Weiterbauen im Welterbe

Studienauftrag Entwicklung Marktgasse, Bern

Die Migros in der Altstadt von Bern verlagert einen Grossteil ihrer Räumlichkeiten an den Bahnhof. Für den Umbau des historischen Bestands schrieb sie, eng begleitet von der Denkmalpflege, einen Studienauftrag aus. Die ARGE Fiechter & Salzmann Architekten / Bellorini Architekten konnte ihn mit einem virtuosen Balanceakt für sich entscheiden.

Lukas Imhof Architekt, imhof@lukasimhof.ch

In der Altstadt von Bern wird weiter gebaut. Nachdem im September letzten Jahres das Projekt für den Ersatzbau des Capitol-Kinos vorgestellt wurde, ermittelte man Anfang dieses Jahres im Rahmen eines Studienauftrags den Ersatzneubau für die Räumlichkeiten der Migros an der Marktgasse. Dabei legt nicht nur die geografische Nähe und die Verwandtschaft der beiden Aufgaben eine weiterführende Betrachtung nah, sondern vor allem auch die denkmalpflegerische Strategie. Denn hier wie dort prägten die Forschungen und Vorgaben der städtischen Denkmalpflege den architektonischen Entwurf in einer Art, die weit über Schutz und Erhalt von Bausubstanz hinausgeht und die strukturellen Grundannahmen der projektierten Architektur mitprägen.

Doch zur Ausgangslage: Die Migros Genossenschaft Aare verfügt inmitten der Altstadt von Bern über mehrere Parzellen Land, auf denen neben einigen erhaltenen historischen Bauten und Fassaden ein moderner Bau steht, errichtet in den 1950er- und erweitert in den 1970er-Jahren. Darin befinden sich neben einem Einkaufszentrum vor allem Räumlichkeiten der Migros-Klubschule, die aber zurzeit in neue Räume am Bahnhof umzieht. Anschliessend soll die gesamte Hofbebauung abgerissen und durch ei­nen Neubau ersetzt werden. Gemäss einer Planungsvereinbarung mit der Stadt Bern ist in den Obergeschossen eine Wohnnutzung vorgesehen; EG und Untergeschosse bleiben Supermarkt. So wird bereits das Raumprogramm ein Stück Stadtreparatur.

Unzimperlicher Umgang

Die Berner Stadtmorphologie geht auf eine spezifische Form des zähringischen Stadtgrundrisses und dessen Weiterentwicklung durch die Savoyer zurück. Die von den Herzögen von Zähringen im 12. Jahrhundert systematisch gegründeten Städte zeichneten sich unter anderem durch Marktgassen aus, die die sonst im Mittelalter üblichen Marktplätze ersetzen – mit dem Ziel, eine höhere Abwicklung an guten Verkaufslagen zu generieren. In der Folge wurden tiefe, schmale Grundstücke abparzelliert, jedes mit einem Zugang zur Gasse. Diese Rücken an Rücken gespiegelten Parzellen bilden die Grundstruktur Berns. Im Lauf der Zeit ergänzte man die rückwärtigen, tiefen Gärten mit einer weiteren Häuserzeile, sodass die typische Vorder- und Hinterhaus­situation mit dazwischen liegenden Höfen entstand.

Die Migros bezog kurz nach dem Zweiten Weltkrieg erste Räumlichkeiten an der Marktgasse. 1958 wurden diese zu klein, die ersten historischen Bauten wurden abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. 1973 lag ein Projekt des Berner Architekturbüros Trachsel + Steiner zur Neubebauung des Gebiets zwischen Marktgasse 40 und 46 vor, das den Abbruch weiterer historischer Gebäude sowie die kom­plette Überbauung der Hofbereiche vorsah. In Fachkreisen und auch in der Bevölkerung regte sich jedoch heftiger Widerstand, sodass ein verändertes Projekt zur Aus­führung kam, das die noch be­stehenden historischen Bauten an der Marktgasse ganz oder teilweise verschonte. Dennoch wurde das gesamte Areal flächen­deckend zweistöckig überbaut und zwei- bis dreigeschossig unterkellert. Die durch die grosse Bau­tiefe nötigen Höfe zeichnen sich erst in den oberen Geschossen ab. Der gesamte Bereich zwischen den beiden Häuserzeilen an den Gassen – tra­ditionell der Bereich von Hinterhäusern und Höfen – wurde damals mit einem alle Dimensionen der Altstadt sprengenden Volumen überbaut.

Vom zeitgenössischen Verständnis von Denkmalschutz – der, so viel kann man sagen, nicht übertrieben an der Substanz hing – zeugen einige Bauteile, die abgerissen und sodann in frei interpretierender Form neu gebaut wurden. So wurde etwa der historische Treppenhaus­turm in verputztem Beton und einer anderen Geschossigkeit neu erstellt und mit einem vorher so nicht mehr vorhandenen Spitzhelm bekrönt, der nach einer historischen Stadtansicht rekonstruiert wurde.

Morphologische Vorgaben

Bauliche Eingriffe in der geplanten Grössenordnung wie das aktuelle Bauvorhaben hat es in der Altstadt von Bern – der besterhaltenen Zäh­rin­gerstadt überhaupt und UNESCO-Weltkulturerbe – seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben. Um einen Eingriff dieser Tragweite in ein so hoch eingestuftes Ensemble zu le­gi­ti­mie­ren und einen Mehrwert gegenüber der bestehenden Situation zu schaffen, forderte die Denkmalpflege nicht nur – wie schon beim Capitol-Wett­bewerb – eine umfassende Studie, die die bauhistorische Entwicklung des Gebiets wie auch die einzelnen Objekte sorgfältig untersucht, sondern definierte die Grundannahmen für die Projektierung frühzeitig im Sinn eines «stadtmorphologischen Entwerfens»: Die neuen Bestandteile sollen aus dem «inneren Wesen der Stadt, ihrer Substanz und Morphologie» entwickelt werden. Für die vorliegende Aufgabe wurden folgende Kennzeichen der Stadtmorphologie als verbindlich definiert:

  • Respektierung der zähringischen Parzellenstruktur mit passender Brandwandausbildung
  • typologisch-funktionale Wieder­herstellung der Vorderhäuser als selbstständige Einheiten (in den Ober­geschossen)
  • ausgeprägte Hofbildungen bis auf Erdgeschossniveau
  • Klärung des architektonischen Ausdrucks bis zur Materialisierung im Sinn einer integrativen Interpretation des tradierten Stadt­bilds

Die Spuren lesen

Diese Vorgaben müssen für den Entwurf keineswegs eine Einschränkung sein, sondern können eine hilfreiche Leitlinie darstellen. Das zeigt nicht nur der siegreiche Entwurf der ARGE Fiechter & Salzmann Architekten und Bellorini Architekten, sondern ex negativo auch das spektakuläre Scheitern des Projekts des Berliner Büros von David Chipperfield. Dieses sucht eine Fortschreibung der Stadtgeschichte als Palimpsest, indem neue Schichten der Stadt über die alten gelegt werden – und interpretiert die Aufgabe in der Folge deutlich freier. Nur noch in den Vorderhäusern sowie im Erd- und Untergeschoss soll die historische Parzellierung lesbar bleiben, darüber erhebt sich ein ortsfremder Baukörper quer zur Parzellenstruktur. Das Bild einer Markthalle auf einem neu geschaffenen Platz im Innern der bestehenden Häuser­zeilen ist an und für sich hoch interessant. Es scheitert aber nicht nur am Beharrungsvermögen der bestehenden Stadtstruktur, sondern auch am Raumprogramm. Dieses führt dazu, dass sich die Markthalle über einem vollständig «aufgefüllten» Erdgeschoss erhebt und so der Grundgedanke des Entwurfs nicht zum tragen kommt: Es gelingt gar nicht erst, denjenigen öffentlichen Platz zu schaffen, auf dem sich eine Markthalle erheben sollte. So wirkt der architektonisch anspruchsvoll gestaltete und gekonnt mit architekturgeschichtlichen Motiven angereicherte Entwurf an diesem Ort fremd und kulissenhaft. So sehr einen die architekturgeschichtlichen Verweise und Erinnerungen zu faszinieren vermögen: Man stelle sich vor, man müsste die Markthalle in Krakau im ersten Obergeschoss über einem Supermarkt suchen: undenkbar.

Alles ist schon da

Mit bemerkenswerter Leichtigkeit gelingt die Lösung der Aufgabe indes dem Siegerprojekt. Weit entfernt von einer Rekonstruktion erscheint es so selbstverständlich, dass der Bau wohl bald schon nicht mehr aus der Berner Altstadt wegzudenken ist. So wird etwa der Treppenturm aus den 1970er-Jahren erhalten und seiner ursprünglichen Funktion entsprechend neu genutzt. Er bleibt dabei natürlich eine mangelhafte Kopie eines älteren Bauteils, trägt jedoch baugeschichtliche Informationen in sich, die älter sind als die aktuelle Substanz. Wesentlich zur Integration des Komplexes trägt bei, dass zwei der drei vorgeschlagenen Höfe auch aus­serhalb der Geschäftszeiten der Öffentlichkeit zugänglich bleiben. Als Teil einer neuen Querung des Areals werden sie sich bald in die kollektive Wahrnehmung der Stadt einschreiben.

Gleiches gilt für die vorgeschlagenen Fas­saden. Mit ihrer strukturellen, stetig variierenden Gliederung aus Betonelementen, deren Textur und Farbigkeit an Sandstein erinnern soll, versprechen sie einen Ausdruck, der gleichzeitig modern und ortstypisch erscheint. Dass im vermeintlich strengen Konzept des «stadtmor­phologischen Entwerfens» genügend Freiraum für typologische und zeitgemässe Erfindungen zu finden ist, zeigt das «Rooftop-Restaurant», das über den Dächern von Bern ein neuer Ort von hoher Aufenthalts­qualität werden dürfte – und ganz nebenbei eine architekturdidak­tische Funktion übernehmen könnte: Hier wird die morphologische Gestalt der Stadt plötzlich übersichtlich und klar wahrnehmbar. Das Projekt erklärt sich seinem Benutzer. Und dabei auch, wie die histo­rische Stadtstruktur Berns funktioniert.

Teilnehmende

Team 1 (Weiterbearbeitung): ARGE Fiechter & Salzmann Architekten, Zürich / Bellorini Architekten, Bern; b + p baurealisation, Bern; Weber + Brönnimann Ingenieure und Planer; Bern; Vogt Landschaftsarchitekten, Zürich; Dieter Schnell, Bern

Team 2: Aebi & Vincent Architekten; WAM Planer und Ingenieure; Adrian Scheidegger; extra Landschaftsarchitekten; alle Bern

Team 3: Ernst Niklaus Fausch, Zürich; Diggelmann + Partner, Bern

Team 4: ARGE David Chipperfield Architects, Berlin / b + p baurealisation, Bern; WaltGalmarini, Bern

Team 5: ARGE GWJ Architektur, Bern / Degelo Architekten, Basel; Kissling + Zbinden Ingenieure und Planer, Thun; Hartenbach & Wenger, Bern; Christoph Schläppi, Bern

Fachjury

Fritz Schär, Architekt, Bern (Vorsitz); Thomas Pfluger, Architekt, Stadtbaumeister Bern; Stefan Gasser, Architekt, Leiter Denkmalpflege Winterthur; Aldo Nolli, Architekt, Massagno; Sibylle Aubort Raderschall, Landschaftsarchitektin, Meilen

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