50 % Woh­nen + 50 % Ar­bei­ten = 100 % Le­ben?

Towerkomplex Winterthur; Einstufiger Studienauftrag im Einladungsverfahren

Die Neuerschliessung zentrumsnaher Gebiete lockt auch in Winterthur Investoren an und ruft städtische Planungskomitees an den Tisch. Allen Interessen wird man bekanntlich selten gerecht, aber mit einem weit sichtbaren Wahrzeichen für mehr Identität wäre sicherlich allen gedient.

Data di pubblicazione
03-08-2023

Google Streetview zeigt ungeschönt, was für rasante Fortschritte der Ausbau des Winterthurer Umlands in den letzten zehn Jahren gemacht hat. Als Nächstes steht die Gestaltung eines Baufelds in Neuhegi-Grüze auf dem Programm. Im Wettbewerb wollten die Investoren herausfinden, wie der Landstrich zwischen Sulzerallee und Schulhaus Neuhegi mehr Bedeutung gewinnen kann. Der westliche Teil der Parzellen wird nach der Bebauung zur Bewirtschaftung an die Stadt Winterthur abgetreten und als öffentlicher Raum genutzt.

Entsprechend dem Bebauungsplan wünschen sich Mettler2­Invest und Swiss Life eine ausgewogene Nutzungsaufteilung zwischen Wohnen und Gewerbe. Letzteres kommt in einem siebengeschossigen Bau unter, die Wohnungen in einem Hochhaus mit Gewerbesockel. Neben zahlreichen Anforderungen wie an den Lärm- und Hochwasserschutz, Minergie-P und SNBS Gold schienen die Auslobenden auf eine ökonomische Optimierung durch gute Gestaltung Wert zu legen.

Flexibilität in der Nutzung der Gewerbeflächen war Teil dessen. Von der Teilnahme hochkarätiger Ar­chitekturbüros verspricht man sich Ergebnisse, die die Vermarktungsphase erleichtern.

Solide, unaufdringlich, effizient

Das Winterthurer Büro Graf Biscioni Architekten zeigt zusammen mit Lorenz Eugster Landschaftsarchitektur ein stark aneinander ausgerichtetes Ensemble, das auch allein den städtebaulichen Ansprüchen genüge, so die Jury. Die Strenge dürfte man aber durch leichtes Ver­rücken der Baukörper brechen. Das Duo ist dreiseitig von Gärten und Parkanlagen umgeben. Das trägt nicht nur zur Wohnlichkeit bei, sondern vereinfacht auch den Ausbau der Sulzerstrasse und des Idaparks. Der zusätzliche Pavillon an der Sulzerpromenade ist dabei ein städtebaulicher Clou: Der soziale Ankerpunkt vermittelt zwischen Wohnbau, Grün und Strasse.

Die U-Form des Gewerbebaus und die damit verbundene reduzierte Gebäudetiefe ermöglichen eine fle­xible Bespielbarkeit. Um bei Einzelvermietung ganzer Etagen die Wege zu kürzen, schlagen die Planenden Brücken über den Innenhof vor, an deren Nutzen die Jury aber stark zweifelt.

Die Grundrisse des Wohnturms entsprechen zwar dem Programm, sind aber sehr funktional. Dies unterstützt zwar, dass sich ein jeder einrichten kann, bietet aber im Bereich Individualität und Identifikationspotenzial Luft nach oben.

Umzudenken ist die Eingangssituation. Über den Raum zwischen den beiden Neubauten wird nur der Wohnturm erschlossen. Den Gewerbebau betritt man dagegen über Eingänge an der Süd- und Nordseite. Den allseits ähnlichen Grad an Öffentlichkeit sieht die Jury als Problem, und obendrein sei es eine verpasste Chance, den Zwischenplatz zur Begegnungszone auszubauen.

Eine Visualisierung zeigt das Hochhaus geschickt von der schmalen, wohl proportionierten Seite, das Bürogebäude wird gros­senteils durch Bestandsbauten verdeckt. Im Winterszenario erscheint die helle Fassade besonders leicht – unaufdringlich, schweizerisch.

Identitätsbildend, aber unverkäuflich

Der Vorschlag von EMI Architekt*­innen und Hoffmann & Müller Land­schaftsarchitektur kam bei der Jury wegen des sehr gelungenen architektonischen Ausdrucks besonders gut an. Wie beim Siegerteam gewünscht, setzen sie die beiden Baukörper leicht versetzt zueinander und erzeugen spannende Zwischenräume. Der etwas ungestaltete Platz zwischen beiden Gebäuden wird zum gemeinsamen Eingangsbereich. Von aussen wirkt das Wohnhaus trotz der stark mäandernden Fassade geometrisch und mit dem Gewerbebau verbunden. Dies erreicht das Architektenteam, indem es das Gebäude mit um­laufenden Balkonen ummantelt, die aussen gradlinig abschliessen. Die wenig wirtschaftliche Abwicklung bietet dafür Versprünge in der Fassadenschicht, die für schöne, private Aussenräume sorgen.

Der Versuch die Verspieltheit der Fassade nach innen zu führen, war leider wenig erfolgreich: Die daraus entwickelten Grundrisse verunmöglichen eine sinnvolle Mö­blierung. Da erinnert man sich gerne an Gottfried Böhm, der den rechten Winkel zum Segen erklärt hat. Die schwere Vermarktung, haustechnische Defizite und eine deutliche Überschreitung der Geschossfläche führten dann zum frühen Ausschluss des Projekts.

Wenig Potenzial für soziale Interaktion

Armon Semadeni Architekten schlagen, ähnlich wie E2A Architekten, zwei im Erdgeschoss miteinander verbundene Volumen vor. Der Entscheid schränkt die Durchlässigkeit auf städtischer Ebene aber deutlich ein. E2A kreieren zwar einen Innenhof, der aber trotz Zuwendung zur Sulzerstrasse nicht wie ein öffentlicher Aufenthaltsort wirkt. Die Jury interpretiert die Nordfassade des eigentlich wohlproportionierten und gut gesetzten Duos durch die Verbindung im Erdgeschoss als Rückseite des Areals. Die umgebende Bebauung wird nicht eingebunden, der direkte Zugang zum Schulareal im Norden ist versperrt, und die umliegenden Parkanlagen sind ausgegrenzt. Das gibt dem sozialen Austausch kaum eine Plattform.

Charme eines ­Industriegebiets

Generell erinnert die Entwicklung von Neuhegi-Grüze an das vor rund zehn Jahren in Neu-Oerlikon geschaffene Quartier, mit einer vergleichbaren Mischung von Arbeiten und Wohnen. Auch wenn ein hoher Gestaltungswille erkennbar ist, kommt durch die Volumetrie der Gebäude schnell die Atmosphäre eines Industriegebiets auf. Besonders am Wochenende verstärkt sich dieser ­Eindruck. Dass die Wandlung von Neu-­­Oerlikon ein Erfolg war, ist nicht zuletzt einem enormen Aufwand und kulturellen Massnahmen zu verdanken. Die Entwicklungen im Umfeld Hegi könnten ähnliche Probleme erzeugen. Der besonders grosszügig angelegte Grünraum des Siegerentwurfs könnte eine Möglichkeit sein, dem entgegenzuwirken. Das blockartige Volumen des Gewerbebaus ist eine schwierige Hürde in Sachen Wohnlichkeit. Baumschlager Eberle Architekten mit USUS Landschaftsarchitektur begegnen dem Problem mit einer schlüssigen Aufteilung in zwei Gebäude. Um die geforderten Flächen unterzubringen, wurden die Bauten aber enorm dicht aneinander auf riesigen Sockeln platziert, die einen grossen Teil des Grundstücks versiegeln. Die Dachbegrünung der Sockel hilft dort nicht ausreichend. Wo Grosszügigkeit zum Verweilen einladen sollte, werden die Zugänge beängstigend schmal.

Einen Leuchtturm, bitte

Die maximale Höhe des Wohnturms ist mit 60 Metern vorgegeben, die unterzubringende Fläche ist ebenfalls vorbestimmt. Die Proportionierung des Hochhauses war also nur über das Verhältnis von Breite zu Tiefe beeinflussbar – immerhin. Die Erscheinung des Turms hat neben aller Funktionalität wegen seiner Fernwirkung hohe Priorität. Ob als Scheibe oder mit quadratischer Grundfläche: Klar ist, dass eine ­elegante, zukunftsgerichtete Erscheinung die Wahrnehmung des gesamten Entwicklungsgebiets be­einflussen kann.

Durch den formal kopflastigen Aufbau von Armon Semadeni wirkt das Gebäude schnell falsch gewichtet und klobig. Die Fensterbänder von E2A wirken zwar elegant, aber nicht wirklich innovativ oder frisch. Gleiches gilt für Caruso St John Architects, die mit der Farb­gebung und der Terrassierung der Fassade den Gedanken an die Siebzigerjahre wecken. Freude macht hin­gegen der Mut von EMI Architekt*innen, formal herausstechen zu wollen und einen neuen urbanen Fixpunkt zu kennzeichnen.

Was bedeutet das für die Zukunft von Neuhegi? Im Prinzip bringt der Siegerentwurf schon viel mit: Wirtschaftlichkeit unter ­Einhaltung der gesetzlichen und öko­logischen Anforderungen mit ak­zeptablem architektonischem Ausdruck. Um das Entwicklungs­gebiet aber zu einem Ort zu machen, an dem ­Menschen gerne wohnen und arbeiten wollen, braucht es charmante Bauten mit Identifikationspotenzial. Es wäre schön zu sehen, dass die Kleinteiligkeit der Gebäude und der Mut zur Gestaltung der anderen Teilnehmenden bei der Überarbeitung des Siegerentwurfs noch etwas abfärbten.

Dieser Artikel ist erschienen in TEC21 25/2023 «Baukunst für den Eissport».

-> Jurybericht auf competitions.espazium.ch.

Teilnehmende

Siegerteam: Graf Biscioni Architekten, Winterthur; Lorenz Eugster Landschaftsarchitektur und Städtebau, Zürich

Team 2: Armon Semadeni Architekten, Zürich; Hager Partner, Zürich; dsp Ingenieure + Planer, Uster; Waldhauser + Hermann, Münchenstein; Dr. Lüchinger + Meyer, Zürich; F. Preisig, St. Gallen

Team 3: Baumschlager Eberle, St. Gallen; USUS Landschaftsarchitektur, Zürich

Team 4: Caruso St John Architects; Krebs und Herde, Winterthur; Ferrari Gartmann, Chur; Kalt + Halbeisen Ingenieurbüro, Zürich; Enerpeak, Dübendorf; Amstein + Walthert, Zürich; AKP Verkehrsingenieur, Luzern

Team 5: E2A / Piet Eckert und Wim Eckert Architekten, Zürich; Studio Vulkan Landschaftsarchitektur, Zürich; Dr. Lüchinger + Meyer Bauingenieure, Zürich; Waldhauser + Hermann, Münchenstein; Studio Durable Planung und Beratung, Zürich; IBV Hüsler, Zürich

Team 6: Edelaar Mosayebi Inderbitzin Architekten, Zürich; Hoffmann & Müller Landschaftsarchitektur, Zürich; APT Ingenieure, Zürich; Amstein + Walthert, Zürich

FachJury

Katja Albiez de Tomasi, Landschafts­architektin, Zürich; Jens Andersen, Stadtbaumeister, Stadt Winterthur; Philipp Brunnschweiler, Architekt, Winterthur; Barbara Holzer, Architektin (Vorsitz), Zürich; Tanja Temel, Architektin, Luzern

SachJury

Mikula Gehrig, Mettler2Invest, St. Gallen; Sabine Horisberger, Swiss Life, Zürich; Tino Margadant, Mettler2Invest, St. Gallen; Janine Nauer, Swiss Life, Zürich

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