Woh­nen auf der Renn­bahn

Studienauftrag auf Einladung: Rennbahnklinik, Muttenz

Die Geschichte um das Areal der Muttenzer Rennbahn geht in die nächste Runde: Das Siegerprojekt von Salathé Architekten Basel baut auf die Qualitäten der ehemaligen Rennbahnklinik und ergänzt den Bau mit einem neuen Kopf, der viele Wohnungen kompakt aufnimmt und als neue Adresse dient.  

Data di pubblicazione
07-10-2026

Die Rennbahnklinik im Basler Vorort Muttenz hat eine bewegte Nutzungsgeschichte: Zunächst stand da eine hölzerne Velorennbahn, deren Erinnerung auch im heutigen Namen weiterlebt. Ab den 1970er-Jahren entstand an deren Stelle die Rennbahnklinik, ein spezialisiertes sportorthopädisches Spital, das 2014 ins nahegelegene Gewerbeareal umzog. Seither wird das Gebäude vom Verein WoVe für studentisches Wohnen zwischengenutzt.

Am Ort der ehemaligen Rennbahnklinik soll nun neuer Wohnraum entstehen. Die Rahmenbedingungen setzt der Gestaltungsplan, der seit 2019 in Kraft ist und gemeinsam mit der Nachbarsparzelle erarbeitet wurde. Das Ziel: An gut erschlossener Lage soll qualitativ hochwertiger neuer Wohnraum entstehen.

Weiterbauen entgegen dem Quartierplan

Die damalige Idee: Alles abreissen und neu bauen. Was auf den anderen Baufeldern bereits vollzogen ist, wollte die Anlagestiftung Pensimo Management beim letzten Baustein des Areals anders machen. Sie führte einen Studienwettbewerb durch, dessen zentrale Aufgabe darin bestand, aufzuzeigen, wie unter Weiternutzung des Bestands der Rennbahnklinik neuer Wohnraum entstehen kann, ohne dass der Gestaltungsplan angepasst werden muss.

Weitere Infos zum Wettbewerb finden Sie auf competitions.espazium.ch

Von den fünf eingeladenen Basler Teams empfiehlt die Jury einstimmig das Projekt «Pragmatic Beauty» von Salathé Architekten Basel zur Weiterbearbeitung. Mit einem klaren Schnitt trennt es den Kopfbau vom Rumpf und schlägt einen neuen achtgeschossigen Holz-­Hybridbau vor, der auf dem Erdgeschoss des Bestands aufbaut. So wird jener Teil des Baus erhalten, der auch mit der neuen Nutzung seine Qualitäten ausspielen kann. Die heutige Erschliessung etwa kann beibehalten werden, da im Bestand auch ebenerdig erschlossene Wohnungen sowie grössere Wohnungen in den Obergeschossen vorgesehen sind, während im Neubau die vielen Kleinwohnungen effizient erschlossen werden. Die Fassade des Bestands wird ertüchtigt und nur punktuell angepasst, etwa bei den Balkonzugängen auf die hofseitig vorgestellte Balkonschicht. Die charakteristisch abgetreppten Betonlamellen auf der Strassenseite bleiben ebenfalls original und ungedämmt erhalten, da Salathé Architekten Basel diese geschickt als gedeckte Aussenräume nutzt.

Wohnen im Erdgeschoss

Auch der Umgang mit dem Freiraum überzeugt: Entlang der stark frequentierten St. Jakobs-Strasse tritt das Trottoir bis an das Gebäude heran, was den öffentlichen Charakter der hier vorgesehenen gewerblichen Nutzungen unterstreicht. Die dichte Begrünung im Osten und Westen hingegen markiert die Zugänge und die Nutzung als privaten Raum, der den Bewohnenden vorbehalten ist. Hier wird auch im Erdgeschoss gewohnt: Sechs 2.5-Zimmer-Wohnungen sind direkt vom Hof zugänglich, drei davon als Maisonette mit Schlafräumen im 1. Obergeschoss. Das schafft nicht nur eine eigenständige Qualität für diese Wohnungen, sondern kann auch den Hof beleben, an dem zwar rundherum im Erdgeschoss gewohnt wird, aber bislang kein Bezug zum gemeinsamen Freiraum geschaffen wird. Ähnliches haben Salathé auch jüngst im Domino in Riehen umgesetzt, wo sie ein Pflegeheim zu Wohnraum umbauten.

Einzig die etwas zu zarte Staffelung entlang der Fassade des Kopfbaus ist aus den räumlichen Gegebenheiten entlang der Hauptverkehrsachse nicht nachvollziehbar: Sie ist weder funktional begründet noch aus der Rhythmik des Bestands abzuleiten, noch tritt sie als selbstbewusste, eigenständige Geste auf, die etwa zur Strassenkreuzung hin als Einladung gelesen werden könnte. So empfiehlt auch die Jury, die Erscheinung des Kopfbaus hinsichtlich seiner Funktion als Landmarke zu überarbeiten.

Ein Neubau und drei Aufstockungen

Auch die anderen Projekte entwickelten pointierte Lösungsansätze für die gestellte Aufgabe. SSA Architekten etwa schlagen ebenfalls für den Kopfbau einen Neubau vor, trennen diesen aber vom Längsbau, wodurch ein neuer Zwischenraum entsteht, an dem sowohl die Zugänge wie auch ein Café vorgesehen sind. Die Durchgangssituation vermag die Jury aber nicht zu überzeugen, sowohl mit Blick auf die verminderten Qualitäten des Wohnhofs wie auch hinsichtlich der Passage selbst, die ganztags im Schatten des neuen Kopfbaus steht.

Die anderen drei Teams erhalten den Kopfbau auch in den Obergeschossen, was aber verschiedene Herausforderungen mit sich bringt, deren Lösungen die Jury letztendlich nicht zu überzeugen vermögen. Das Team rund um Burckhardt Architektur etwa erhält die gesamte Bestandsstruktur, überformt aber die Fassade des Bestands mit neuen Elementen wie einer Laubenerschliessung und aluminiumverkleideten Wandscheiben, wodurch der Bezug zu den charakteristischen Wesensmerkmalen der alten Rennbahnklinik verloren geht.

Jessenvollenweider setzt im Längsbau auf eine vorgesetzte Laube, stockt den Kopfbau in Holzhybridbauweise auf und ergänzt den Bestand mit zwei seitlichen Erweiterungen, was zwar «wegweisend, befreiend und naheliegend» sei, aber für die Entwicklung der Grundrisse viele Hürden mit sich bringe. Das liegt auch an der suboptimalen Erschliessungssituation, die sich aus der Weiternutzung des Bestands ergibt.

Rahbaran Hürzeler stocken den Längsbau um ein Geschoss und den Kopfbau um fünf Etagen auf, die Lasten werden via Exoskelett nach aussen abgetragen. Die alte Rennbahnklinik bleibt so als Sockel sichtbar, das Prinzip des Weiterbauens wird bildhaft vorgeführt. Gleichzeitig überschreitet aber diese Lösung den Baubereich des Quartierplans erheblich – ein Risiko, das die Eigentümerschaft nicht eingehen will.

Die richtigen Fragen

Dass sich die Eigentümerschaft und die Behörden trotz eines Gestaltungsplans, der eindeutig von Abriss und Neubau ausging, auf die vertiefte Prüfung eines Weiterbauens einliessen, ist mehr als nur lobenswert. Und auch wenn die Jury sich für ein besonders überzeugendes Projekt entschied: Alle fünf Beiträge zeigten plausible Wege auf, wie hochwertiges Wohnen unter Einbezug des Bestands realisierbar ist. So zeigt der Studienauftrag nicht nur eine Lösung für die Rennbahn in Muttenz auf, sondern auch, was für gute Antworten man kriegt, wenn man die richtigen Fragen stellt.

Manche Probleme sind aber weder in der Quartiersplanung noch in guten Varianzverfahren zu lösen. So bleibt etwa die Lage direkt an der stark befahrenen St. Jakobs-Strasse eine Herausforderung für Wohnnutzungen. Gesäumt von grossen Autogaragen erinnert sie fast schon an nordamerikanische Vorstädte. Immerhin: Der Strukturwandel macht auch vor den Nachbarsparzellen nicht halt, und je mehr Umnutzungen sich etablieren, umso eher wird eine Atmosphäre entstehen, in der sich auch Menschen zu Fuss wohl fühlen und Zuhause sind. Wenn man Glück hat, entsteht dabei sogar noch gute Architektur. So wie bei der alten Rennbahnklinik.

Rennbahnklinik, Muttenz

Studienauftrag auf Einladung

 

Empfehlung zur Weiterbearbeitung

Salathé Architekten Basel AG, Basel; 
Schnetzer Puskas Ingenieure AG, Basel; 
Albiez de Tomasi GmbH, Zürich; 
Büro für Nachhaltigkeit am Bau Stefan Schrader AG, Zürich;
Buri Müller Partner GmbH, Burgdorf

 

Weiteres Team der Schlussrunde

jessenvollenweider architektur ag, Basel; ZPF Ingenieure AG, Basel; Stauffer Rösch AG, Basel; Waldhauser + Herrmann AG, Münchenstein; Kuster + Partner AG, Chur; Gruner AG, Basel

 

Im ersten Durchgang ausgeschiedene Teams:
 

Team Burckhardt AG

Burckhardt Architektur AG, Basel; Ulaga Weiss AG, Basel; Eberli Landschafts­architektur, Zürich; WerkRaumKlima GmbH, Luzern; Kasburg Siemon Ingenieure, Riehen

 

Team Rahbaran Hürzeler Architekt:innen

Rahbaran Hürzeler Architekt:innen, Basel; ZPF Consulting AG, Zürich; Hannes Kalau, Architekt, Basel

 

Team SSA Architekten AG

SSA Architekten AG, Basel; Gruner AG, Basel; Habitat Landschaftsarchitektur, Zürich; Zirkular GmbH, Basel

 

Fachjury

Men Kräuchi, Architekt, Basel; 
Norma Tollmann, Architektin, Basel; 
Daniel Wentzlaff, Architekt, Basel

 

Sachjury 

Juliane Grüning, Gemeinde Muttenz; 
Dr. Sara Luzón, Pensimo Management AG, Zürich;
Dominik Schmid, Pensimo Management AG, Zürich;
Martin Schriener, Pensimo Management AG, Zürich

 

Auftraggeberin 

Bellerive-Immobilien AG, vertreten durch Pensimo Management AG Zürich

 

Organisation 

punktb GmbH, Zürich

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