Wie Mu­leg­ns aus dem Dorn­rös­chen­schlaf er­wach­te

Mulegns wirkt auf den ersten Blick wie ein Ort, den die Zeit vergessen hat. Ein paar Häuser entlang der Julierpassstrasse, der Bach rauscht, kaum Bewegung. Wer hier anhält, tut das selten aus Zufall – eher, weil er sich verfahren hat. Und doch beginnt genau hier seit kurzem etwas: Zu Gast im Post Hotel Löwe.

Publikationsdatum
11-05-2026

Lange schien das Passdorf dem Schicksal vieler Alpendörfer zu folgen: Abwanderung, Leerstand, langsames Aussterben. Erstmals in einer Urkunde von 1521 erwähnt, war Mulegns zu diesem Zeitpunkt eine bescheidene Sust- oder Herbergssiedlung am Passweg. Mit dem Ausbau der Strasse über den Julierpass zwischen 1826 und 1840 wurde Mulegns zum wichtigen Transit- und Etappenort des aufblühenden Passverkehrs ins Engadin, was den Ort nachhaltig prägte. 

Mit der Weissen Villa von 1856 und dem Rothaus von 1858 – zwei repräsentativen Wohnbauten reüssierter und in die Heimat zurückgekehrter Zuckerbäcker – sowie dem Post Hotel Löwe aus den 1830er-Jahren erhielt das kleine Bauerndorf am südlichen Ortsrand ein städtisch anmutendes Kleinstensemble. Schmiede, Pferdeställe, Wagenremise, ein Telegrafenamt und sogar ein kleines Elektrizitätswerk gehören zur Anlage. 

Doch die Eröffnung der Albulalinie der Rhätischen Bahn 1903 bedeutete das Ende der Blütezeit der Postkutsche auf der Julierroute und das Ende von Mulegns als Pferdewechselstation und Etappenort. Mit dem Wandel der Verkehrswege verlor der Ort seine strategische Bedeutung. Zurück blieb ein Dorf, das sich über Jahrzehnte eher hielt als entwickelte. Waren um 1900 noch beinahe 150 Menschen in Mulegns wohnhaft, sind es heute kaum mehr als ein Dutzend.

Ein Dorf am Rand des Verschwindens

Und mittendrin: ein grosses Haus, das von der Vergangenheit erzählte – aber selbst kaum noch Zukunft hatte. Das ehrwürdige Post Hotel Löwe – eines der ältesten Hotels Graubündens – ist Ausdruck einer Epoche, in der globale Erfahrung in die alpine Heimat zurückfloss und dort sichtbare Spuren hinterliess. Als die Stiftung Nova Fundaziun Origen das Post Hotel Löwe 2019 von den langjährigen Besitzern übernahm, war dies ein fragiler Moment. 

Das Gebäude war gezeichnet von der Zeit: eine bröckelnde Fassade, beschädigte Dächer, alte Leitungen, Räume voller Spuren – und Geschichten. Man hätte das Haus konservieren oder gar ganz aufgeben können. Stattdessen entschied sich Giovanni Netzer, Gründer und Intendant der Stiftung, für etwas Drittes: Weitererzählen. 

Das Hotel wurde nicht einfach restauriert, sondern als lebendiger Ort neu gedacht. Ein Haus, das genutzt wird. In dem gekocht, Theater gespielt, musiziert und geschlafen wird. Ein Haus, das Menschen zurückbringt. «Mich hat das Dorf an der Julierpassstrasse schon immer fasziniert», erklärt Netzer. «Wenn man über Reisen und Emigration nachdenken möchte, dann ist Mulegns ein guter Ort.» Damit hat er Erfahrung: Bereits 2018 erhielt die Stiftung den Wakkerpreis des Schweizer Heimatschutzes für den vorbildlichen Umgang mit der Baukultur im Nachbardorf Riom.

Erhalt und Erneuerung

Nach zwei umfassenden Sanierungsetappen und vierjähriger Bauzeit feierte das Post Hotel Löwe im Juni 2024 seine offizielle Eröffnung. Für die Sanierung und Renovation arbeitete Netzer eng mit der Bündner Architektin Anja Diener zusammen, die die Stiftung auch bei anderen identitätsstiftenden Bauten unterstützt. 

In einer ersten Etappe standen grundlegende Sicherungs- und Erneuerungsarbeiten im Vordergrund: Die angebaute ehemalige Hotelküche, schon viele Jahre nicht mehr benutzt, musste komplett abgerissen werden, da sie einzustürzen drohte. Das Hotel erhielt neue Kupferdächer, die Leitungen für Wasser und Strom wurden ersetzt, und die Fassade bekam einen Anstrich in sanftem Grün. 

Auch die gestalterischen Elemente wurden behutsam aufgefrischt: Der Sockel erhielt ein Türkisblau, das an die Steine im Bachbett erinnert, die Dachuntersicht wurde in Elfenbein gehalten, ergänzt durch graue Fensterlaibungen und weisse Ecklisenen. Zur Gartenseite hin glänzt der Sockel in Gold, eine kleine Reminiszenz an einen Paradiesgarten. Wo immer möglich, wurden lokale Handwerksbetriebe mit den Arbeiten betraut.

In der zweiten Sanierungsetappe folgte der Feinschliff. Die Heizung wurde erneuert, die Zimmer umfassend saniert, Böden geschliffen sowie Wände und Möbel mit kunstvollen Tapeten und Stoffen ausgestattet. Für diesen gestalterischen Teil holte Netzer den renommierten Textildesigner Martin Leuthold an Bord, einen langjährigen Weggefährten. Leuthold war über vier Jahrzehnte Creative Director der Jakob Schlaepfer AG und prägte das Schweizer Textildesign entscheidend. 

Das Haus als Gesamtkunstwerk

Das Vier-Sterne-Hotel gehört zu den Swiss Historic Hotels und ist weit mehr als ein Ort zum Übernachten: Es vereint Gastronomie, Kultur und Unterkunft unter einem Dach. Wer ein Faible für Tanz oder Musik hat, kombiniert die Übernachtung im Hotel mit dem Besuch einer der Kulturveranstaltungen der Nova Fundaziun Origen. Räume und Geschichten sollten bewusst miteinander verwoben bleiben. 

Statt alles makellos zu restaurieren, entschied man sich, Spuren der Zeit sichtbar zu lassen. Gebrauchsspuren, Überlagerungen und Brüche bleiben optisch wahrnehmbar. So wurde im Löwenstübchen die alte Decke freigelegt und das Täfer instand gesetzt, während im Salon historische Deckenmalereien zum Vorschein kamen. 

Die vielschichtigen Farbaufträge, knarrenden Holztreppen und Gebrauchsspuren erzählen von der Vergangenheit – einer Vergangenheit, in der bereits Persönlichkeiten wie die Nobelpreisträger Albert Schweitzer und Wilhelm Conrad Röntgen sowie Queen Elizabeth II. mit ihrer Mutter zu Gast waren.

Zimmer wie Erzählungen

Inspiriert von dieser illustren Geschichte greift Martin Leuthold die erzählerische Dimension auch in der Ausstattung der Zimmer auf: Inspiration für Muster und Farben fand er in den früheren Gästebüchern von Mulegns. Sein textiles Konzept interpretiert historische Muster neu und verleiht jedem Raum eine eigene, atmosphärische Identität. 

Insgesamt gibt es nur sieben individuell gestaltete Zimmer und Suiten, allesamt alles andere als standardisierte Rückzugsorte, sondern eigenständige Erzählräume. Wer hier übernachtet, betritt keine neutral gestaltete Hotelwelt, sondern ein vielschichtiges Gefüge aus Geschichte, Gestaltung und Imagination.

Die Grundlage bildet ein ebenso einfaches wie kraftvolles Konzept: Jedes Zimmer widmet sich einer europäischen Metropole – inspiriert von den historischen Gästebüchern des Hauses. Mulegns war einst Durchgangsort für Reisende aus ganz Europa. Diese Spuren werden heute nicht rekonstruiert, sondern neu interpretiert. Die Räume erzählen von London, Paris oder St. Petersburg – jedoch nicht als Kulisse, sondern als atmosphärische Verdichtung von Geschichten. 

Die Herangehensweise von Martin Leuthold widersetzt sich bewusst klassischen Hotelkonzepten: Statt einheitlicher Gestaltung entstand jedes Zimmer einzeln, in einem offenen, oft wochenlangen Prozess vor Ort. Farben, Stoffe und Materialien wurden ausprobiert, verworfen, neu kombiniert. 

Visuell fällt zunächst die Opulenz ins Auge. Kräftige Farben, vielschichtige Tapeten und reich gemusterte Stoffe bestimmen die Atmosphäre. Im Kontrast zu all der Üppigkeit sind die Betten der Firma Lehni schlicht und reduziert, die Bettwäsche ist blütenweiss. Einen Fernseher sucht man vergebens. Opulenz und Reduktion stehen sich nicht gegenüber, sondern bedingen einander. 

Eine Neuinterpretation der Belle Époque

Anstatt auf die blosse Wiederherstellung der Vergangenheit setzt Netzer auf eine radikale Neuinterpretation der Belle Époque. Zu den Höhepunkten zählt die Suite Florenz: Changierende blaue Tapeten kleiden die Wände, eine goldene Decke fängt das Licht ein und bringt es zum Schimmern, während ein mit Lilien übersäter Teppich auf die Florentiner Lilie, das Wahrzeichen der Medici-Stadt, verweist. 

Die Petersburger Suite, entstanden aus drei ehemaligen Hotelzimmern, spielt mit Anklängen an Bernstein und Malachit, während im Moskau-Zimmer holografische Tapeten den Raum scheinbar ins Unendliche vervielfachen. Im Londoner Zimmer treffen schottische Tartanmuster auf üppige Monstera-Blätter; ein abgetrennter Bereich mit bequemem Sessel erinnert an die intime Atmosphäre eines Gentlemen’s Club und lädt zum Lesen ein. 

Paris inszeniert sich mit reich drapierten Tapeten; Turin leuchtet in differenzierten Grüntönen – inspiriert von einem farbigen Kissen aus dem hauseigenen Fundus. Einen bewussten Kontrast setzt Helsinki: Nordisch kühl und zurückhaltend, verzichtet das Zimmer weitgehend auf Farbe. Lediglich blauer Linoleumboden und Vorhänge mit verspielten Blütenmustern setzen dezente Akzente. 

Die Badezimmer präsentieren sich als opulente Kleinode. Als tapezierte Räume mit weissen, an antike Waschtische erinnernden sanitären Inseln schlagen sie eine Brücke in die Vergangenheit. Die Wandgestaltungen evozieren dabei ganz unterschiedliche Bildwelten – von Turiner Wassergrotten über die muschelverzierten Räume des Palazzo Pitti bis hin zur prachtvollen Moskauer Metro, in der scheinbar ein Zug vorbeirauscht. 

Die Zimmer sind dabei nicht nur Orte des Aufenthalts, sondern Teil einer räumlichen Dramaturgie. Wie Bühnenbilder reagieren sie auf ihre Umgebung und fordern ihre Nutzer heraus. Der Gast wird zum Akteur, der sich in einem Raum bewegt, der mehr ist als Kulisse: ein verdichteter Ort von Geschichten, Materialien und Atmosphären. 

Im Löwen zeigt sich damit eine besondere Haltung im Umgang mit historischer Substanz: Nicht das Bewahren oder das radikale Erneuern steht im Vordergrund, sondern das Weitererzählen. Die Zimmer sind keine abgeschlossenen Werke, sondern Momentaufnahmen eines fortlaufenden Prozesses – und gerade darin liegt ihre eigentliche Qualität. 

Architektur als Inszenierung

Auch die öffentlichen Räume inszenieren sich als rauschhaftes Farbenspiel: Das Entrée empfängt die Gäste in leuchtendem Sonnengelb, das helle Vestibül ist in einem kräftigen Mauveton gehalten, und der Salon umhüllt den Müssiggänger wie eine warme, braune Höhle. Der Theatersaal schimmert in kühlem Eisblau, während das Fürstenzimmer in Zitronengelb erstrahlt – akzentuiert durch silberne Spitzenvorhänge, die einen markanten Kontrast setzen. 

Selbst die Möblierung folgt konsequent Leutholds gestalterischem Willen: Bestehende Sofas wurden neu mit eigens entworfenen Stoffen bezogen. Ein grossformatiger Teppich zitiert die berühmten Geranien der letzten Hotelière des «Löwen», Donata Willi – mit feinem Gespür fürs Detail, denn selbst die Schnüre, die die Blumen zusammenhalten, sind ins Dessin eingeflossen. 

Die Geranie taucht immer wieder auf: in geätzten Glasscheiben, auf Vorhängen – und sogar als Inspirationsquelle für die Farbgestaltung der Küche. Diese hebt sich bewusst von der sterilen Anmutung moderner Hotelküchen ab und entfaltet stattdessen eine lebendige Szenerie in Hellrot und sattem Grün.

So entstehen Räume, die sich jeder eindeutigen Einordnung entziehen: weder museal noch rein funktional, weder nostalgisch noch im klassischen Sinn avantgardistisch. Der Löwe versteht sich vielmehr als Teil eines grösseren kulturellen Gefüges, in dem Architektur, Theater, Musik und Gestaltung ineinandergreifen – und sich über das Haus hinaus fortschreiben. Selbst im ehemaligen Telegrafenamt gegenüber leben die Motive weiter, etwa in eigens entworfenen Seidenfoulards, die die gestalterische Idee in den Alltag verlängern.

Weitererzählen statt bewahren

Wer heute im Löwen übernachtet, erlebt daher nicht nur ein aussergewöhnliches Hotel, sondern wird Teil eines Prozesses. Mulegns beginnt erneut, sich zu erzählen: Mit der geplanten Wiederbelebung der im Jahr 2020 spektakulär geretteten Weissen Villa soll – nach dem im Mai 2025 eröffneten, 3D-gedruckten Weissen Turm – ein weiteres Kapitel «Zuckerbäckergeschichte» folgen. 

Nicht als museale Rekonstruktion, sondern als lebendige Fortschreibung in Form eines Zuckerbäckermuseums samt Manufaktur und Café. «Ein Ballenberg soll hier nicht entstehen», sagt Netzer, «wir suchen eine neue Form, den Geschichten des Dorfs Platz zu geben». Das Dorf ist noch nicht vollendet – aber es hat wieder eine Stimme gefunden.

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