Fachwerk vor Steilwand

Der Hammetschwand-Lift an der Nordflanke des Bürgenstocks ist ein kühnes, filigranes und auffallendes Bauwerk.

Clementine Hegner-van Rooden Ingenieurwesen, Korrespondentin TEC21

Der höchstgelegene Punkt des Bürgen­stocks – die Ham­metschwand-Alp mit 1128 m ü. M. – bietet eine spektakuläre Sicht auf den ganzen ­nordwestlichen Teil des Vierwaldstättersees mit seinen vier Einbuchtungen und auf die Stadt Luzern. Eine steil, fast senkrecht abfallende Nordflanke – die Hammetschwand – hält diesen Blick frei. Seit sich der Bürgenstock ab 1872 zum Ferienort und Nobelkurort für die gehobene Gesellschaft entwickelt hat, machen sich denn auch viele Erholungssuchende zu diesem weitreichenden, wenn auch beschwerlich erreichbaren Ausblick auf.

Es verwundert kaum, dass der ­Hotelier, Unternehmer und Eisbahn­pionier Franz Josef Bucher-Durrer (1834–1906) in der Belle Epoque, zwischen 1897 und 1902, einen Rundweg vom Bürgenstock zur südwestlich gelegenen Honegg in den Felsen schlagen liess. Seine wohlhaben- den Sommergäste und die Tages­touristen erhielten auf dem Berg rund um seine Hotels eine Höhenpromenade. Noch heute lädt dieser Felsenweg zu einem attraktiven Spaziergang mit weiten Ausblicken.

Damit aber nicht genug. 1903 bis 1905 liess Bucher-Durrer rund zwei Kilometer östlich der Bergstation der Bürgenstockbahn – die ebenfalls von ihm initiiert und 1888 als 944 m lange meterspurige Standseilbahn ab Kehrsiten eröffnet  worden war – einen neuen und weniger anstrengenden Zugang zum Aussichtspunkt erstellen: den Hammetschwand-Lift, ein technisches Meisterstück. Seither können die Gäste die höchste Bergspitze auch gemächlich über die Bahn, einen sanft ansteigenden Fussweg und eben diesen elektrisch betriebenen Aufzug erreichen.

An der Flanke hinauf

Die erste Kabine des Hammetschwand-Lifts, aus Bergfichtenholz und aussen zum Schutz gegen die Witterung mit Zinkblech überzogen, fasste sechs bis acht Erholungssuchende oder 600 kg. Die Kabine enthielt sogar zwei gepolsterte Sitzbänke. Im Siebenminutentakt beförderte sie Gut und Gäste auf einer Plattform von 1.55 × 1.80 m in drei Minuten mit einer Geschwindigkeit von 1 m/s die gesamten 152.8 m Betriebslänge hinauf auf die Felsnase der Hammetschwand-Alp. Damit war der Lift der schnellste Aufzug Europas; allerdings war die Fahrt aufgrund von Spannungsschwankungen äus­serst unstet. Der Strom stammte aus dem Flusskraftwerk Fadenbrücke in Buochs an der Engelberger Aa.

Geplant und gebaut haben den Aufzug und die filigrane Kon­struktion die Ingenieure und Unternehmer von Caspar Wüst & Cie. aus Zürich Seebach und Löhle & Cie. aus Kloten. Die Tragkonstruktion besteht aus einem Fachwerkturm mit doppeltem Strebenzug und einem einheitlich schlanken Grundriss von 2 × 2 m, der mit seiner Spitze 119 m hoch ist und auf einem 43.5  m hohen Felsschacht steht. Dieser Schacht bildet das erste Drittel des Liftturms. Die ersten 14 m davon sind geschlossen und befinden sich im Berg, wo die Talstation auf 961 m ü. M. in den Fels gehauen ­wurde. Die verbleibenden 31 m des Schachts sind gegen vorn offen; der Schlitz im Felsen gibt den Blick auf das Panorama frei.

Nach der Fahrt durch den Felsenschlitz erstreckt sich der Fachwerkturm in die Höhe. In dieser mittleren, nahezu senkrechten Fels­partie schmiegt sich das Gerüst aus Schmiedeeisen an den Felsen und ist über Schlaudern an ihn rückverankert. Der Fuss ruht auf einem Rahmen, der seitlich in die Felswand eingelassen ist und dem Turm eine gewisse Einspannung gibt. Im obersten Drittel, das wie das unterste leicht geneigt ist, ist der Turm mit der zurückweichenden Felswand durch horizontale, verankernde Fachwerkkonstruktionen verbunden, die bis 10.5 m lang sind und 20 bis 24 m auseinanderliegen (das Zehn- bis Zwölffache der Turmbreite). Die oberste Verankerung bildet zugleich den Zugangssteg zur Bergstation, die sich auf 1114 m ü. M. befindet. Der Lift selbst steht auf Luzerner Boden in der Exklave Bürgenstock, das Bergplateau befindet sich hingegen im Kanton Nidwalden.

Bereits die vierte Generation

1936 setzte die damals in Luzern ansässige Kommanditaktiengesellschaft Schindler & Cie. (aus der die Caspar Wüst & Cie. herausgewachsen ist) den Lift gemeinsam mit dem ­zuständigen technischen Personal des Besitzerhotels erstmals instand. Die Konstruktion des Turms und der Führungsschienen sowie der Antrieb wurden verstärkt. Zudem erhielt der Lift eine neue Kabine aus Leichtmetall, in der zehn bis zwölf Personen Platz fanden und die mit 2.7 m/s etwas schneller betrieben werden konnte. Die Fahrzeit reduzierte sich auf eine Minute; die Betreiber erhielten den Titel des schnellsten Lifts in Europa zurück, der zwischenzeitlich an den 2.3 m/s schnellen Aufzug im Berliner Glockenturm gegangen war.

Eine zweite Instandsetzung und Modernisierung erfolgte in den Jahren 1959 und 1960. Die Struktur wurde erneut verstärkt, der Korrosionsschutz verbessert und der Antrieb überholt, sodass sich die Fahrzeit bei einer bemerkenswerten Liftgeschwindigkeit von 4 m/s auf 45 Sekunden verkürzte. 1981 erfuhr der Lift eine weitere Erneuerung, bei der vor allem die Steuerung der Einfahrtkontrolle modernisiert wurde. Trotz regelmässigen In­stand­­setzungen drohte dem 85 Jahre alten Lift 1990 die Schliessung, die Be­­hörden verlangten eine komplette Renovation.

Mit fachlicher und finan­zieller Unterstützung durch Schindler & Cie. gelang es dem Besitzer, den Fortbestand zu sichern – die beiden Parteien gründeten die Betriebs­gesellschaft Hammetsch­wand Lift mit Sitz in Ennetbürgen NW. Sie renovierte von 1990 bis 1992 die gesamte Anlage. Die Talstation wurde komplett erneuert und erweitert. Der Lift wurde fortan mit einer auf drei Seiten komplett verglasten, rollstuhlgängigen und witterungsresistenten Panoramakabine betrieben, die zwölf Personen oder 900 kg Traglast fassen kann. Der Einstieg erfolgte neu von hinten. Damit das Panorama wieder ausführlicher genossen werden konnte, senkte man ausserdem die Betriebsgeschwindigkeit auf 3.15 m/s herab. Die Trag­konstruktion wurde verstärkt, neu gestrichen und mit 16 Lampen versehen, sodass die Anlage bei klarer Sicht auch nachts von weit her zu sehen ist.

Dem Initianten Bucher-Durrer wäre das wohl recht gewesen. Schon in der Ausgabe der Schwei­zerischen Bauzeitung von 1905 hiess es nämlich: «Bei der senkrechten Anordnung … mögen zunächst Sparsam­keiten bestimmend gewesen sein, da eine, wie meist üblich, geneigte Anlage länger und … teurer ausgefallen wäre. Andererseits war es wohl dem Erbauer nicht unlieb, den kühnen, senkrecht aufsteigenden Aufzugsturm frei in die Luft hinauszustellen und so die Aufmerksamkeit der zahllosen Besucher des Sees auf die Anlage zu lenken.»

112-jähriges Juwel

Zu seinem 100-jährigen Bestehen wurde der Lift 2005 noch einmal umfassend instandgesetzt und erneuert. Letztmals erhielt die Anlage schliesslich 2013 bis 2016 eine Auffrischung: Die Bauherrschaft liess Sicherungsarbeiten am Fels vornehmen, und Dolmus Architekten revitalisierten die Eingangshalle. Die bestehende innere Hülle wurde bis auf die technisch notwendigen Räume herausgebrochen und der Fels räumlich inszeniert. Ein frei stehender Glaskörper schützt die historische Liftanlage und macht sie sichtbar. Der Eingangsbereich und das Vordach wurden mit feuerverzinktem Gitterrost eingekleidet, und die Kaverne wird neu mit funktionellen Leuchtkörpern aus dem Tunnelbau beleuchtet.

Seither funktioniert das ­historische Juwel wieder wie geschmiert und tadellos. Allerdings nicht im Winter – seit dem 15. November sind die Anlage und der ­Felsenweg geschlossen. Die Wieder­eröffnung erfolgt im Frühjahr 2018, sobald es die Witterung erlaubt.

Literatur
«Der Hammetschwand-Aufzug am Bürgenstock», Schweizerische Bauzeitung, Bd. XLVI Nr. 15, 7. 10. 1905, S. 186–188.
Curt M. Mayer, «Hammetschwandlift – Der höchste Freiluftaufzug Europas», Schweizer ­BauJournal 28. 3. 2013.
Ulrich Beck, «Der Hammetschwandlift auf dem Bürgenstock – Europas höchster Freiluft-Aufzug», Bericht Denkmalpflege Schweiz.

Instandsetzung und Modernisierung: 2013–2016
Bauherrschaft: Bürgenstock Hotels, Obbürgen
Architektur: Dolmus Architekten, Luzern
Bauingenieur: CES Bauingenieur, Hergiswil
Geologie: Keller & Lorenz, Luzern
Aufzugsbau: Schindler Aufzüge, Ebikon

 

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