Al­les rich­tig ge­macht

Arealentwicklung Viererfeld/Mittelfeld, Selektiver städtebaulicher Wettbewerb mit zwei Projektteilen

Der städtebauliche Wettbewerb für die Weiterentwicklung des Mittel- und Viererfelds in Bern ist entschieden: Das Zürcher Team um Ammann Albers StadtWerke gewinnt mit einem Entwurf, der an die Struktur des Läng­gassquartiers anknüpft und vor allem in der Freiraumplanung überzeugt. Für den Projektteil «Wohnen» qualifizieren sich weitere sechs Büros.

Publikationsdatum
24-01-2019
Revision
24-01-2019
Tina Cieslik
Redaktorin TEC21 / Architektur und Innenarchitektur

Das rund 16 ha grosse Viererfeld und das deutlich kleinere Mittelfeld im Norden von Bern gehören zu den grossen Baulandreserven der Stadt. Doch so gut gelegen wie die beiden heute hauptsächlich landwirtschaftlich genutzten Flächen sind wohl keine anderen Brachen: Im Süden schliesst das beliebte Wohn- und Uniquartier Länggasse an, in sieben Minuten gelangt man mit dem Bus zum Bahnhof Bern, das Park + Ride Neufeld am Autobahnzubringer der A1 liegt im Westen des Gebiets. Dazu kommen je nach Wetterlage eine spektaku­läre Aussicht auf die Alpen und mit dem Kleinen Bremgartenwald und dem Spielplatz am Studerstein Naherholungsmöglichkeiten im Grünen. 2023 soll zudem im gegenüberliegenden Neufeld eine 50-m-Schwimmhalle eröffnet werden (vgl. TEC21 34 / 2018).

Tatsächlich wurde das Gelände bereits zweimal bebaut: 1914 fand hier die Schweizer Landes­ausstellung statt. Nach ihrem Abschluss entfernte man die Ausstellungspavillons inklusive Tram wieder; das gleiche Schicksal ereilte die Gebäude der Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit ­(SAFFA) 1928. Und in den 1960er-Jahren sollte hier der Campus der Universität Bern entstehen, doch mit dem Kauf des Toblerone-Areals an der Länggasse blieb die Institution noch ­näher am Stadtzentrum, die Pläne ­versandeten.

2004 scheiterte ein erstes Projekt zur Bebauung des Mittel- und Viererfelds an der Urne. Doch die Stadt verfolgt weiterhin das Ziel, bis 2030 auf ihrem Gebiet 8500 neue Wohnungen zu bauen, und so initiierte sie 2013 ein partizipatives Verfahren, um das Projekt besser in der Bevölkerung abzustützen. Mit Erfolg: Der daraus resultierenden anvi­sierten Zonenplanänderung stimmte im Juni 2016 eine Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger zu.

Im Januar 2018 startete die Stadt Bern ein für sie neuartiges Ver­fahren für die weitere Planung: Interdisziplinär zusammengesetzte Teams aus den Fachgebieten Städtebau und Architektur, Landschaftsarchitektur, Soziales und Mobilität konnten sich für den städtebaulichen Wettbewerb qualifizieren, der aus drei Teilen bestand: Für die Bereiche «Städtebau», «Stadtteilpark» und «Wohnen» sollten Ideen eingereicht werden. Ziel des Letzteren war weniger eine konkrete Umsetzung als ein Pool an Konzepten im Massstab 1 : 200.

Diese für die Stadt neue Versuchsanordnung fand indes nicht überall Zuspruch: So wandten sich im Dezember 2017 rund 50 Architektinnen und Architekten in einem offenen Brief an die Stadt. Darin kritisierten sie die Beschränkung auf 25 vorselektionierte Teams anstelle eines offenen Ideenwettbewerbs mit möglichst breiter fach­licher Abstützung – erfolglos.

Bloss kein zweites Brünnen

Die im Partizipationsprozess erarbeiteten Anforderungen an das Gebiet sind hoch: Nur 50 % der Fläche sollen überbaut werden, der Rest bleibt Grünfläche. Im überbauten Teil sollten ca. 1200 Wohnungen für rund 3000 Personen entstehen, aufgeteilt in einen Wohnungsmix, der einen hohe soziale Durchmischung zulässt. Für die Hälfte der Wohnungen ist eine gemeinnützige Trägerschaft vorgesehen, auf ein Viertel erhebt die Stadt Anspruch. Die maximale Gebäudehöhe lag im Viererfeld bei sechs Geschossen inklusive Attika, im Mittelfeld konnten auch Hochhäuser geplant werden. Der Fokus für das Gebiet liegt auf der Wohnnutzung, gleichwohl sollen sich auch quartierverträgliche Gewerbe ansiedeln. Und vor allem: Die Freiraumgestaltung soll ein lebendige Miteinander erlauben, der ab 2004 realisierte Stadtteil Brünnen im Berner Westen – eher Schlafstadt denn Quartier – war als warnendes Beispiel allseits präsent. Neben den programmatischen Anforderungen gab es auch energetische Vorgaben. So soll das Gebiet dereinst als 2000-Watt-Areal zertifiziert und «in Bezug auf eine zukunftsweisende Mobi­lität gestaltet werden» – was auch immer das heissen mag.

Mit voller Kraft voraus

Die Projektteile «Städtebau» und «Stadtteilpark» entschied das Team um Ammann Albers StadtWerke für sich. Ihr Entwurf zeichnet sich durch eine kluge Anordnung der ­öffentlichen Räume und Verkehrswege aus. Die Engestrasse wird als diagonale Verlängerung mitten ins Quartier geführt, weitere diagonale Äste führen zu wichtigen Bezugspunkten wie dem Schulhaus Enge im Norden des Areals. Die eher kleinen Parzellen können auch zusammengeschaltet werden, was mehr Flexibilität bei der Auswahl der Bauträger erlaubt.

Nun gilt es, die verschiedenen Ideen zusammenzubringen: Bis Ende dieses Jahres soll der Masterplan entwickelt werden, gleichzeitig läuft die Suche nach Investoren. Der Beginn der konkreten Projektierung für den Bereich «Wohnen« zusammen mit den sieben rangierten Teams ist für 2020 vor­gesehen. Und ab 2023 sollen dann die Bagger für den Bau der ersten 300 Wohnungen auffahren.

Weitere Pläne und Bilder finden Sie in der Rubrik Wettbewerbe.

Auszeichnungen «Städtebau»/«Stadtteilpark»


1. Rang, 1. Preis: «Vif_2»
Ammann Albers StadtWerke, Zürich; raderschallpartner landschaftsarchitekten, Meilen; huggenbergerfries Architekten, Zürich; Zeugin Gölker Immobilienstrategien, Zürich; Basler & Hofmann, Zürich

2. Rang, 2. Preis: «Ensemble_2»
ARGE pan m & Martin Dubach Architekt (neu: gud Architekten), Zürich; Carolin Riede Landschaftsarchitektin, Zürich; Bernhard Böhm und Nils Güttler, Zürich; Ballmer + Partner, Aarau

3. Rang, 3. Preis: «Paradise City»
ARGE BHSF Architekten, Zürich / Felix Claus Dick van Wageningen Architecten, Amsterdam; Klötzli Friedli Landschaftsarchitekten, Bern; HSLU, Soziale Arbeit, Luzern; Büro für Mobilität, Bern; Nightnurse images, Zürich; Enerconom, Bern; Zeugin Gölker Immobilienstrategien, Zürich; Kissling + Zbinden, Thun


Auszeichnungen «Wohnen»


1. Rang, 1. Preis: «Ensemble_2»
ARGE pan m & Martin Dubach Architekt (neu: gud Architekten); Carolin Riede Landschaftsarchitektin; Bernhard Böhm und Nils Güttler, alle Zürich; Ballmer + Partner, Aarau

2. Rang, 2. Preis: «Viererfeld+»
Hosoya Schaefer Architects, Zürich; Vogt Landschaftsarchitekten, Zürich; Porta Ingenieure Planer Geometer, Zürich; HSSP, Zürich; Transsolar Energietechnik, Stuttgart; Dr. Lüchinger + Meyer Bauingenieure, Zürich

3. Rang, 3. Preis: «vielfeld»
agps architecture, Zürich; Krebs und Herde Landschafts­architekten, Winterthur, Inura Institut, Zürich; IBV Hüsler, Zürich; Energy-group.ch, Schlieren

4. Rang, 4. Preis: «Vif_2»
Ammann Albers StadtWerke, Zürich; raderschallpartner landschaftsarchitekten, Meilen; huggenbergerfries Architekten, Zürich; Zeugin Gölker Immobilienstrategien, Zürich; Basler & Hofmann, Zürich

5. Rang, 5. Preis: «Barfuss im Park»
Bürgi Schärer Architekten, Bern; Futurafrosch Architektur und Raumentwicklung; henson architekten; Andreas Geser Landschaftsarchitekten, alle Zürich; HSLU, Soziale Arbeit, Kompetenzzentrum Stadt- und Regionalentwicklung, Luzern; Planungsbüro Jud, Zürich; Energie hoch drei, Bern

6. Rang, 6. Preis: «Paradise City»
ARGE BHSF Architekten, Zürich / Felix Claus Dick van Wageningen Architecten, Amsterdam; Klötzli Friedli Landschaftsarchitekten, Bern; HSLU, Soziale Arbeit, Luzern; Büro für Mobilität, Bern; Nightnurse images, Zürich; Enerconom, Bern; Zeugin Gölker Immobilienstrategien, Zürich; Kissling + Zbinden, Thun


7. Rang, 7. Preis: «Quattro Campi»
camponovo baumgartner architekten, Zürich; Blättler Heinzer Architektur, Zürich; Kirsch & Kuhn Freiräume und Landschaftsarchitektur, Wetzikon; Margrit Hugentobler, Zürich; Rombo, Zürich; Ronny Hardliz, Bern

FachJury


Mark Werren, Stadtplaner Bern


Thomas Pfluger, Stadtbaumeister Bern


Gunter Henn, Architekt, München


Rainer Klostermann, Stadtplaner, Zürich (Moderator)


Zita Cotti Architektin, Zürich


Anne Kaestle, Architektin, Zürich /Düsseldorf / Hamburg


Jutta Strasser, Architektin, Bern


Andrea Cejka, Landschaftsarchitektin, Zürich


Stefan Rotzler, Landschaftsarchitekt, Gockhausen


Denise Belloli, Verkehrsplanerin, Brugg

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