Die Hand und der Hand­schuh

Creative Factory, Renens VD

In Renens wartete ein Ensemble ehemaliger Industriegebäude aus den 1950er-Jahren auf eine Umnutzung. Bauart Architekten und Planer haben darin 51 Wohnungen und diverse weitere Nutzungen verwirklicht – kein architektonisches Manifest, sondern ein präziser und wirtschaftlicher Eingriff, der den Bedürfnissen des Bezirks Ouest lausannois entspricht.

Date de publication
12-10-2026

Vielleicht kennen Sie Thoravej 29, das Kulturzentrum in einer ehemaligen Fabrik in Kopenhagen.1 Das vielfach ausgezeichnete und von der internationalen Presse gefeierte Projekt verkörperte 2025 das Manifest der Transformation: radikal, erfinderisch, kompromisslos. Und nun: Kennen Sie die Creative Factory in Renens VD? Das Projekt, das zwischen 2022 und 2025 realisiert wurde, ist vielleicht weniger laut, aber ebenso beeindruckend. Und es schafft bezahlbaren Wohnraum, der im Bezirk Ouest lausannois sehr willkommen ist.

Mit der Ankunft des neuen Trams vollendet die Region westlich von Lausanne derzeit einen prägenden Wandel. Seit 20 Jahren begleiten der Schéma directeur de l’Ouest lausannois (SDOL) und dessen Strategie die Umnutzung ehemaliger Industriebrachen. In fast allen Fällen versuchten (private) Investoren, die Anzahl der auf den Markt gebrachten Wohnungen zu maximieren. 

Die Creative Factory ist eine Ausnahme, denn das Grundstück zwischen dem Chemin du Chêne und den Bahngleisen war gar nicht für eine Nutzungsänderung vorgesehen. Es war der Eigentümer des Geländes, das Unternehmen Patrimonium, der die Initiative ergriff und der Gemeinde eine Transformation dieses Industriegebäudekomplexes vorschlug – zusammen mit den Architekten und Stadtplanern von Bauart, mit denen er bereits das Quartier Oassis in Crissier (VD) realisiert hatte. 

Das ab den 1950er-Jahren schrittweise errichtete Ensemble hatte unterschiedlichsten Zwecken gedient: Bäckerei, Lagerhallen für Lebensmittel- und Möbelvertrieb, Büro- und Schulungsflächen. Anstatt diese Volumina leer stehen zu lassen, schlug der Investor eine Umnutzung vor.

Wie viele als beispielhaft geltende Transformationen erklärt sich auch diese zunächst aus baurechtlichen Randbedingungen: Bei einem Ersatzneubau wäre die mögliche Nutzfläche deutlich kleiner ausgefallen. Die Gemeinde war erfreut, denn das vorgeschlagene Projekt schafft einen Nutzungsmix von Wohnen, Handwerk, lokalem Gewerbe und sozio-edukativen Werkstätten, der im Kontrast zu den meisten Wohnbauprojekten im Ouest lausannois steht. Die ORIF, eine Bildungseinrichtung für junge Menschen mit Integrationsbedarf oder gesundheitlichen Einschränkungen, kann im östlichsten Gebäude bleiben und profitiert von einer zusätzlichen Werkstatt. 51 Wohnungen – Loft-Ateliers, Wohnungen, Gemeinschaftswohnen – sowie Handwerks- und Gewerbeflächen vervollständigen das Programm.

Wenn das Programm den Beton formt

Das Hauptgebäude, ein Skelettbau aus Stahlbeton, hat eine Tiefe von über 20 m; die Nordfassade blickt auf die Gleise, an der Südfassade liegen die Laderampen, an denen einst die Lastwagen andockten. Um alte Strukturen zu reanimieren, gilt es, wie der Städtebauhistoriker André Corboz sagte, «die Hand zu finden, die zum Handschuh passt» – wobei der Handschuh hier zunächst ein wirtschaftliches Ziel darstellte. Die Baukosten von 50 Mio. Fr. – inklusive einer Subvention von 1.2 Mio. Fr. – mussten gerechtfertigt werden. Um dies zu erreichen, musste die Konzeption der Nutzungen und der Räume aus einem Guss erfolgen. Agnès Haulbert, Senior Director Real Estate bei Patrimonium, bezeichnet das Projekt als «wichtig, aber nicht rentabel». 

Die Strategie bestand darin, das Gebäude um eine Lichtachse herum zu organisieren: Die Aktivitäten sind im nördlichen, an den Gleisen liegenden Bereich konzentriert, während eine neue Rue intérieure in die Tiefe der Halle führt. Im Zentrum der Halle wurden die Geschossplatten aufgeschnitten, um ein längliches, von zwei Oberlichtern beleuchtetes Atrium zu schaffen. 

Der Schnitt offenbart alle verborgenen Qualitäten der Struktur. «Auch wenn das Gebäude nicht unter Denkmalschutz steht, waren wir überzeugt, dass die Stützen erhalten und in Wert gesetzt werden mussten», betont Emmanuel Rey, Partner bei Bauart. Die Mühe hat sich gelohnt: Mit ihren eleganten, an Pfifferlinge erinnernden Kapitellen haben die Pilzstützen einen eigenständigen skulpturalen Charakter, der eine Inszenierung verdient.

Lofts mit Auskragung

Auf der Nordseite orientieren sich vier doppelgeschossige, diffus beleuchtete Räume zu den Gleisen hin und bieten den Menschen, die hier wohnen oder arbeiten, Orte der Ruhe und Begegnung. Die Architekten vergleichen diesen Ansatz mit demjenigen, den sie einst für das Projekt Ecoparc in Neuenburg gewählt hatten: Auch dort öffnen sich grosse Fensterfronten auf die Bahngleise und verwandeln etwas, das normalerweise als Störung wahrgenommen wird, in eine Ressource.

Im südlichen Bereich sind die Wohnungen zwischen Trennwänden und Nasszellen aus Holz organisiert. Einige sind leicht über das Atrium auskragend angeordnet, fangen das zenitale Licht ein und beleben die innere Fassade mit einer malerischen Unregelmässigkeit. Das Fenster bietet jedoch keinen Blick nach draussen. Dieser Kniff erlaubt es, die Fläche der knapp bemessenen Wohnungen zu vergrössern. Im Erdgeschoss bieten die Loft-Ateliers auf der Südseite grosse Flexibilität – Wohnen, Arbeiten oder beides gleichzeitig – mit Balkonen auf den ehemaligen Laderampen. Die Obergeschosse beherbergen einseitig orientierte Wohnungen. Bis unters Dach profitieren einige Wohnungen von Loggien, die in das Volumen eingeschnitten sind.

Die gezähmte Fassade

Auf der Südseite wird die bestehende Industriefassade auf der ganzen Länge durch eine leichte Stahlstruktur aufgedoppelt. Diese trägt die Balkone, dient zur Befestigung der Rollos für den Sonnenschutz und ist ein Rankgerüst für Kletterpflanzen, die aus dem Boden und aus Trögen auf dem Vordach emporwachsend die Fassade allmählich mit einem pflanzlichen Schleier überziehen sollen. Die Zeit wird hier als Material begriffen.

Die Aussenraumgestaltung setzt diesen Ansatz fort. Die beim Ausschneiden des Atriums entfernten Betonteile werden im Park als Wegplatten, Zyklopenpflaster oder Sitzgelegenheiten wiederverwendet. «Dieser Re-Use vor Ort ist eine verlockende Idee», räumt Emmanuel Rey ein, «doch ihre Ausführung ist anspruchsvoller, als sie aussieht.» Es musste gebohrt, gesägt und transportiert werden, frei liegende Armierungen mussten nachgeschliffen und alte Harze entfernt werden, um die rohe Betonoberfläche wieder freizulegen. Ein Teil der rissigen oder beschädigten Platten konnte nicht wiederverwendet werden. Diese akribische, nach Vollendung unsichtbare Arbeit ist jedoch eine der Stärken des Projekts.

Das kleine Concierge-Gebäude aus den 1950er-Jahren ist neu ein freistehendes Haus im Park. Einst wies das Gebäude die sorgfältige Fassadengliederung der damaligen Industriearchitektur auf, eine Rhythmisierung, die ihm Ausdruck verlieh. Nun ist es vollständig von einer Aussendämmung und einer Holzverkleidung verhüllt, was schade ist, denn damit geht die Identität eines für den Standort charakteristischen Elements verloren.

Manifest ohne Aufdringlichkeit

Das Opfer des ehemaligen Concierge-Gebäudes auf dem Altar der Energieeffizienz führt zu einer breiteren Debatte, die die Machbarkeit des Projekts selbst betrifft. Energetisch stellt das Projekt einen bedeutenden Sprung dar: von der GEAK-Klasse G zu B. Entscheidende Schritte waren der Ersatz des 100000-Liter-Heizöltanks durch den Anschluss an das Fernwärmenetz von Lausanne Ouest und die Errichtung einer grossen Photovoltaik-Überdachung auf dem bestehenden Parkplatz. Den GEAK A zu erreichen, war laut Agnès Haulbert unmöglich. 

Für Patrimonium ist der Eingriff Teil einer langfristigen Strategie: Das Unternehmen will 2025–2050 rund 113 Mio. Fr. in die Sanierung seines gesamten Immobilienbestands investieren. Laut einer Umfrage von Patrimonium unter den Mietenden – Haushalte mit eher bescheidenem Einkommen – akzeptieren diese höhere Mietzinse, sofern die Nebenkosten sinken. Auch andere Ergebnisse dieser Umfrage sind aufschlussreich: Weniger als 5 % der Mietenden finden die Ästhetik oder die Energieeffizienz ihrer Gebäude wichtig. Architektur mit grossem A ist kein Kriterium. Die wichtigsten Kriterien sind der Mietpreis, die Lage und manchmal die Begrünung der Umgebung.

Creative Factory liefert all diese Antworten. Es ist kein dänisches Architekturmanifest, aber es wird den Bewohnenden vielleicht umso mehr gefallen; die einfache und ehrliche Umsetzung offenbart stellenweise eine Patina, die unbezahlbar ist. Man bedauert nur, dass sie nicht roher belassen wurde, wenigstens stellenweise. Dennoch bietet das massgeschneiderte Projekt einen Nutzungsmix, bezahlbaren Wohnraum und sogar einen Park für die Stadt Renens. Vielleicht ist das die radikale Transformation.

Anmerkungen

 

1 vgl. TRACÉS 12/2025 

Dieser Artikel wurde erstmals unter dem Titel «La main et le gant» in espazium revue 7/2026 veröffentlicht. Die vorliegende Übersetzung wurde mithilfe künstlicher Intelligenz erstellt und anschliessend von der Redaktion überarbeitet.

Creative Factory, Renens (VD), 2025

 

Bauherrschaft: Patrimonium, Lausanne / Zürich / Baar

 

Architektur: bauart Architekten und Planer AG, Bern / Neuchâtel / Zürich

 

Generalunternehmung: Implenia Schweiz AG

 

Baukosten: 50 Mio. Fr.

 

Nutzung:  51 Wohnungen (1.5 bis 7.5 Zimmer, 40 bis 240 m²), Handwerks- und Gewerbeflächen (32 bis 157 m²), ORIF

 

Zertifizierung: GEAK B (ehem. GEAK G)

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