«Ein­schrän­kun­gen in­spi­rie­ren uns»

Studium an der ETH, Büro in Deutschland

In einer Serie präsentieren wir junge deutsche Architekturbüros mit Verbindung zur ETH Zürich. Das Berliner Architekturbüro FAKT arbeitet an Projekten, die jeweils eigene räumlich-strukturelle Konfigurationen entstehen lassen.

Data di pubblicazione
20-10-2020

Das Architekturbüro FAKT wurde 2013 in Berlin gegründet. Seit 2020 wird es von den Partnern Sebastian Kern, Jonas Tratz und Martin Tessarz geführt. Sie haben an der TU Berlin und an der ETH Zürich studiert und waren im Anschluss in Büros sowie als wissenschaftliche Mitarbeiter an verschiedenen Universitäten tätig. In den letzten Jahren hatten sie Lehraufträge an der Hochschule Anhalt in Dessau sowie an der Universität Trient. 2019 wurden ihre Arbeiten mit dem Aufenthaltsstipendium der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo ausgezeichnet. Das Büro nimmt an Wettbewerben und Ausstellungsprojekten teil und hat erste Projekte realisiert.

Die Arbeit von FAKT erforscht räumliche Potenziale auf akademischer Ebene sowie anhand von Ausführungsprojekten. Die architektonischen Projekte werden durch die Arbeit an sozialen Interventionen und urbanistischen Studien ergänzt.
 

TEC21: Was sehen Sie als grösste Chance in Ihrer Stadt, Ihrer Region?

FAKT: Wir leben und arbeiten seit 2013 in Berlin. Hier haben wir uns schon während des Grundstudiums kennengelernt, zwei von uns sind hier auch geboren und aufgewachsen. Obwohl wir viele Jahre in der Schweiz verbracht haben und gern auf diese Zeit zurückblicken, war es für uns immer klar, dass wir nach Berlin zurückkehren werden.

Architektonisch sehen wir jedoch vieles eher kritisch, was momentan in Berlin passiert. Es wird weiterhin viel gebaut, und die Stadt verändert sich sehr schnell. Trotz dieser Bauaktivitäten ist unser Eindruck, dass es für junge Büros gar nicht so leicht ist, an die relevanten Projekte, geladenen Wettbewerbe oder grössere Studien heranzukommen. Wir glauben, der Stadt entgehen dadurch einige Ideen und Chancen der nächsten Generation.

Dennoch gibt es im Vergleich zu anderen Metropolen immer noch einen grösseren Möglichkeitsraum. Wir arbeiten zum Beispiel auf dem Gelände einer ehemaligen Werkhalle von General Motors im Süden von Berlin. Hier haben wir die Freiheit, aber auch den nötigen Platz, um Projekte zu planen und auch Versuche 1:1 zu testen und aufzubauen.
 

TEC21: Wo ist der Bezug zur ETH oder zur Schweiz in Ihrer Arbeit spürbar?

FAKT: Die Zeit in der Schweiz hat uns stark geprägt. Bereits während unseres Bachelorstudiums war die Schweizer Architektur einer der Fokuspunkte. Als wir dann ab 2010 in der Schweiz waren, gab es fast ein Übermass an Einflüssen und Prägungen, von denen viel hängen geblieben ist.

Der Wert der Fotomodelle bei Christ & Gantenbein, detailverliebte Pläne bei Tom Emerson, inspirierende Kritiken von Peter Märkli oder die Vorlesungen an der EPFL von Jacques Lucan. Später musste man natürlich auch verstehen, dass man in Deutschland nicht wie in der Schweiz Architekt sein kann.

In vielerlei Hinsicht bleiben Schweizer Modelle des Bauens ohne direkte Transfermöglichkeit in andere europäische Länder. Das Verständnis für den Beruf, die Ausbildung der Handwerker etc. ist hier ganz anders, ebenso die politischen und finanziellen Rahmenbedingungen. Wir denken, dass man seinen eigenen Ausdruck und und seine eigene Sprache finden muss; daran arbeiten wir. Und die Berliner Rahmenbedingungen sind dazu trotz allem ein wertvoller Einflussfaktor.

 

TEC21: Was sind aktuelle Inspirationen Ihrer Arbeit?

 

FAKT: Momentan leben und arbeiten wir abwechselnd in Rom und Berlin, da unsere Arbeit mit dem Rompreis der Deutschen Akademie Villa Massimo ausgezeichnet wurde. Rom als  umfangreiche architektonische Sammlung ist aktuell eine grosse Inspiration für uns.

Abgesehen davon beeinflussen und inspirieren uns auch immer wieder die Regeln oder Einschränkungen in unserem Berufsalltag. Wir versuchen diese kreativ umzudeuten, zum Beispiel haben wir uns mit unserem Unistudio in Dessau mehrere Semester mit Baurecht beschäftigt und nach neuen Regeln gesucht, die helfen könnten, bestehende Nachbarschaften zu transformieren. Die Regel wird so zum Entwurfswerkzeug.

Nach sechs Jahren Büro ist es aktuell eine wirklich gute Erfahrung, in Rom zu arbeiten, hier sowohl freier als auch in einem ganz anderen Setting gemeinsam über Projekte nachzudenken und zusammen zu entwerfen. Die Fragestellung, in welcher Konstellation wir Projekte freier denken und realisieren können, begleitet uns ständig. Dafür muss man aber wahrscheinlich kämpfen, egal wo man ist, und sich immer wieder fragen, wo man Chancen sieht, wo man sich selbst sieht.

In unserer Online-Serie «Debüt» präsentieren wir die Werke junger Architekturbüros. Dieser Beitrag  ist Teil einer Reihe, die den Schwerpunkt auf Architektinnen und Architekten mit Bezug zur Schweiz setzt, die ihr Büro in Deutschland gründeten.