Un­ter ei­nem Dach

Im Neubau des Kindergartens in Morbio Inferiore schafft das Tragwerk die Raumstruktur. Nach einem schlichten Entwurf aus Beton und Holz entstand eine kindgerechte Lernumgebung. Darin stehen Architektur, ­Statik, Akustik und Pädagogik in einem aufwertenden Wechselspiel.

Data di pubblicazione
13-08-2020

Lernbereitschaft setzt Wohlfühlen voraus – dies gilt ganz allgemein, insbeson­dere aber bei Kindern im Kinder­gartenalter. Behaglichkeit in einer Lernumgebung zu erreichen setzt eine kindergerechte Architektur als Basis voraus. Sie kann mit Farben, Stoffen und Material bespielt werden, die einen pädagogisch wertvollen Raum schaffen. Denn Kinder interagieren mit der unmittelbaren Umgebung, und sie entwickeln sich durch den kontinuierlichen Austausch mit ihrem Gegenüber. Dabei prägt auch die Spielumgebung, die Raumwirkung. Architektur und Pädagogik korrelieren, sie stehen in einer wechselseitigen Beziehung.

Der 2014 ausgeschriebene Wettbewerb für den Neubau des Kindergartens in Morbio Inferiore im Südtessin umfasste die Gestaltung einer ebensolchen Architektur. Der Neubau liegt im Quartier San Giorgio, in unmittelbarer Nähe der Primar- und der Mittelschule (Mario Botta, 1972–77) und der Kirche San Giorgio. Die Via Stefano Franscini zwischen der Primarschule und dem neuen Kindergarten gestaltete man zu einem Schulplatz um.

Holz und Beton

Das Gebäude nach dem Entwurf des Architekten Jachen Könz hat einen Grundriss von 55 × 26 m, und die speziell konzipierten und kindergerechten Räumlichkeiten erstrecken sich auf einem ebenen Erdgeschoss, das sich leicht – um zwei Stufentritte – vom Boden abhebt. Im Untergeschoss aus Ortbeton befinden sich Küche und Technikräume mit einem direkten Zugang von aus­sen, den man über eine Zufahrtsrampe entlang der südlichen Gebäudeseite erreicht. Die Hauptzugänge zum Gebäude sind im Süden über einen Laubengang erreichbar.

Treten die Kinder ins Erdgeschoss, gelangen sie in Räume, die von Stahlbeton- und Holztragwerken geprägt sind. Das Tragwerk in Mischbauweise ist streng symme­trisch, und jedes Tragelement für sich ist eine bis in die konstruktiven Details von Fachkundigkeit geprägte Einheit. Entsprechend waren auch zwei spezialisierte Ingenieurbüros am Werk – für Beton die Ingenieure von Fürst Laffranchi, für Holz jene von Pirmin Jung Schweiz.

Vier Achsen parallel zur Gebäudelängsrichtung bilden das Primärtragwerk. Die beiden äusseren Tragachsen sind aus Holz, die beiden inneren aus Stahlbeton. Quer dazu sind wiederum auf vier Achsen Betonwände angeordnet, die aber einzig als Raumtrennung (zwei innere Querachsen) bzw. als Aussenwände (Fassadenwände Ost und West) dienen. Denn alle vier Querwände sind oben grosszügig ausgespart und mit einem Fensterband als Raumtrennung bzw. Witterungsschutz ausgestattet.

Einzig die Wandenden sind auf einer Breite von 1.70 m raumhoch. Diese vier «Nocken» pro Fassadenseite dienen der Holzkonstruktion entlang der nördlichen und südlichen Fassade als Auflager. In Grundrissmitte erstreckt sich ein Stahl­betonkern für die Erschliessung über beide Geschosse. Über alle diese vertikalen Tragelemente zieht sich eine gerippte Holzdecke, die statisch als Scheibe wirkt.
 

Skulpturales Tragwerk

Die vertikalen Tragelemente teilen den Grundriss in vier Bereiche auf, die in der Längsachse durch zwei Innenhöfe mit elliptischen Dachöffnungen voneinander getrennt sind. Zusammen mit den nach Norden hin mit raumhohen Fenstern offen gestalteten Räumen entsteht eine Verbindung von innen und aussen, die für Kinder wichtig ist, um den Tagesablauf zu spüren und direkt zum Spielplatz zu gelangen.

Die Klassenräume sind offen und durchlässig gestaltet. Auf halber Raumhöhe modellieren 1.50 m hohe, als Möbel gestaltete Trennelemente verschiedene Klassenbereiche. So behalten die Lehrpersonen den Überblick über den gesamten Raum, und die Kinder sind in einer kleineren Raum­­einteilung behütet; für jeweils zwei Klassenräume ist aber grundsätzlich ein Bereich für Bewegungsaktivitäten vorgesehen.

Die Durchlässigkeit widerspiegelt sich in den Tragelementen aus Stahlbeton, die wie Skulpturen im Raum erscheinen. Die elliptischen Öffnungen lassen die Räume ineinanderfliessen, und mit den geschwungenen Formen entsteht eine höhlenartige Erscheinung, die den Kindern Geborgenheit vermittelt. Was aber aussieht wie elliptisch ausgeschnittene und in Serie angeordnete Bogen, sind aus statischer Sicht vielmehr vier seriell angeordnete T-Stützen – vier tragende Pfosten mit symmetrisch auskragenden Armen, die durch eine kaum sichtbare, 1 cm breite Fuge voneinander getrennt sind. Die Verjüngung der «Bogen» bis auf 28 cm hätte am Scheitelpunkt infolge Betonschwindens auf Dauer einen Riss ergeben.

Um eine solche ästhetisch unerwünschte und vorgegebene Schwachstelle zu vermeiden, trennten die Ingenieure die schlanken, jeweils 12 m weit spannenden «Bögen». Als Gelenk biegefrei, aber über einen Querkraftdorn miteinander verbunden entstehen keine differenziellen Setzungen, und die Bogenlinie zieht sich bündig und stetig durch.

Holz schafft Nischen

Während die Elemente aus Stahlbeton organisch erscheinen, kon­tras­tiert der Holzbau mit seiner linearen Konstruktion. Die Balkenlage im Abstand von 40 cm zieht sich von der Nord- zur Südfassade. Die Rippen­struktur der Holzdecke ist nicht nur statisch bedingt, sondern trägt mit einer Verringerung der Nachhallzeit zu einer angenehmen Akustik bei. Jeder Balken ist statisch ein 8 m langer Einfeldträger mit einer Auskragung im Vordach von 3 m. Die elliptischen Dachöffnungen in der Mitte des Gebäudes werden statisch durch die Auskragung der Dachbalken gelöst.

Mittig ruhen die Holzbalken (Fichte / Tanne) auf den elliptisch ausgeschnittenen Stahlbetonscheiben, am Rand auf einem hölzernen Durchlaufträger. Dieser präsentiert sich zusammen mit den Auflagerstützen lamellenartig aufgelöst. ­Sieben im Abstand von 14 cm nebeneinander liegenden und in den Momentennullpunkten gestossenen Bretter aus Fichte / Tanne verflechten sich über einer Verschraubung mit den stehenden und ebenfalls lamellenartig aufgelösten Stützen.

Die 14 cm breiten Holzstützen, die quer zur Fassade stehen, schaffen mit dem Durchlaufträger einen arkadenartigen Übergangsraum zwischen innen- und aussen. Er schirmt ab, verschattet und schafft Spielnischen – kindergerechte Bereiche für einen behüteten Aufenthalt, der wiederum die Basis für Lernprozesse ist.

Der dritte Lehrer

Das Planungsteam mit dem Architekten und den beiden Ingenieur­büros bestand schon während des frühen Planungsprozesses – eine Grund­voraussetzung, um Projekte dieser Art konsequent in der zugrunde liegenden Idee auszuführen. Denn die Idee, die Tragstruktur als Kernelement des Projekts zu behandeln, entstand bereits am Anfang. Aus der interdisziplinären Zusammenarbeit, die von der Bauherrschaft gestützt wurde, entstand letztlich eine klare Raum- und Tragstruktur, die auf wenige wesentliche Elemente reduziert ist und mit ihren Formen die Neugier und das Interesse der Nutzer weckt.

Hier gilt die Aussage des italienischen Lehrers und Psycho­logen Loris ­Malaguzzi aus den 1940er-Jahren, dass die räumliche Umgebung, in dem sich das Kindergartenkind befindet, neben den Gleichaltrigen und den Erwachsenen der dritte Lehrer sei.

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