Drei­er­li beim «Wey­er­li»

Das Siegerprojekt des international ausgeschriebenen Wettbewerbs für den neuen Campus der Berner Fachhochschule BFH steht fest. «Dreierlei» haben wulf architekten aus Stuttgart ihren Entwurf getauft und mit dieser eigenwilligen Lösung gewonnen.

Publication
21-03-2019
Revision
21-03-2019

Ab 2016 sollen beim Weyermannshaus verschiedene, derzeit noch auf zahlreiche Standorte in der Stadt Bern verteilte BFH-Departemente ihre neue Heimat finden. Im Vorfeld wurde auf politischer Ebene ein Kompromiss ausgehandelt: 2016 beschloss das Kantonsparlament, die BFH werde künftig nur noch in Biel und Bern tätig sein; Burgdorf solle die Techni­sche Fachschule und ein Cleantech-­Kompetenzzentrum unter dem Namen «TecLab» beherbergen.

Nachdem der Grosse Rat einen Projektierungskredit (30.65 Mio. Fr.) für den BFH-Campus gesprochen hatte und für den Architek­turwettbewerb einen Kredit von 1.62 Mio. Fr., schrieb das Amt für Grundstücke und Gebäude (AGG) der Stadt Bern im April 2018 diesen ­internationalen Wettbewerb für den Campus Bern aus. 47 Planerteams melde­ten sich an, 36 Teams reichten bis zum Stichtag am 2. Oktober 2018 ihre Projekte ein. An vier Tagen beriet sich das Preisgericht, dem nebst den Fachpreisrichtern aus Architektur und Ingenieurwesen auch Fachleute der Berner Fachhochschule und der kantonalen Erziehungsdirektion angehörten. Als Experten mit beratender Stimme waren Vertreter der Stadt Bern und der Quartierkommissionen einbezogen.

Entwicklungsschwerpunkt Ausserholligen

Wie im Jurybericht erläutert wird, verfolgt die BFH mit dem Zusammenzug der performativen Künste (Musik- und Bühnendisziplinen), des Departements Hochschule für Künste und der Departemente Gesundheit, Soziale Arbeit und Wirtschaft sowie der Bereiche Rektorat und Services das Ziel, mehrere Standorte auf einem neuen Campus in der Stadt Bern zu vereinen.

Der Wettbewerbsperimeter liegt im sogenannten Premium-­Entwicklungsschwerpunkt (ESP) Bern Ausserholligen. Mit rund 45 000 m² und zwei Baufeldern (Nord = 3250 m² und Süd = 15 395 m²) bietet er eines der grössten Entwicklungs- und Flächenpotenziale in der Stadt und der Agglomeration Bern. Als Vernetzungsraum und Gelenkstelle zwischen den Stadtteilen III und VI sowie der Nord-Süd-Verbindung zwischen Köniz­bergwald und Bremgartenwald nimmt er ge­samt­städtisch eine wichtige Rolle ein.

«Gelenkstelle», «Vernetzungsraum» – nun ja, die Berner kennen die Gegend als ein neben dem «Weyerli» gelegenes Industrie- und Gewerbegebiet. Dieses Weierchen ist ein seit 1958 bestehendes Schwimmbad, inklusive Hallenbad und Eisbahn. Offiziell heisst die Anlage «Freibad Weyermannshaus». Es handelt sich mit 16'000 m² um das grösste Freibad der Schweiz, mit dem Volumen von 25 000 m3 um das grösste Westeuropas (auch Bern bricht Rekorde!).

Das Gelände des neuen Campus liegt östlich davon, der Autobahnviadukt der A12 bildet die Trenn­linie. Die südliche Begrenzung erfolgt durch das Bahntrassee von SBB und BLS. Mit andern Worten: Das «Weyerli» ist ein seit Jahren populärer Ort, der neue Campus auf dem heute noch unwirtlichen Gelände zwischen Eisenbahn, Strassen­viadukt und Discounterfiliale muss das erst noch werden. Bislang handelt es sich um einen Un-Ort mit hoher Lärmbelastung, gegen die eine Lärmschutzwand auf dem Viadukt geprüft wird.

Mit dem Velo und zu Fuss zum Europaplatz

Neben dem aktuell entstehenden Campus der BFH in Biel solle mit dem Campus in Bern ein zweites nachhaltiges Leuchtturmprojekt im Bildungs- und Forschungssektor entstehen, schreibt die Jury. Der Campus BFH auf dem Areal Weyermannshaus positioniere die BFH als innovative Bildungs- und Forschungsinstitution mit einer hohen urbanen Lebensqualität. Die Anlage öffne sich mit öffentlich zugänglichen Freiräumen den umliegenden Quartieren und ermögliche mit ihrer zentralen Lage im Entwicklungsschwerpunkt Ausserholligen den kulturellen und wissenschaftlichen Austausch mit der Bevölkerung in Kooperation mit den ansässigen regionalen Unternehmen.

Ein geplanter Weg für Velos und Fussgänger entlang dem Autobahnviadukt bis zum Europaplatz soll künftig den Hauptzugang für die täglich 10 000 erwarteten Be­wegungen von und zum Campus bilden. Statt der bestehenden Unterführung der Gleise ist künftig eine Passe­relle geplant. Eine Verbindung zu den Sport- und Freizeitanlagen des «Weyerli» besteht bereits.

Jurierung

Die Vorprüfung der Projekte erfolgte im Oktober und umfasste die ­Themen Baurecht, Verkehr/Aussenraum, Betrieb, Akustik, Raumprogramm, Nachhaltigkeit, Tragwerk, HLKSE und Wirtschaftlichkeit. Im Verlauf der Jurierung erfolgte eine vertiefte Vorprüfung der engeren Auswahl zu den Themen Lärm, Brandschutz, Tiefbau, Hochbau Stadt Bern, Einhaltung der Anforderungen SBB und BLS sowie Einhaltung der Vorgaben des Staats­sekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI). Alle eingereichten Projekte erfüllten die formellen Vorgaben, doch bei der materiellen Vorprüfung bezüglich des Wettbewerbsprogramms und des Baurechts wurden wesentliche Verstösse festgestellt; sechs Beiträge wurden gemäss SIA-Norm 142/2009 von der Preiserteilung ausgeschlossen. Zehn Projekte erhielten einen Preis, ein Projekt wurde angekauft.

Das Preisgericht stellte fest, dass die qualitativ hochstehenden Beiträge und die intensive Auseinandersetzung der Teams mit dieser sehr anspruchsvollen Aufgabe ein breites Lösungsspektrum erbracht haben. Dies ermöglichte dem Preisgericht eine konstruktive und tiefgründige Debatte. Wie unterschiedlich die eingereichten Lösungen aussehen können, zeigt ein Vergleich des erstrangierten Projekts mit dem im zweiten Rang stehenden Ankauf.

Eigenwillig und mehrdeutig

Das Planungsteam um wulf architekten aus Stuttgart hat einen gemäss den Worten des Preisgerichts eigenwilligen und mehrdeutigen Hauptbau für die Fachhochschule vorgeschlagen, der sowohl als Grossform als auch als «Dreierlei» in Erscheinung tritt. Unter der Bezeichnung «Dreierlei» wurde das Projekt auch eingegeben und hat den ersten Rang und die Empfehlung zur Weiterbearbeitung errungen.

Auf einem durchlaufenden Sockelgeschoss sind drei unterschiedlich grosse Baukörper aufgesetzt, die den drei Nutzereinheiten GDW (Gesundheit/Soziale Arbeit/Wirtschaft), HKB (Hochschule der Künste) und RSR (Rektorat und Services) entsprechen. Der mittlere Baukörper mit den Räumen der HKB steht gedreht zwischen den beiden anderen Bauten, tanzt quasi aus der Reihe. Auf diese Weise werden drei Nutzereinheiten nach aussen erkennbar, und gleichzeitig erhält die neue Hochschule als Ganzes ein eigenes Gesicht. Als Grossform findet diese Anlage so zu einem städtebaulich angemessenen Massstab. Das nördliche Baufeld bleibt frei bis auf ein kleines rundes Gebäude mit einer Bar im Erdgeschoss, das den Campus beleben soll. Als zentraler Begegnungsraum fungiert die innere Strasse entlang der Nordseite. Sie verbindet alle Bereiche, kann je nach Witterung auf längere Strecken geöffnet sein und ist so einmal Aussenraum und einmal Innenraum.

Das ganze Sockelgeschoss wird durch diese interne Strasse erschlossen, die als Eingangs-, ­Pausenhalle und Begegnungsort dient. So entstehen klare Zugänge zu den einzelnen Zonen, und im ­Erdgeschoss werden alle publi­kums­­orientierten Bereiche miteinander verbunden. Drei geschwungen geformte Haupttreppen führen von hier aus zu den Atrien und den Obergeschossen der drei Nutzer­einhei­ten. Aufzugsanlagen sichern den barrie­refreien Zugang. Die am Ende dieser Innenstrasse angeordnete Mensa setzt den Endpunkt. Licht­höfe verleihen den Nutzereinheiten ihre eigene Identität. Ein durchgehendes Stützenraster und klare Erschlies­sungskerne versprechen flexible Gestaltungsmöglichkeiten bei übersichtlichen Raum­anord­nungen. Auf dem Sockeldach sind Terrassen vorgesehen. Den Sockel sollen Beton­elemente und Glas prägen, innen bestimmen rohe Mate­rialien und Systemtrennung den robusten, werkstattähnlichen Charakter. Eher kleine Spannweiten zwischen den Stützen dürften für Holz-Beton-Verbunddecken vorteilhaft sein.

Das Preisgericht lobt den sorgfältig ausgearbeiteten Projektvorschlag, der städtebaulich, typologisch und architektonische überzeuge. Besonders gefiel der Jury die mehrdeutige Gliederung und Erscheinung als gelungene Antwort für die gestellte Aufgabe.

Grosszügig zusammengewoben

Vier zusammengeschobene und zueinander versetzte Baukörper schlagen die Generalplaner und Archi­tekten Berrel Berrel Kräutler aus Zürich in ihrem Entwurf «Metabionta» vor. Ein sechsgeschossiger Kopfbau steht beim Autobahn­viadukt, die beiden weniger hohen mittleren ­Teile bilden das Herz der Anlage, und der niedrigste Flügel überdeckt den ostseitig gelegenen Boulevard. Das Projekt erhielt den zweiten Rang und war erster Ankauf.

Eigentlich stellt der überdeckte Boulevard des Entwurfs einen Verstoss gegen die Überbauungs­ordnung dar, doch das Preisgericht betont, dass so eine überraschende städtebauliche Lösung entstehe. Der Boulevard wird durch die Überdeckung räumlich gefasst und endet ostseitig in einem grosszügigen Freiraum «Le Grand Pré». Diese grosse Wiese ist ein Angebot für das ganze Quartier. Die Staffelung der Bauten führt zu klaren Zugängen zum Campus: westlich mit einem Vorplatz, der die Besucher direkt ins Herz der Anlage führt; der zweite Versatz bietet einen gedeckten Zugang zu den öf­fentlichen Bereichen der HKB mit den Konzertsälen. Die Anlieferung erfolgt über den zweiten Versatz oberirdisch. Mit den ost- und westseitigen Freiräumen und mit dem Einbezug des ungenutzten Areals der Tanksilos richten sich diese Grünzonen gut auf die angrenzenden Wohnbauten aus. Der mittige Boulevard und der westseitige Platz beim Viadukt sind mit grossflächigen Freiräumen und einer Bepflanzung mit Stauden geplant. Die Jury hegt allerdings Zweifel bezüglich der öffentlichen Ausstrahlung der Anlage, die vor allem über den überdachten Bereich erreichbar ist.

Die Gebäude sind durch vier grosse Innenhöfe strukturiert. Unter den beiden mittleren Innenhöfen liegt die Haupthalle. Die dort an­geordnete multifunktionale Aula lässt sich grosszügig öffnen, wodurch ein Mittelpunkt und Treffpunkt für die gesamte Schule und Besucher entsteht. Der HKB mit ­ihren Publikumsbereichen ist der Ostflügel vorbehalten. Ein separater Zugang erschliesst das grosse Publikumsfoyer, den Konzertsaal und die Kammermusiksäle. Die Nutzungsverteilung und die einzelnen Raumgruppierungen mit den Erschlies­sungen beurteilt das Preisgericht als optimal.

Der Sockelbau ist aus Stahlbeton geplant. Die weiteren Geschosse der vier Baukörper sind als Holz-­Beton-Konstruktionen gedacht, die vertikalen Kerne und Korridore als Massivbau mit Decken aus Holz-­Beton-Rippenkonstruktionen und Holzstützen an den Fassaden. Innen prägen Beton und Holz die Räume, aussen Fassaden aus Holz und Glas.

Das Preisgericht lobt das grosszügige Zusammenweben des umfangreichen Raumprogramms und das damit entstehende Zentrum – eine kompakte Anlage mit Identität, die Freiraum für das Quartier lässt.

Ein Un-Ort kann nur besser werden

Der Wettbewerb hat für ein nicht eben attraktiv gelegenes Baufeld und ein ebenso umfangreiches wie komplexes Raumprogramm zu bemerkenswert unterschiedlichen Projekten geführt. Dies drückt sich vor allem bei den zehn erstrangierten Entwürfen aus. Der bisherige Un-Ort könnte nun zu einem Ort der intellektuellen Auseinandersetzung mit Kunst, Wirtschaftsfragen und so­zialen Anliegen werden. Er hat die Chance, besser zu werden.


Weitere Pläne und Bilder finden Sie in der Rubrik Wettbewerbe.

 

Auszeichnungen


1. Rang, 1. Preis: «Dreierlei»
Generalplaner: wulf architekten, Stuttgart, Architektur: Studio PEZ, Basel

2. Rang, 1. Ankauf: «Metabionta»
Generalplaner/Architektur: Berrel Berrel Kräutler, Zürich

3. Rang, 2. Preis: «Aeskulap»
Generalplaner/Architektur: Itten+Brechbühl, Bern

4. Rang, 3. Preis: «Karo»
Generalplaner/Architektur: Ruprecht Architekten, Zürich

5. Rang, 4. Preis: «open source»
Generalplaner/Architektur: Elmiger Architekten, Zürich

6. Rang, 5. Preis: «Joe’s Garage»
Generalplaner/Architektur: Arge 0815 ACE – 0815 Architekten & Aviolat Chaperon Escobar, Fribourg

7. Rang, 6. Preis: «Mitte Mitte»
Generalplaner/Architektur: Morscher Architekten, Bern

8. Rang, 7. Preis: «Cosi fan tutte»
Generalplaner/Architektur: Translocal Architecture, Bern

9. Rang, 8. Preis: «ARTreal»
Generalplaner/Architektur: IPAS Architekten und Planer, Solothurn und Neuchâtel

10. Rang, 9. Preis: «Triole»
General­planer/Architektur: Fiechter & Salzmann Architekten, Zürich

11. Rang, 10. Preis: «I_U»
Generalplaner/Architektur: Waeber/ Dickenmann Architekten, Zürich
 

Fachjury


Angelo Cioppi, Architekt/Kantonsbaumeister (Vorsitz); Sibylle Aubort Raderschall, Landschaftsarchitektin; Daniel Bosshard, Architekt; Lorenzo Giuliani, Architekt; Mathias Heinz, Architekt; Mark Werren, Architekt; Maria Zurbuchen-Henz, Architektin; Hugo Fuhrer, Architekt (Ersatz); Martin Gsteiger, Architekt (Ersatz); Eugen Wagner, Bauingenieur (Ersatz)
 

Sachjury


Thomas Beck, Departementsleiter/Direktor; Herbert Binggeli, Rektor; Urs Brügger, Departementsleiter; Stefan Frehner, Liegenschaftsverwalter; Felix Mäder, Verwaltungsdirektor; Achim Steffen, Generalsekretariat; Daniel Schönmann, Vorsteher Amt für Hochschulen (Ersatz); Martin Kieser, Leiter Immobilienmanagement (Ersatz), Bauprojektmanagement, Projektleiter Campus Bern

 

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