur Dialoge in Basel den öffentlichen Dialog über Baukultur fördert und das Bewusstsein der Bevölkerung für gebaute Lebenswelt im Wandel schärft. Die Führungen fanden Mitte Oktober anlässlich der trinationalen «Architekturtage / Les Journées de l’architecture» statt.

Publikationsdatum
23-10-2017
Revision
27-11-2017

Das Motto der diesjährigen Architekturtage «Die Stadt ändern. Das Leben ändern» bot den Organisatoren der Mittagsführungen eine Steilvorlage, markante Zonen urbanen Umbaus des Basler Stadtraum als Treffpunkte informativen Austauschs über das Kommende und seine Folgen für das Alltagsleben auszuwählen.

Uferstrasse 40 lautet die Adresse des Orts, an dem sich rund 150 Personen zur ersten Führung einfanden. Dieser Platz am Rheinufer mit Blick auf den gegenüberliegenden Novartis-Campus entpuppt sich als Brache des einstigen Migrol-Areals. Auf dieser Steinwüste entstand das Zwischennutzungsprojekt «Holzpark Klybeck – Raum für Anderes», der vielseitigen kreativen Aktivitäten Freiraum bietet. Seit 2014 wurden auf dem Gelände Kleinbauten im DIY-Stil erstellt: eine Bar, eine Bühne, ein Giebelhäuschen, ein Palettenbau, es gibt Container mit Ateliers und einen Musikpavillon.      

Als Redner der Führung durch den «Holzpark» gewann Architektur Dialoge den emeritierten Soziologieprofessor der Universität Basel, Ueli Mäder. Er meinte, dass wir hier gleichsam auf einer Vulkaninsel stünden, wenn man sich das Konfliktpotential vergegenwärtige, das dieses Areal zwischen Industriehafen und dem Klybeck-Wohnviertel birgt und eruptiv aufwirft. Seit 2010 das niederländische Architekturbüro MVRDV eine Zukunftsvision einer mit Hochhäusern bebauten Insel vorstellte und Proteste gegen «Rheinhattan» wachrief, kommt dieses Filetstück anvisierter Basler Stadterweiterung in der Tat nicht zur Ruhe.  

Ueli Mäder wirbt dafür, die Prozessdynamik urbaner Transformation bewusster wahrzunehmen. Er rät, in Plandiskussionen, in denen Probleme hochkochen, nicht stets der Frage «Was nützt mir am meisten?» Priorität zu geben. Vehement betont dann auch Katja Reichenstein, Moderatorin des Zwischennutzungsprojekts, den allgemeinen, kollektiven Nutzen, den das Holzpark-Areal für die Basler Bevölkerung bringt.  

Nicht nur informieren wollen die Mittagsführungen, sondern zum Nachfragen motivieren. «Habt ihr Zwischennutzer eigentlich Einfluss auf das, was die Stadt Basel am Rheinufer plant?», lautet eine der Fragen aus dem Publikum. «Uns wird Einfluss suggeriert», antwortet Katja Reichenstein knapp. Ein Teilnehmer ruft in die Runde, 50 Jahre nach 1968 brauche es wieder Utopien. Aber realisiert der Holzpark Utopien? Schon eher erfüllt das Projekt das Bedürfnis vieler Stadteinwohner nach vergnüglichen Freizeit- und Kreativangeboten im alternativen Stil. Zu viel Spass stört aber die unmittelbaren Nachbarn des Holzpark-Areals, die Bewohner der Wagenburg. Sie fordern von den Holzpark-Akteuren mehr Engagement gegen die geplante Aufwertung der Rheininsel. Die Mittagsführung beweist es, der Vulkan schläft nicht.

Ortswechsel 

Die zweite Mittagsführung findet auf der anderen Rheinseite vor dem kühl wirkenden Kubus des Neubaus Biozentrum Basel (Ilg Santer Architekten) statt. Auch hier versammeln sich über hundert Neugierige, um den Ankerpunkt der baulichen Transformation des Areals Schällemätteli zum «Campus Life Sciences» zu erkunden. Eine Besichtigung des für 2019 zur Eröffnung vorgesehen Biozentrums ist derzeit nicht möglich. Vermutlich deshalb, weil der zeitliche Druck nach einer Reihe von Fehlplanungen immens ist.

Statt Führung durch den Neubau informiert der Direktor des Universitätsspitals Basel, Dr. Werner Kübler, über die Ziele der innerstädtischen Clusterkonzeption einer räumlichen Nähe von Klinik und Life-Science-Forschung. Der Spitaldirektor nimmt öffentlicher Kritik an der optischen Dominanz des 320 Millionen teuren Laborturms den Wind aus den Segeln. Er schwärmt davon, wie sich die Farben der Fassade im Tageslicht ändern und dass die klare architektonische Kontur des Neubaus auf dem Kerngrundstück des Life Science Campus ein Weckruf sei, noch mehr Spitzenforschung in der Rheinstadt zu verankern. Als Architekt Andreas Ilg das Wort ergreift, geht es in die fachliche Tiefe der von ihm und Marcel Santer entworfenen Hochhauskonstruktion. 

«Die Stadt ändern. Das Leben ändern» – unterschiedliche Blickwinkel auf städtebauliche Transformation wurden auf diesen beiden Mittagsführungen überdeutlich. Wie aber lassen sich verschiedene Interessen harmonisieren? Ein kleinererster Schritt ist die Bereitschaft, wie es Ueli Mäder anmahnte, anderen Meinungen und Sichtweisen entspannt zuzuhören. Die Mittagsführungen sind hierfür ein Übungsfeld.

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